Der Friedenspapst als Freund der Schweizergarde

Die Vereidigungszeremonie der Schweizergardisten fand am Mittwochabend in Rom im Beisein des Papstes statt. Als Ehrengäste aus der Schweiz waren Bundespräsident Guy Parmelin, Nationalratspräsident Pierre-André Page und Ständeratspräsident Stefan Engler angereist. Die Delegation des Gastkantons Thurgau wurde vom Regierungspräsident Dominik Diezi geführt.

Stefan Betschon

Regen in Rom. Wegen des schlechten Wetters musste am Mittwochabend die feierliche Vereidigung der Schweizergarde in einen Innenraum verlegt werden. Statt wie üblich unter freiem Himmel im Damasushof, einem Innenhof des Apostolischen Palastes in unmittelbarer Nähe zur Sixtinischen Kapelle, wurden die Gardisten heuer in der Vatikanischen Audienzhalle vereidigt.

Wiederkehrende Albträume

Diese Halle war Ende der 1960er Jahre vom italienischen Bauingenieur Pier Luigi Nervi im Auftrag des Papstes Paul VI. gebaut worden. Vor kurzem sollen auf dem Dach Solarpanels installiert worden sein. Sichtbar ist in unmittelbarer Nähe des Eingangs eine Solartankstelle.

Im Innern der Halle verkürzt ein Jugendblasorchester aus dem Thurgau den Anwesenden die Wartezeit. Als die jungen Musikanten die Bühne verlassen, zieht auf der Rückwand eine grosse Skulptur die Blicke auf sich: Das Werk des italienischen Bildhauers Pericle Fazzini ist 20 Meter breit und sieben Meter hoch. Es heisst «La Resurrezione» und zeigt den wiederauferstandenen Jesus vor dem Hintergrund einer durch Atombomben zerstörte Welt – ein Albtraum aus den Zeiten des Kalten Krieges, der uns heute wieder heimsucht.

Grosses Publikum

Die Vatikanische Audienzhalle – auch «Sala Nervi» oder «Aula Paolo VI» genannt – bietet unter einer hohen, gewölbten Decke, die von Rippen getragen wird, Platz für 6500 Stühle. Diese Sitzplätze waren am späteren Nachmittag kurz vor fünf Uhr grösstenteils besetzt. Schätzungsweise 5000 Personen, darunter viele Schweizerinnen und Schweizer, starrten auf den einen leeren Stuhl in der Mitte der vordersten Reihe, ein weiss gepolsterter Sessel auf einem kleinen Teppich, der für Papst Leo XIV. reserviert war.

Rechts von diesem Stuhl sass Bundespräsident Guy Parmelin mit seiner Frau. Weitere wichtige Persönlichkeiten in der ersten Reihe: Nationalratspräsident Pierre-André Page, Ständeratspräsident Stefan Engler, Korpskommandant Benedikt Roos, Chef der Schweizer Armee, sowie Vertreter der Schweizer Bischofskonferenz: Joseph Maria Bonnemain, Bischof von Chur, Urban Federer, Abt des Klosters Einsiedeln, und Charles Morerod, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz und Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg.

Langsamkeit

Plötzlich wird es still im Saal. Alle stehen auf. Auf der linken Seite der Bühne öffnet sich eine Tür und eine weiss gewandete Gestalt betritt den Saal. Begleitet wird er vom Kommandanten der Schweizergarde, Christoph Graf, und vom Gardekaplan, dem Benediktinerpater Kolumban Reichlin. Mit federnden Schritten bringt der Papst die Treppenstufen hinter sich und nähert sich seinem Sessel. Bevor er sich hinsetzt, schüttelt er dem Bundespräsidenten die Hand.

Trompetenklänge. Auf der Bühne haben sich drei Gardisten aufgestellt mit Langtrompeten. Eine Männerstimme schreit ein Kommando. Am anderen Ende der Halle antworten Trommeln. Gefolgt vom Fähnrich schreiten drei Trommler durch den Mittelgang. Hinter der Fahne Gardisten mit Musikinstrumenten, dann Gardisten im silbern glänzendem Harnisch und mit Hellebarden.

Unendlich langsam bewegt sich dieser Zug in Richtung Bühne. Es dauert fast 15 Minuten, bis die Gardisten die Bühne erreicht und sich in zwei Gliedern aufgestellt haben.

Jetzt hat der Kommandant der Garde das Wort. In seiner Ansprache, die er auf Italienisch hält, benutzt er sehr oft das Wort «servizio»: Dienst. Das Wort habe in der heutigen Gesellschaft keinen guten Klang mehr, es werde oft als Hindernis für die Selbstverwirklichung wahrgenommen. Doch Graf zufolge macht es den Kern des Menschseins aus, für andere da zu sein. «Erst indem wir unsere Talente für andere einsetzen, entfalten wir uns wirklich. Wer dient, findet den Schlüssel zu echter Erfüllung.»

Lautes Geschrei

Die Schweizergarde hat die Aufgabe, die Eingänge zur Vatikanstadt zu bewachen und den Papst auf Reisen zu begleiten. Der Sollbestand dieser Truppe beträgt 135 Mann, alles junge katholische Schweizer, die die Rekrutenschule absolviert und das 30. Altersjahr noch nicht erreicht haben. Das Korps umfasst Gardisten aus allen Sprachregionen der Schweiz. Die meisten Mitglieder des Korps kommen aus dem Kanton Wallis, gefolgt von den Kantonen Tessin und Luzern.

