Seit zehn Jahren zeichnen die Zürcher Kirchen am Zurich Film Festival Filme aus, die gesellschaftliche Fragen stellen und den Blick auf andere Lebenswelten öffnen. Zum Jubiläum ging der mit 10’000 Franken dotierte Preis an den mongolischen Dokumentarfilm «Colors of White Rock».
Sarah Stutte
Wenn im Kino das Licht ausgeht, entstehen neue Welten. Geschichten, Emotionen, Kulturen und ferne Länder werden sichtbar. Mit diesem Bild eröffnete die reformierte Theologin Evelyne Baumberger die zehnte Verleihung des Filmpreises der Zürcher Kirchen am Zurich Film Festival (ZFF).
Seit 2017 vergeben die Reformierte und die Katholische Kirche im Kanton Zürich die mit 10’000 Franken dotierte Auszeichnung gemeinsam. 13 Spiel- und Dokumentarfilme standen in diesem Jahr zur Wahl. Sie erzählen von Freiheit und Verantwortung, Zugehörigkeit und Ausgrenzung sowie persönlichen und gesellschaftlichen Veränderungen.
ZFF-Festivaldirektorin Reta Guetg erinnerte daran, dass sechs der bisher ausgezeichneten neun Filme Schweizer Produktionen waren. Für sie sei dies auch «ein Bekenntnis zu unserer eigenen Branche und zu unseren Filmschaffenden». Das Preisgeld könne gerade nach Abschluss eines Films helfen, die Zeit bis zum nächsten Projekt zu überbrücken.
Doch die Verbindung zwischen Festival und Kirchen gehe über Filmförderung hinaus. Kino sei ein «Medium der Empathie», sagte Guetg. Es ermögliche, die Welt durch die Augen anderer zu betrachten, und schaffe Raum für Reflexion und gesellschaftlichen Diskurs. Dass die beiden Landeskirchen den Preis gemeinsam vergeben, sei deshalb auch ein Zeichen für Dialog. Zum ZFF-Motto «Dream Big» passe der Kirchenpreis auf seine eigene Weise: Nicht allein das grosse Erreichen zähle, sondern auch das Schenken von Hoffnung und das Schaffen von Gemeinschaft.
Esther Straub, Kirchenratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Zürich, spannte den Bogen noch weiter. Filme, die mit dem Kirchenpreis ausgezeichnet werden, berührten Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach etwas, das sich nicht immer rational erfassen lasse. Darin sah sie eine Parallele zur Bibel: So wenig diese auf Dogmen oder simple Glaubenssätze reduziert werden könne, lasse sich ein Film auf eine eindeutige Botschaft reduzieren. Beide brauchten ein Gegenüber – Menschen, die sich auf eine Geschichte einlassen, mitfühlen, lachen oder leiden.
Festredner Christian Jott Jenny, Sänger, Entertainer und Gemeindepräsident von St. Moritz, erinnerte mit viel Humor daran, dass die Kirchen jahrhundertelang nicht nur Kunst förderten, sondern gewissermassen ein «Monopol auf Storytelling» besassen. Heute sei ihre Rolle eine andere. Der Platz der Kirchen in der Gesellschaft sei «nicht mehr gottgegeben». Umso wichtiger sei es, dass sie nicht mehr bestimmten, was richtig und falsch sei, sondern eine Sichtweise anböten: nicht mehr «Das ist ein schlechter Film, der gehört verboten», sondern «Das ist ein besonders guter Film, der gehört geschaut».
Über die 13 Wettbewerbsfilme entschied eine fünfköpfige Jury unter dem Vorsitz des reformierten Kirchenrats Andrea Marco Bianca. Ihr gehörten ausserdem der katholische Synodalrat Tobias Grimbacher, Filmproduzentin Sophia Bischoff, die Medien- und Religionswissenschaftlerin Marie-Thérèse Mäder sowie Kulturjournalistin und Co-Präsidentin der liberalen jüdischen Gemeinde Brigitta Rotach an.
Bianca erinnerte daran, dass das Engagement für den Film auch innerhalb der reformierten Kirche zunächst Überzeugungsarbeit brauchte. Vor zehn Jahren habe er dafür «brutal kämpfen» müssen. Die Katholiken seien in Sachen Bilder «immer einen Schritt voraus» gewesen, scherzte er mit Blick auf die reformatorische Tradition. Heute schätze er besonders die Art, wie die Jury miteinander diskutiere: fragend, streitend und aufeinander hörend. Es gehe nicht einfach darum, Filme zu bewerten, sondern darum, etwas zu entdecken. Kino könne einen unvermittelt aus der eigenen Welt in eine völlig andere versetzen – und einen berühren und weiterbringen.
Dass die Entscheidung in diesem Jahr nicht leichtfiel, zeigte die Länge der Jurysitzung: Drei Stunden diskutierte das Gremium über die 13 Filme. Noch am Vorabend sei bis gegen halb elf beraten worden. Gerade in diesem Jahr habe es besonders viele Filme gegeben, bei denen die Jury etwas Neues entdeckt und gedacht habe: «Das wusste ich nicht. Das wäre prämierwürdig.»
Am Ende fiel die Wahl auf «Colors of White Rock» des mongolischen Regisseurs Khoroldorj Choijoovanchig. Der Dokumentarfilm führt in die Wüste Gobi, wo grosse Bodenschätze ausgebeutet werden, darunter Kohle für China. Im Zentrum steht Maikhuu, dreifache Mutter und Lastwagenfahrerin. Monatelang transportiert sie Kohle durch die Wüste bis an die chinesische Grenze.
Choijoovanchig begleitet sie bei ihrer Arbeit ebenso wie in zärtlichen Momenten mit ihren Kindern. «Die Hände mit den farbig lackierten Fingernägeln fest am Steuer», übernehme Maikhuu unerschrocken Verantwortung für ihre Familie, begründete die Jury ihre Wahl. Der Film begegne ihr mit «Respekt und liebevoller Nähe» und wecke dabei «Bewunderung statt Mitleid».
Gleichzeitig wird die Wüste Gobi in weiten Panoramaaufnahmen selbst zu einer Hauptakteurin. Die Jury hob die Bildsprache, die Kameraarbeit und einen Schnitt hervor, «welcher der Handlung einen eigenen Puls verleiht». Hinter Maikhuus persönlicher Geschichte werde dabei eine globale Dimension sichtbar: Der Film zeige, «wie eine globale, profitorientierte Wirtschaft gerade jene den Preis zahlen lässt, die am wenigsten von ihr profitieren».
Damit schloss sich am Jubiläumsabend auch der Kreis zum Gedanken vom Beginn: Kino kann eine unbekannte Welt sichtbar machen, ohne sie vollständig erklären zu müssen. Und vielleicht liegt genau darin nach zehn Jahren noch immer die Verbindung zwischen Kirche und Film – Geschichten Raum zu geben, die den Blick auf andere Menschen und ihre Lebenswirklichkeit öffnen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/zehn-jahre-zwischen-kirche-und-kino/