Die Bilder der Bibel prägen unser Denken und Sprechen. Sie prägen Denken und Sprechen auch von Menschen, die die Bibel nie gelesen haben. Und leider kommt es auch vor, dass Fehlinterpretationen und Falschübersetzungen von biblischen Texten sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt haben. Wie eine berühmte Aussage aus der Bergpredigt oft zitiert und meist falsch verstanden wird, erklärte in seinem Fastenvortrag in Luzern der Alttestamentler Matthias Ederer.
Stefan Betschon
Die Welt ist aus den Fugen. Und alle Versuche, sie mit ein paar Hammerschlägen wieder zusammenzuklopfen, machen alles nur noch schlimmer. Das Problem und die Lösung des Problems seien – so liest man im «Spiegel» – mit einer «Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Logik» miteinander verbunden. Das kommt nicht gut, wie der Autor mit dem Adjektiv «archaisch» andeutet, das er dieser Logik beigesellt.
Es geht um die amerikanische Wirtschaftspolitik. Neben dem «Spiegel» haben etwa der «Blick» oder in einem Leitartikel des «Chefökonomen» (Peter Fischer) auch die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ), europäische Politiker davor gewarnt, sich gemäss dem Bibelwort «Auge um Auge, Zahn um Zahn» zu verhalten.
In seinem Fastenvortrag in der Luzerner Jesuitenkirche hat sich Matthias Ederer am Sonntag mit dieser Logik beschäftigt. Er ist an der Universität Luzern Professor für die Exegese des Alten Testaments, doch sein Vortrag führte ihn zunächst zum Neuen Testament, zur Bergpredigt, zu der Stelle im Matthäusevangelium (5,38), wo Jesus eine christliche Ethik formuliert, die sich – so scheint es auf den ersten Blick – abhebt von der archaischen «Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Logik».
Noch vor der Bibelexegese stand aber in Ederers Vortrag die Medienkritik. Ein Blick in die Zeitungen zeigt, dass zwar Bibelworte auch heute noch in den Redaktionsstuben rasch bei der Hand sind. Doch leider kennen viele Journalisten die Bibel nur vom Hörensagen.
Es geht um amerikanische Wirtschaftspolitik oder auch um die Kriege im Nahen Osten. Wenn diese Kriege Thema sind, dauert es meist nicht lange, bis das Bibelwort von den Augen und den Zähnen bemüht wird. Gewalt gegen Iran sei keine Lösung, so schreibt in einem Leitartikel NZZ-Chefredaktor Eric Gujer.
Die brutalen Terroranschläge der Hamas hätten «eine unerbittliche Logik in Gang» gesetzt, dieser «Zivilisationsbruch» habe die «Pforten der Hölle» geöffnet. «Jetzt gilt wieder Auge um Auge, Zahn um Zahn.» Womit wohl gesagt sein soll: Anstelle einer politisch austarierten Lösung, anstelle eines Ausgleichs, anstelle von Gerechtigkeit tritt nun blindwütige Rache.
In der Art und Weise, mit der Medienschaffende im Zusammenhang mit Kriegen, in die Israel verwickelt ist, auf die Bergpredigt verweisen, glaubt Ederer antisemitische Untertöne erkennen zu können. Ein Blick in die Schweizer Mediendatenbank kann diesen Verdacht aber nicht bestätigen.
Wohl wird das Bibelwort von den Augen und den Zähnen im Zusammenhang mit politischen Krisen gern benutzt, und fast immer soll so vor einer Eskalation der Gewalt gewarnt werden. Doch es geht hier nicht um Antisemitismus, sondern um Gedankenlosigkeit, um Bildungslücken. Man schmückt sich mit Bibelzitaten, ohne die Bibel zu kennen.
Für Studierende, die Ederers Vorlesungen besucht haben, folgte der Fastenvortrag einem bekannten Muster: Der Professor liest eine Bibelstelle vor, die man zu kennen glaubt. Er unterzieht den hebräischen Originaltext einer sprachlichen Analyse und macht deutlich, dass die deutsche Übersetzung der Mehrdeutigkeit des Originals nicht gerecht wird. Weiter verweist er auf das literarische Umfeld und altorientalische Besonderheiten. Und plötzlich erscheint einem die bekannte Bibelstelle in einem neuen Licht.
