Zwischen Eros und Erhabenheit: Munchs Madonnen-Darstellungen

Im Zürcher Kunsthaus ist derzeit eine faszinierende Doppelausstellung zur österreichischen Künstlerin Maria Lassnig und dem norwegischen Meister der Melancholie, Edvard Munch, zu sehen. Beide verbindet in ihrem Werk interessante Gemeinsamkeiten. Munch, der aus einer tiefreligiösen Familie stammt, malte auch einige Madonnenbilder: verstörend-schön.

Wolfgang Holz

Das Wort Madonna, das seit Jahrhunderten in der religiösen Kunst die Darstellung der heiligen Gottesmutter Maria in Form von Skulpturen und Gemälden meint, bedeutet auf Italienisch so viel wie «meine Frau». Edvard Munch (1863-1944), der berühmteste norwegische Maler, der als Wegbereiter des Expressionismus gilt, hat diese Bedeutung offensichtlich wörtlich genommen.

Dreiviertelakt mit nackten Brüsten

Denn «seine Madonnen» sehen eigentlich nicht so aus wie man es von Madonnenbilder erwarten würde. Man denkt eher an freizügige Bilder eines Toulouse Lautrec aus dem Pariser Rotlichtviertel um die Jahrhundertwende, wenn man Munchs insgesamt fünf Gemäldefassungen und mehrere farbige Lithographien zu diesem Sujet betrachtet – die er zwischen 1894 und 1902 bildlich komponierte.

Munchs Madonnen zeigen jeweils den Dreiviertelakt einer Frau mit langen, dunklen Haaren. Ihre Augen sind sanft geschlossen, den Kopf hat sie in den Nacken gelegt. Ein blutroter Heiligenschein umfängt ihr Haupt. Die lässig zurückgeworfenen Arme, die mit den wogenden Farben des Hintergrunds verschmelzen, lenken den blick auf ihre nackten, weissen Brüste. Während der Titel Madonna auf die heilige Mutter Gottes verweist, wirkt die Pose der nackten Frau lasziv und erotisch.

Von Spermien umkurvt

Wenn man dieses Gemälde gewahr wird und es mit Klassikern der Madonnen-Darstellung, wie etwa mit Raffaels «Sixtinischer Madonna» (1512/13) vergleicht, die er für den Hochaltar einer italienischen Kirche entworfen hat, wirken Munchs Madonnen fast gotteslästerlich. Zumal auf den stilisierten Rahmen der Madonnen-Bilder auch noch stilisierte Spermien die Mutter Gottes umkurven und kleine Embryos darauf abgebildet sind, die wie Monster aussehen.

Doch würde man Munch wohl falsch interpretieren, wenn man ihn der blossen Verhöhnung der Madonna bezichtigen würde. Für den Norweger, der in vielen seiner grossen Gemälde Frauenfiguren stilisiert und symbolisch mit Bedeutung aufgeladen hat – indem er etwa eine weisse junge Frau neben einer roten und einer schwarzen Frau tanzen lässt (»Der Tanz des Lebens» 1899/1900), um auf diese Weise Jungfräulichkeit, Verführung und Tod zu thematisieren, ist auch der Typus seiner Madonnen allegorisch aufgeladen. Die «Madonna» oder auch «Liebende Frau» soll symbolisch Botschaften übermitteln.

Ambivalente Botschaften

Botschaften, die unterm Strich sehr zwiespältig wirken. Denn zum einen porträtiert er als religiöser Mensch die Madonnen als meditativ erleuchtete, religiös erhabene Wesen mit Heiligenschein.

Andererseits betont er das aus seiner Sicht mächtig Schöpferische der Frau, sprich: die Fähigkeit, neues Leben durch sexuelle Verführung schenken zu können. Eine Dimension, die Munch zu faszinieren, aber auch zu erschrecken scheint.

Auf anderen Bildern thematisiert der norwegische Künstler, der mehrere Liebesbeziehungen hatte, aber nie verheiratet war, weibliche Sexualität noch eindeutiger. Die Lithographie einer jungen Frau mit langen, roten Haaren und stechend grünen Augen trägt den Untertitel «Die Sünde».  Sie sieht wie eine Hexe aus.

Die sieben Todsünden

Munch, der Meister der gemalten Melancholie, der nicht nur unter Alkoholismus und unter psychischen Problemen litt, hat auch in anderen Gemälden, die in der Zürcher Ausstellung nicht zu sehen sind, religiöse Inhalte auf seine persönliche Lebenssituation symbolisch umgedeutet. In «Golgatha» (1900) etwa, der biblischen Kreuzigungsszene, hat er sich während eines Sanatoriumsaufenthalts selbst ans Kreuz gemalt. Doch er vermag im Gegensatz zu Christus die Menschheit nicht von ihren Sünden zu erlösen.

Vielmehr stechen aus der Menge der amorphen Kreuzigungsbesuchenden, die in tiefer Dunkelheit verharren müssen, dem Betrachtenden direkt zugewandt, sieben hässliche Fratzen. Wie Dämonen verkörpern diese die sieben Todsünden – Hochmut, Habgier, Wolllust, Zorn, Völlerei, Neid und Faulheit. Sie sollen auf die Sündigkeit des Malers verweisen, der sich von seinen Lastern offenbar nicht befreien kann. Eine düstere Szenerie.


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