«Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn…» So ist es im Matthäus-Evangelium zu lesen. Gibt es solche Hardcore-Faster auch in der Realität? Es gibt sie. Aus schicksalhafter Motivation heraus, wie Fastenexpertin Nadine Valet weiss.
Wolfgang Holz
Viele Menschen fasten eine Woche. Oder zehn Tage. Die Variation an Möglichkeiten ist gross. Suppen und Säfte statt fester Nahrung, beispielsweise. Aber gibt es eigentlich auch so richtige Extremfasterinnen und -faster, die es Jesus in der Bibel nachtun und länger als einen Monat fester Nahrung entsagen?
Es gibt solche Fälle durchaus, wie Nadine Valet auf Anfrage von kath.ch bestätigt. Die 46-jährige Deutsche, Mutter von drei Kindern, ist eine an der Deutschen Fastenakademie ausgebildete Fastenbegleiterin, die sich mit ihrer Fastenretreat-Agentur Zero & You selbstständig gemacht hat und regelmässig Fastenwochen in der Schweiz organisiert und betreut.
Zwar hat sie solche extrem fastenden Personen noch nicht selbst begleitet. Aber aus Gesprächen mit Teilnehmenden aus ihren Fastengruppen weiss sie von solchen Hardcore-Beispielen.
«Da gibt es zum Beispiel jenen Mann, der 14 Tage lang nichts getrunken hat», erzählt Valet. Das sei natürlich nicht gesund, sogar schädigend, weil der Körper und vor allem das Gehirn genügend Flüssigkeitszufuhr brauchten, um zu funktionieren.
Der Mann hatte sich jedoch bewusst für dieses Extremfasten entschieden, weil er damit den Tod seiner Tochter, die bei einem Unfall ums Leben kam, verarbeiten wollte – indem er offenbar versuchte, sich selbst zugrunde zu richten.
«Er konnte den Schmerz nicht mehr ertragen.»
«Der Mann konnte einfach nichts mehr zu sich nehmen, er konnte den Schmerz nicht mehr ertragen», so Valet. Der Familienvater habe diese Entscheidung bewusst getroffen, seine Angehörigen mussten dies akzeptieren. «Irgendwann gelang es ihm schliesslich, die Kurve zu kriegen – nicht zuletzt dank der Unterstützung anderer Menschen – und ihm wurde bewusst, dass es nichts bringt, sich selbst gewissermassen aufzugeben.»
Ein nicht untypischer Fall von Extremfasten in den Augen von Nadina Valet. Denn gerade der Verlust eines lieben Menschen bringe Personen dazu, so radikal auf Essen und Trinken zu verzichten. Es gebe auch Menschen, die 50 Tage lang nichts gegessen haben und in dieser Zeit nur von Suppen und Säften sowie von Nahrungsergänzungsmitteln gelebt haben.
Solches Extremfasten sei so zu verstehen, dass diese Fastenden unter solch radikalem Verzicht auf Nahrung zu einer Lebensentscheidung heranreiften, die sie unter normalen Bedingungen nicht zu erreichen glaubten.
«Bei solchem Extremfasten kann es dann zu Gewichtsverlusten von bis zu rund einem Drittel des Körpergewichts kommen», skizziert Nadine Valet. Wobei, wie gesagt, solche Formen des Extremfastens keineswegs gesund seien. Anschliesend brauche der Körper Zeit, bis sich Magen, Darm und andere Organe wieder an die normale Verdauung und ihren gewohnten Rhythmus gewöhnt hätten.
«Das Wertvollste und Faszinierendste am Fasten ist aus meiner Sicht, diese unbeschreibliche innere Leere zu spüren, die durch den Verzicht auf Nahrung entsteht.»
Andererseits kann Fasten allgemein in den Augen von Nadina Valet, die regelmässig in der Schweiz, unter anderem im Kloster Fischingen, im Kurhaus Bergün, Adelboden oder in der Casa Santa Stefano im Tessin Fastenveranstaltungen leitet, durchaus sehr wertvoll sein. Dabei kämen auch spirituelle Momente zum Tragen kommen, wie etwa bei Meditationsübungen.
«Das Wertvollste und Faszinierendste am Fasten ist aus meiner Sicht, diese unbeschreibliche innere Leere zu spüren, die durch den Verzicht auf Nahrung entsteht», erklärt Nadina Valet. Und dies nicht nur mit dem Ziel abzunehmen. Da man sich keine Gedanken mehr machen müsse über Essen, entstünde dann eine völlig neue Klarheit im Kopf. Im Denken. In der persönlichen Entscheidungsfindung und Entwicklung.
Und nicht nur das. Es vollziehe sich ein bewusstes «Resetting» in Bezug auf das, womit man in Zukunft diese innere Leere wieder «füllen» wolle. Viele suchten nach Wegen, sich neu zu reduzieren. Valet: «Unterm Strich wird ja nicht nur auf Nahrung verzichtet, es kommen beim Fasten auch Beziehungen, Freundschaften und Lebensgewohnheiten plötzlich auf den Prüfstand.»
«So eine Fastenwoche kann deshalb mehr positive Wirkung für den Einzelnen haben als beispielsweise ein Wellness-Urlaub mit Freunden.»
Gleichzeitig würden Körper und Geist infolge dieser «inneren Leere» viel neue Energie und Stärke tanken. «So eine Fastenwoche kann deshalb mehr positive Wirkung für den Einzelnen haben als beispielsweise ein Wellness-Urlaub mit Freunden», ist Nadine Valet überzeugt.
Auch der Glaube könne beim Fasten, das ja in der Religion und in verschiedenen Kulturen traditionell durch Fastenzeiten verankert sei, für religiöse Teilnehmende eine wichtige Stütze sein. Selbst wenn rund dreiviertel der Teilnehmenden in ihren Gruppen über keinen expliziten religiösen Hintergrund verfügten.
Während ihres aktuellen Fastenkurses, den sie jüngst in Malcatone im Tessin abgehalten habe, sei zum Schluss eine «Mahlfeier» auf dem Programm gestanden. Nadine Valet: «An diesem Anlass ist dann genau diese Bibelstelle unter den Teilnehmenden vorgelesen, in der Jesus 40 Tage in der Wüste fastet.» Womit sich der Kreis zum Extremfasten und zum religiösen Ursprung des Fastens wieder schliesst.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/fastenexpertin-zu-extremfasten-mann-konnte-schmerz-nicht-mehr-ertragen/