Gerne wendet Ederer dieses Verfahren auch auf Bibelstellen an, die für ihre Langweile bekannt sind, auf die nicht enden wollende Aufzählung von Namen etwa, die einen Stammbaum ausmachen oder auf die Aneinanderreihung von Längenmassen, die einen Tempel beschreiben. Man hört dem Professor zu, und plötzlich lesen sich diese Passagen wie ein Krimi.
Die Bergpredigt verweist auf das Alte Testament, Mt 5,38 zitiert Ex 21,23-25: «Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuss für Fuss.» Da wo im Deutschen ein «für» oder ein «um» (Luther) steht, gibt es im Hebräischen ein Wort, das auch mit «anstatt» oder mit «als Ersatz für» übersetzt werden kann.
Dieses Wort findet sich etwa im Alten Testament bei der Stelle (Gen 22,13), wo Abraham seinen Sohn glaubt, töten zu müssen, dann aber beauftragt wird, «als Ersatz für» den Sohn einen Widder, der sich im Gestrüpp verfangen hatte, zu opfern.
Die «Auge-um-Auge-Zahn-um-Zahn-Logik» im ursprünglichen, alttestamentlichen Sinn meint also nicht, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Im Gegenteil geht es darum, einen Ersatz zu finden. Einen «positiven Ersatz» für den entstandenen Schaden, wie Ederer betont: Dieser Rechtstext halte einen allgemeinen Anspruch auf Wiedergutmachung fest, ohne einen klaren Tarif oder eine konkrete Strafe zu definieren. Diese sei im Rahmen eines öffentlichen juristischen Verfahrens auszuhandeln.
Journalisten denken, wenn sie «Aug um Aug, Zahn um Zahn» hören, sofort an eine Eskalation der Gewalt. Ederer: «Einer schlägt ein Auge aus, dann zieht der Geschädigte los und schlägt zwei Augen aus, dann kommt der wieder und schlägt drei Augen aus und so weiter, und am Ende sind alle tot.» Journalisten denken an eine Eskalation der Gewalt, aber, so Ederer: «Das steht gar nicht da».
Stattdessen gehe es um das Gegenteil von Privatjustiz und Blutrache und Gewalteskalation – es gehe um eine sehr moderne Vorstellung einer Herrschaft des Rechtes. «Es geht hier also im Grunde um eine sehr moderne Idee: Ich verzichte auf Rache, auf Privatjustiz und auf persönlichen Ausgleich und lege den Konflikt in die Hände einer neutralen, objektiven Instanz, die damit beauftragt ist, den Rechtsfrieden durch einen gerechten Ausgleich wiederherzustellen.»
Die Re-Lektüre von Ex 21,23 lässt auch die Bergpredigt in einem neuen Licht erscheinen. Neben die im Alten Testament beschriebene, richterlich verordnete Wiedergutmachung stellt Jesus die Möglichkeit einer aussergerichtlichen Einigung. Eine christliche Ethik soll hier in der jüdischen Tradition verwurzelt werden.
Jesus, so Ederer, wolle «ein friedliches Miteinander». Wo ein Unrecht geschehen sei, lasse sich dieses friedliche Miteinander entweder über das Gericht oder auf dem Weg einer aussergerichtlichen Einigung wiederherstellen. «Beide Wege stehen nebeneinander. Sie widersprechen sich nicht, es gibt keine Überbietung und schon gar nicht einen Gegensatz zwischen christlicher Deeskalation und jüdischer Rachsucht.»
Ederers Fastenvortrag war angekündigt worden lange bevor der amerikanische Präsident den Befehl gab, zusammen mit israelischen Verbündeten Teheran zu bombardieren. Doch durch die jüngsten Ereignisse im Nahen Osten bekam dieser Vortrag eine grosse Aktualität.
Der amerikanische Präsident hat zwar in China eine englische Bibelausgabe drucken lassen. Darin dürfte auch die Bergpredigt enthalten sein. Doch leider gibt es keine Hinweise, dass sich der Mann mit der Föhnfrisur von den ethischen Vorgaben dieses Buches hat beeindrucken lassen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/fastenvortrag-in-luzern-auge-fuer-auge-zahn-fuer-zahn/