Unmittelbar vor der Vereidigungszeremonie spielt die Blasmusik der Garde – die sogenannte «Banda» – die Schweizer Nationalhymne. Viele im Publikum singen mit.

Jetzt erreicht der Abend seinen Höhepunkt: 28 junge Gardisten werden vereidigt. Diese Zeremonie ist geprägt von lautem Geschrei. Einer nach dem anderen tritt vor, legt die Hand auf die Fahne und schreit aus voller Brust: «Ich schwöre, treu, redlich und ehrenhaft zu dienen dem regierenden Papst und seinen rechtmässigen Nachfolgern und mich mit ganzer Kraft für sie einzusetzen, bereit, wenn es erheischt sein sollte, für ihren Schutz selbst mein Leben hinzugeben.»

Für die Sicherheit des Papstes

Für Papst Leo XIV. ist es bereits das zweite Mal, dass er bei einer Vereidigungszeremonie der Schweizergarde dabei ist. Als er im vergangenen Jahr im Damasushof diesem Ereignis beiwohnte, war das eine grosse Überraschung. Während Jahrzehnten musste die Schweizergarde bei der Vereidigung ohne Papst auskommen.

Aus dem innersten Kreis der Garde waren diese Woche Stimmen zu vernehmen, die die Befürchtung äusserten, die Anwesenheit des Papstes bei der Vereidigungszeremonie könnte der Garde die Show stehlen.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Anwesenheit dieses Papstes, der sich in seiner kurzen Amtszeit immer wieder für den Frieden eingesetzt, der sich bereits den Titel eines Friedenspapstes verdient hat – die Anwesenheit dieses Papstes rückt diesen Anlass erst ins richtige Licht.

Lehren aus der Vergangenheit

Der Papst wird am Donnerstag den amerikanischen Aussenminister Marco Rubio im Vatikan empfangen. Die Beziehungen zwischen dem Vatikan und der amerikanischen Regierung sind derzeit eher unterkühlt. Nachdem der amerikanische Präsident Flugzeugträger und Langstreckenbomber in den Krieg gegen Iran geschickt hatte und sich damit brüstete, die technischen Möglichkeiten und die Entschlossenheit zu besitzen, eine andere Zivilisation in die Steinzeit zurückzubomben, liess es sich der Papst nicht nehmen, zum Frieden aufzurufen. In seiner Osterbotschaft sagte er vor mehreren Zehntausend Menschen auf dem Petersplatz in Rom: «Wer Waffen in der Hand hält, lege sie nieder! Wer die Macht hat, Kriege zu beginnen, entscheide sich für den Frieden! Nicht für einen Frieden, der mit Gewalt erzwungen wird, sondern durch Dialog!»

Die Schweizergarde ist Teil eines umfassenderen Systems zum Schutz des Papstes. Zu diesem Sicherheitsdispositiv gehören auch Soldaten der italienischen Armee, Polizisten, zivile Personenschützer. Vermutlich könnte die Sicherheit des Papstes auch ohne die altmodisch gekleideten Schweizer garantiert werden.

Doch diese jungen Männer bilden nicht einen Trachtenverein, sie halten eine Tradition am Leben, die eine wichtige Erkenntnis der Vergangenheit für die Nachgeborenen aufbewahrt und bewacht.

Gegen den Krieg

Die Vereidigungszeremonie, die üblicherweise am 6. Mai durchgeführt wird, erinnert an den «Sacco di Roma», an die Plünderung Roms in den Tagen nach dem 6. Mai 1527 durch marodierende Söldnertruppen, die ermordeten, was sich ihnen in den Weg stellen, vergewaltigen, was sich nicht wehren konnte und raubten, was ihnen wertvoll zu sein schien. Tausende von Menschen starben, ein Grossteil der Kunstschätze Roms wurde gestohlen. Die Schweizergarde wurde aufgerieben; von 189 Mann bezahlten 147 ihren Einsatz für den Papst mit dem Leben.

Im Gedenken an dieses Ereignis wird jährlich am Tag vor der Vereidigung, auf der Piazza dei Protomartiri im Vatikan ein Kranz niedergelegt. Bei dieser Feier am Dienstagabend – in Anwesenheit von Kardinälen, Schweizer Bischöfen und Vertretern der Schweizer Politprominenz – legte der Kommandant der Schweizergarde Wert auf die Feststellung, dass die gefallenen Gardisten nicht Helden gewesen seien, sondern Opfer. Zusammen mit Tausenden von Menschen hätten sie ihr Leben verloren als Opfer eines sinnlosen Krieges.

Das Ziel der Kranzniederlegung müsse deshalb sein, dafür zu sorgen, dass es Ereignisse, die Kranzniederlegungen nach sich ziehen, in Zukunft nicht mehr gibt.

Nach der Vereidigungszeremonie sprach der Papst ein paar Worte des Dankes, verabschiedete sich auf Italienisch, Französisch und auf Deutsch: «Einen schönen Abend und ein schönes Fest!». Dann verliess er die Audienzhallte durch die Tür, durch die er sie betreten hatte. Alle erhoben sich, Applaus füllte die Halle. Vereinzelt waren Rufe zu hören: «Viva il Papa»!


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