Wenn Kunst quasi eine Religion sein will

Kunst und Religion haben jahrhundertelang eine Win-Win-Situation verkörpert. Weil Religion die bildhafte Anschauung in den Kirchen brauchte, um dem Volk Gott und Glauben näherzubringen. Andererseits verdankt die Kunst ihre ausserordentliche gesellschaftliche Bedeutung und ihren Wert nicht zuletzt infolge der Verbildlichung des Göttlichen. In Paris ist derzeit die Ausstellung eines ungarischen Malers der Moderne zu sehen, der religiöse Sujets im Grossformat malte – ohne an Gott zu glauben.

Wolfgang Holz

Wer vor den riesigen Gemälden des in Europa eher weniger bekannten ungarischen Künstlers Karoly Ferenczy (1862-1917) im «Petit Palais» in Paris steht, ist erstmal beeindruckt. Und gleichzeitig irgendwie befremdet.

Eigentümliche Bibelsujets

Beeindruckt, weil man selten Szenen aus der Bibel, gemalt von einem Künstler um die Jahrhundertwende, so plastisch und naturalistisch dargestellt, erwarten würde. Anderseits sagt einem sofort eine innere Stimme, dass etwas sehr Eigentümliches aus diesen Bibelsujets spricht.

Da ist vor allem das zentrale Werk «Bergpredigt». Gemalt 1896. 1,30 Meter auf 2 Meter gross. Während man bei Darstellungen der Bergpredigt Jesu gewohnt ist, Christus frontal mit beschwörender symbolischer Gestik vor einem meist grossen Publikum reden zu sehen, dem zeigt der Künstler auf seinem Gemälde eine ganz andere Perspektive.

Jesus kehrt den Rücken zu

Etwas oberhalb der Szenerie schwebend, erkennt man im Vordergrund des Bildes den auf einer Wiese sitzenden Jesus von der Seite, dem Betrachter den Rücken zukehrend. Seine Hände unterstreichen, entspannt auf seinen Knien ruhend, seine Rede. Um ihn herum lagern im Grün ein gutes Dutzend Personen, in bürgerlicher und bäuerlicher Tracht gekleidet. Man meint, es handle sich bei der «Bergpredigt» von Karoly Ferenczy um ein ruhiges, intimes Setting des dramatischen Bibel-Sujets. Jesus auf dem Dorfe, quasi.

Doch es steckt noch eine ganz andere Botschaft hinter dem Bild, die über das Biblische hinausgeht. Denn zum einen fällt auf, dass der ungarische Modernist, der verschiedene Stile des 19. und angehenden 20. Jahrhunderts in seinem Werk vereint, in seinem Bergpredigt-Gemälde vor allem der Natur grossen Raum schenkt: Zwei Drittel des Bildes zeigen nämlich grüne Bäume und sonnenbeschienene Hügel. Es geht ihm also vor allem um die Natur. In der Natur.

Spirituelle Freiluftmalerei einer idealen Gemeinschaft

Und wenn man dann noch jene Schwarzweiss-Fotographie entdeckt, die den Künstler vor anderen Künstlerkollegen auf einer ähnlichen Wiese reden sieht, in einer ähnlichen Pose wie Jesus, wird klarer, was Ferenczy, uns verschlüsselt mitzuteilen versucht: Dass er sich selbst nämlich als Führer und als Leitfigur einer neuen Malereibewegung stilisiert, welche die Pleinair-Malerei, also die Freiluftmalerei, neu in Ungarn ins Leben gerufen hat. Und zwar in der kleinen transsylvanischen Bergarbeiterstadt Nagybanya, die für ihn und andere Maler ein gutes Jahrzehnt lang zur Künstlerkolonie, zum «Mal-Mekka», avanciert. Kunst und Künstlersein wird zum spirituellen Erlebnis, zu einer Art Religion.

Oder, wie es Annick Lemoine, Direktorin des Musee d’ Orsay und der «Orangerie» in Paris, in ihren Worten im Katalog zur Ausstellung formuliert: «Unter dem Deckmalntel der Bibelszene repräsentiert der Künstler Karoly Ferenczy auf seinem Gemälde in der Realität die Mitglieder der Künstlerkolonie, Freunde und Bekannte, vereint wie in einer idealen Gemeinschaft.»

Sakrale Dimension

Alain Vircondelet bemerkt seinerseits, dass die Malerei des ungarischen Künstlers eine «neue Art von Freiheit manifestiere, genährt durch einen lyrischen Symbolismus».

Ferenczy kreiere auf diese Weise eine «meditative Ruhe, eine spirituelle Anmut, die, ohne religiös im engeren Sinn zu sein, seinem Werk beinahe eine sakrale Dimension bescheren.» Wobei Karoly Ferenczy selbst sehr hohe moralische Werte für sein Werk postulierte: Hält er doch fest, dass nicht Schönheit das Ziel von Kunst sei, sondern die Wahrheit. Ob das für seine spätere erotische Aktmalerei auch noch so zutrifft?

Wie dem auch sei. Ein anderes Gemälde seiner biblischen Kunst-Sujets scheint deutlich mehr Religiösität zu atmen als seine mysteriöse «Bergpredigt». In seiner «Kreuzabnahme» von 1906, wieder in die kleinräumige Szenerie eines ländlichen Settings versetzt, wird der vom Kreuz abgenommene Leichnam Jesu dramatisch durch fast abstrakte, blendend helle Farbflächen beleuchtet.

Seine Mutter Maria, auf Knien, reckt verzweifelt wie in Trance ihre Arme zum Himmel, ihre Augen mystisch geschlossen. Doch auch in diesem Gemälde agiert ein Moment der Verfremdung: Denn die Gottesmutter Maria wirkt deutlich jünger als ihr gekreuzigter Sohn. Und sie trägt einen schimmernden Seidenumhang, der ihr etwas Seherisches, ja fast Magisches verleiht. Hat sie womöglich schon die Auferstehung im Blick? 

*Die Ausstellung Karoly Ferenczy ist im Petit Palais in Paris bis zum 6. September zu sehen.


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