Aufruf gegen Radikalisierung und für verstärkte Zusammenarbeit

Mit seinem Aufruf für eine Gesellschaft, die verbindet und nicht spaltet, trifft der Sicherheitsverbund Schweiz (SVS) einen nicht nur sicherheitspolitischen Nerv. Die «Charta gegen Radikalisierung» bietet einen gemeinsamen Orientierungsrahmen für Dialog, wirksame Prävention und ein Miteinander, das von Offenheit und Respekt geprägt ist.

Stephan Schmid-Keiser*

Meist verebben nach terroristischen Verbrechen die Wellen der Solidarität mit den Opfern. Ebenso verklingt nach wenigen Tagen das Rufen nach verstärkter Prävention. Wie eine Kehrtwende liest sich dagegen die aktuelle Charta, die ihre wichtigsten Inhalte im Plakatformat festhält. Eine umfassende Prävention wird als Prozess in vier Wirkungsfeldern gesehen.

Mit dem Verstehen von Ursachen, Sensibilisieren durch Teilen von Wissen, Vernetzen im Austausch von Erfahrungen, Unterstützen bis zur Reintegration sind Ziele gesetzt, die einen politischen Willen erahnen lassen, der bisher meist fehlte – etwa gegenüber entsprechenden Milieus, in welchen umfassend wirksame Bildungsschritte kaum unterstützt wurden.

Anderer Nationaler Aktionsplan mit Lücken

Bisher lag für die Schweiz ein «Aktionsplan zur Verhinderung und Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus» vor. Dieser sah in der Radikalisierung einen «Prozess, bei dem eine Person immer extremere politische, soziale oder religiöse Bestrebungen annimmt, allenfalls bis hin zum Einsatz von extremer Gewalt, um ihre Ziele zu erreichen».

«Es fiel auf, dass in diesem Plan der Sozialpädagogik keine Rolle zugeschrieben wurde.»

Geplant blieb für die Jahre 2023-2027, «kritisches Denken» zu vermitteln. Ausdrücklich sollten sich daran auch «religiös tätige Betreuungspersonen» beteiligen. Zu welchen Ergebnisse dieser Aktionsplan führte, ist nicht bekannt. Die politische und operative Verantwortung trug in diesem Fall die Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und -direktoren (SODK).

Auch hier ging es um «Sensibilisierung» und «Erhöhung des Wissensstands», bei welcher hinsichtlich operativer Verantwortlichkeit ausdrücklich – wenn auch nicht allein – Bildungsinstitute in die Pflicht genommen wurden. Es fiel auf, dass in diesem Plan der Sozialpädagogik keine Rolle zugeschrieben wurde, dabei ermöglichen sozialpädagogische Impulse, Jugendliche in ihrem Umfeld adäquat zu begleiten. Schliesslich ginge es darum, ihnen in fordernder Zuwendung zu begegnen, wo Gefahr auszugehen droht.

Eine Herkulesaufgabe

Mit der Charta aus dem Sicherheitsverbund Schweiz (SVS) steht nun zumindest fest, dass «Zivilgesellschaft, Politik, Bildung und Forschung am selben Strang ziehen». Man setzt auf vereintes Handeln durch Einbezug unterschiedlicher Perspektiven und Lebensrealitäten.

Einem Herkules-Bündel an Aufgaben gleicht die erhoffte Wirksamkeit der Prävention, welche Herkunft, Religion, Geschlecht, Generationen, Sprache oder unterschiedliche soziale Schichten berücksichtigen. Es ist ein ganzer Bildungs-Kanon, der hier angesprochen wird. Was aber, wenn die Bildungsinstitutionen selbst an ihre Grenzen stossen?

Vergessen geht eine interkulturelle Dimension

Die Erfahrung zeigt, dass das Potential zu Gewalttaten in einigen Fällen durch therapeutische Massnahmen eingeschränkt werden kann. Willigen junge Menschen doch noch für ihre Reintegration ein, ist es für sie die Chance ihres Lebens, zu konstruktivem Verhalten mit sich selbst und ihrer Mitwelt zu finden.

«So ist sowohl in der islamisch geprägten Lebenswelt wie im hauptsächlich säkularisierten Europa aktuell das Einüben in die Übernahme von Verantwortung nicht mehr selbstverständlich vorgezeichnet.»

Es bedarf dazu entsprechender Anstrengungen, primär getragen durch Einübung in eine selbstbestimmte Bewältigung des Alltags. Hier jedoch findet sich der Kern eines interkulturell belasteten Problems. So ist sowohl in der islamisch geprägten Lebenswelt wie im hauptsächlich säkularisierten Europa aktuell das Einüben in die Übernahme von Verantwortung nicht mehr selbstverständlich vorgezeichnet.

Interkulturelle Begegnungen offenbaren seit Jahrzehnten, wie Menschen verunsichert nach innerem Halt suchen. Sozialpsychologische Faktoren spielen eine nicht unwesentliche Rolle, wie ein kurzer Rückblick zeigt.

Inneres Zerrissensein verunsicherter Generationen

Nicht weit zurück benannte der mit der arabischen Welt näher bekannte Theologe Ulrich Schoen (1926-2016) bei seinen Darlegungen zu einem ›offenen Islam’ im 20. Jahrhundert den so genannten «Qalaq» – einen Zustand von «Unruhe und Angst, Spannung und innerlichem Gespaltensein».

«Zwischen den Trümmern der zerstörten alten Welt stehend, hat der arabische Mensch seine Ruhe und seine Sicherheit verloren.»

Der Philosoph und Arzt Mustafa Mahmud (1921-2009) sah gar darin den «Schrei auf jedem Gesicht, ein Zustand, von dem die ganze Gesellschaft in allen ihren Aspekten zeuge. Zwischen den Trümmern der zerstörten alten Welt stehend, hat der arabische Mensch seine Ruhe und seine Sicherheit verloren.»

Es ist wohl auch dieses tragische innere Zerrissensein, das zusammen mit einer existenziellen Ungeborgenheit junger Menschen in West und Ost ab der Jahrhundertwende terroristischen Kreisen in die Hände spielt. In diese geraten verunsicherte Generationen, die von den Spätfolgen des Kolonialismus traumatisiert wurden. Jene unter ihnen, die mit Versatzstücken religiöser Ideen konfrontiert sind, lassen sich in extremis zum Mord an Unschuldigen manipulieren und rennen nicht selten selbst in den Tod.

*Stephan Schmid-Keiser (* 1949) promovierte in Liturgiewissenschaft. Nach langjährigem Engagement in Pfarreien des Bistums Basel ist er nachberuflich publizistisch tätig.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/aufruf-gegen-radikalisierung-und-fuer-verstaerkte-zusammenarbeit/