Das katholische Frauen-Netzwerk Catholic Women’s Council (CWC) schaltet sich in die Auseinandersetzung um das Papstschreiben «Amoris laetitia» ein, die am Mittwoch im Vatikan beginnt. Es fordert die Kirchenspitze auf, ihre patriarchalische Sicht aufzugeben und Frauen als gleichberechtigte Persönlichkeiten zu behandeln.
Regula Pfeifer
Am Mittwoch beginnt im Vatikan ein mehrtägiger Austausch über «Zehn Jahre Amoris laetitia». Dabei diskutieren die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen weltweit über das umstrittene Schreiben des damaligen Papstes Franziskus aus heutiger Sicht. In die Angelegenheit haben sich bereits Frauenorganisationen der Schweiz eingeschaltet, worüber kath.ch berichtete.
Nun meldet sich auch das internationale katholische Frauennetzwerk Catholic Women’s Council (CWC). Es möchte nach eigenen Angaben zur Reflexion in der Kirche über die Begleitung von Familien in der heutigen Zeit beitragen.
Die Stellungnahme ist unterzeichnet von Regina Franken-Wendelstorf und Franziska Zen Ruffinen. Franken-Wendelstorf stammt aus Deutschland, die Walliserin Zen Ruffinen engagiert sich seit Jahren im CWC. Die beiden vertreten Europa im CWC-Vorstand.
Sie kritisieren das Papstschreiben grundsätzlich: «Amoris laetitia» spreche aus einer patriarchalischen Perspektive. Das lehramtliche Schreiben sei von Männern verfasst worden, die die Bedürfnisse und Lebensumstände von Frauen aus ihrer Sicht interpretiert hätten. Bei «Amoris laetitia» seien zudem Männer die erste angesprochene Zielgruppe – dies zeige sich an Aussagen wie «Du und deine Frau».
Die Art, wie Frauen im Papstschreiben dargestellt werden, gefällt CWC nicht. «Wir lehnen eine Theologie ab, die Frauen in erster Linie als Ergänzung zum Mann innerhalb einer festgelegten Familienordnung definiert und ihnen Beziehungsrollen zuweist, die sich an männlichen Bedürfnissen, männlichem Verlangen und von Männern definierten Formen der Fürsorge orientieren.»
Stattdessen fordern sie, dass solche Schreiben von der gleichberechtigten Persönlichkeit der Frau ausgehen müssten. Ihre Berufung und Identität dürften nicht in erster Linie durch ihre Beziehung zu Männern definiert werden.
Auch die Ehe muss laut CWC auf sexueller Selbstbestimmung fussen. Das gelte für beide Partner. Aus den ehelichen Rechten und Pflichten im Kirchenrecht dürfe sich «niemals ein Recht auf sexuelle Verfügbarkeit oder auf sexuelle Handlungen gegen den Willen des anderen Ehepartners ableiten» lassen.
Die Anwendung von Gewalt muss laut dem Frauennetzwerk auch in der Kirche als schwerwiegender Grund für Trennung, Scheidung oder die Einleitung eines Ehenichtigkeitsverfahren anerkannt werden. Und die Trennungsregelungen müssten neu interpretiert werden. Denn aufgrund der den Richtern auferlegte Pflicht, die Ehepartner zur Wiederaufnahme des Zusammenlebens zu bewegen, sähen sich Frauen oft gedrängt, ihrem gewalttägigen Mann zu vergeben und in die Ehe zurückzukehren.
Aber auch Priester und männliche Gemeindemitglieder üben gegenüber Frauen sexuelle Gewalt und Machtmissbrauch aus. In gewissen Regionen seien über 70 Prozent damit konfrontiert, schreiben die CWC-Frauen. Ebenso würden Kinder missbraucht.
Familien erlebten die Kirche also nicht immer als guten Ort. Vielmehr zerstöre kirchlicher Missbrauch den Familienzusammenhalt, die Sicherheit und das Vertrauen und hinterlasse lebenslange Traumata.
Das Schreiben kritisiert auch, dass alleinerziehende Mütter, Witwen und kinderlose Frauen ausgegrenzt, abgewertet und diskriminiert würden, auch durch Priester. Dabei würden diese Frauen viel zu Familie und Gesellschaft beitragen.
Insgesamt fordern das CWC-Schreiben ein «ganzheitliches Verständnis der innewohnenden Würde und Gleichheit der Frau, das nicht von ihrem Status als Mutter, Ehefrau oder Ordensfrau abhängt». Auch die Frau sei ein Abbild Gottes, heisst es.
Zudem verlangen sie von der Kirchenhierarchie, dass sie handelt angesichts der zunehmenden Frauenfeindlichkeit, eskalierender Gewalt gegen Frauen und erneuter Angriffe auf die Rechte und Freiheiten von Frauen und LGBTQ-Personen.
Sie müsse die patriarchalischen Strukturen und kirchlichen Praktiken bekämpfen, die Missbrauch ermöglichen, Überlebende zum Schweigen bringen und die Stimmen von Frauen an den Rand drängen. Ansonsten laufe sie Gefahr, nicht nur das Evangelium zu verraten, das sie verkünde, sondern auch unzählige Frauen, Kinder und Familien weiterem Leid auszusetzen, betont CWC.
Das CWC ist ein internationales Netzwerk von mehr als 60 römisch-katholischen Gruppen, die sich nach eigenen Angaben «für die uneingeschränkte Anerkennung von Würde und Gleichberechtigung in der Kirche einsetzen». Der vorliegende Beitrag sei in gemeinsamen Gesprächen und Diskussionen von Expertinnen, Führungskräfte und Frauen aus aller Welt entstanden, heisst es im Schreiben. Im CWC-Vorstand sind elf Frauen aus verschiedensten Kontinenten und Ländern der Welt aktiv.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/weltweiter-katholischer-frauenrat-kritisiert-amoris-laetitia/