«Hätte auch uns treffen können»: Queere Gläubige zeigen sich betroffen

«Die Sicherheit von queeren Menschen ist keine Garantie», sagt Mentari Baumann nach dem Terroranschlag auf den Christopher Street Day in Berlin. Der Anschlag löste auch an der BernPride Betroffenheit aus. «Wir leisten Widerstand gegen Hass und Gewalt», sagt Mathias Tanner von der queeren multireligiösen Feier an der BernPride.

Jacqueline Straub

«Diese Tat zeigt vor allem, dass die Sicherheit von queeren Menschen keine Garantie ist», sagt Mentari Baumann, lesbische Katholikin und Geschäftsführerin der Reformbewegung «Allianz Gleichwürdig Katholisch», zum Terroranschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin.

Während der Feierlichkeiten im Anschluss an den CSD fuhr am Samstagabend ein Auto in eine Menschenmenge am Berliner Tiergarten. Dabei wurde eine Person getötet, 29 weitere wurden teils schwer verletzt. Der mutmassliche Täter, ein 21-jähriger Deutscher mit libanesischen Wurzeln, soll zuvor mehrfach versucht haben, sich im Ausland der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) anzuschliessen.

Auch am Pridefestival in Bern hinterliess der Anschlag tiefe Betroffenheit. Bei der ersten queeren multireligiösen Feier am Sonntag in der christkatholischen Kirche St. Peter und Paul, die im Rahmen der BernPride stattfand, gedachten die Teilnehmenden der Opfer mit einer Schweigeminute.

Queere und nichtqueere Menschen des Hinduismus, des Judentums, Buddhismus, Christentums und des Islams feierten gemeinsam einen Gottesdienst, der die Offenheit verschiedener Religionen gegenüber queeren Menschen sichtbar machen sollte.

«Wir sind alle schockiert, fassungslos und traurig. Es hätte auch uns treffen können», sagt Mathias Tanner von den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und Hauptverantwortlicher der multireligiösen Feier im Namen des Organisationskomitees gegenüber kath.ch.

120 Teilnehmende an Feier

Die Schweigeminute wurde zu Beginn der Feier spontan organisiert. Sie gab den rund 120 Teilnehmenden Gelegenheit, innezuhalten, der Opfer und ihrer Angehörigen zu gedenken und ihre Verbundenheit auszudrücken.

«Uns wurde auch bewusst, wie wichtig unsere queere multireligiöse Feier ist. Sie gibt queeren Menschen verschiedener Religionen die Gelegenheit, sich zu zeigen und gehört zu werden – so, wie Gott sie geschaffen hat.» Gleichzeitig konnten sie erfahren, dass sich queere und religiöse Identität nicht ausschliessen.

Tanner zeigt sich zugleich besorgt, dass einzelne Religionen nun auf ihre Fundamentalisten reduziert werden könnten. «Wir leisten Widerstand gegen jede Form von Abwertung, Diskriminierung, Hass und Gewalt. Wir setzen uns für die Würde und die Rechte aller Menschen, für lebensdienliche Religionen und für ein friedliches Zusammenleben ein.»

Da es in den meisten Religionen queerfeindliche Haltungen gebe, sei der Dialog entscheidend. Es gelte, Menschen darüber aufzuklären, dass niemand seine sexuelle Orientierung wählen könne.

Queerfreundliche Texte und Traditionen

Ebenso wichtig seien persönliche Begegnungen zwischen queeren und nicht-queeren Menschen. Darüber hinaus müssten religiöse Texte und Traditionen kritisch hinterfragt werden, wenn sie queerfeindlich ausgelegt würden.

«Es gibt in allen Religionen auch queerfreundliche Texte und Traditionen. Gott hat alle Menschen nach seinem Bild geschaffen und für gut befunden. Gott ist die Liebe, und seine Liebe gilt allen Menschen – unabhängig von ihrer sexuellen Identität oder Orientierung.»

Mentari Baumann war während zweier Jahre Präsidentin der Zurich Pride und kennt die Sicherheitsfragen aus eigener Erfahrung. «Wer sich für queere Rechte einsetzt und dafür auf die Strasse geht, hat die Gefahren vermutlich immer im Hinterkopf.»

Als Präsidentin habe sie am Sicherheitsdispositiv mitgearbeitet, das jeweils gemeinsam mit der Polizei entworfen wurde. Der Umgang mit Hassattacken gehörte zu den Vorbereitungen. «Auch wenn mensch damit rechnet, dass so etwas irgendwann irgendwo passieren kann, mindert es nicht die Erschütterung.»

Gesellschaft muss Sorge tragen

In der breiten Gesellschaft bestehe oft der Eindruck, die Gleichstellung sei bereits erreicht. «Dem ist leider nicht so», sagt Baumann. Im aktuellen gesellschaftlichen Klima müsse verhindert werden, dass bereits Erreichtes wieder infrage gestellt werde. «Gesellschaftlich und politisch müssen wir jetzt auch Sorge dazu tragen, dass wir differenziert bleiben und dass das Attentat nicht für rassistische und islamophobe Politik missbraucht wird.»

Online spüre sie derzeit eine grosse Verbundenheit unter queeren Pfarrpersonen und Kirchenmenschen. «Es wurden Gebete, Gedanken und viel Mitgefühl geteilt», sagt sie. «Ich sehe im Moment viel Liebe füreinander – das ist schön und wichtig.»

Gleichzeitig betont Baumann: «Jedes Mal wenn ein Mensch aufgrund seiner sexuellen Orientierung oder seiner Geschlechtsidentität anders behandelt wird, fängt Queerfeindlichkeit an.» Die Kirche habe über Jahrhunderte bis heute die Bibel als Argument genutzt, um queere Menschen und Lebensentwürfe zu diskreditieren. «Das hat Menschen, Gemeinschaften und Gesetze beeinflusst.»

Auch der deutsche Influencer und reformierte Pfarrer Tim Lahr findet auf Instagram deutliche Worte. Die Anteilnahme mancher christlicher Influencer wirke auf ihn «heuchlerisch». Ihm sei bewusst, dass christlicher Fundamentalismus und islamistischer Terror nicht dasselbe seien.

«Aber Hass folgt oft demselben Prinzip: Er beginnt mit Worten, schafft Feindbilder und kann in Gewalt enden.» Weiter schreibt er: «Ihr könnt nicht jahrelang Öl ins Feuer giessen und euch anschliessend betroffen neben den Brand stellen. (…) Wer wirklich Anteil nimmt, muss mehr tun als beten: Überprüft eure Theologie, löscht queerfeindliche Inhalte, widerspricht euren Communitys, entschuldigt euch bei den Menschen, die ihr verletzt habt.»


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https://www.kath.ch/newsd/haette-auch-uns-treffen-koennen-queere-glaeubige-zeigen-sich-betroffen/