Warum dieser Schriftsteller von der Kirche als verfemt galt

Literatur dient nicht selten als Medium, um religiöse Dogmen, Praktiken oder Machtstrukturen zu hinterfragen. Alberto Moravia ist bis heute einer der bedeutendsten Autoren des katholischen Italiens. Seine Werke wurden von der Kirche sogar auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Auch andere Autoren seiner Zeit haderten mit der Kirche.

Wolfgang Holz

Wer das erste Mal mit dem Werk Alberto Moravias in Kontakt gerät, ist vor allem erstaunt und sofort elektrisiert. Man weiss zwar, mit welcher Wucht ein Albert Camus (1913-1960), Zeitgenosse des italienischen Schriftstellers, etwa in seinen Romanen existenziell bedrohliche Konflikte wie eine tödliche Seuche (»Die Pest»,1947) oder wie plötzlich aufflammenden Hass und Gewalt (»Der Fremde», 1942) heraufzubeschwören in der Lage war. Doch dass auch ein italienischer Autor derart freizügig und psychologisch subtil menschliche Seelendramen zu inszenieren verstand, ist wahrlich eine Entdeckung. Dabei geht er aufs Ganze.

Wie schon in seinem Erstlingswerk »Gli Indifferenti«. (»Die Gleichgültigen») analysierte der Italiener Alberto Moravia (1907-1990) auch in seinem psychologisch-realistischen Roman «La noia», (zu deutsch: «Die Langeweile») Phänomene moralischer und seelischer Verderbnis. Verderbnis, die auf Reichtum, Verfall der Werte und nicht zuletzt auf einen Mangel an Religion gründen.

Existentielle Langeweile

Wie die Story des Romans «La Noia» es will, lebt dank regelmässiger Monatswechsel der reichen Mutter, die in Rom an der Via Appia in einer stattlichen Villa residiert, der junge römische Maler Dino existenzsorgenfrei. Dafür plagt ihn umso mehr eine Art existentielle Langeweile (»la noia»).

Der Held in dem Roman von 1960 lässt deshalb sogar das Malen irgendwann sein und findet auch an dem Aktmodell Cecilia nicht die rechte Freude. Erst als die seelisch unzugängliche «Kindfrau» Cecilia, die von nymphomanischen Zügen geprägt ist, ihn quasi ohne Gewissenbisse mit einem Schauspieler betrügt – weil sie einfach beide Männer nett findet -, hört Dino auf, zu lamentieren. Er ist der Frau völlig verfallen. Er stürzt ab.

Begeht Suizid – und überlebt

Nachdem er Cecilia vergebens einen Heiratsantrag gemacht hat, um sie zu besitzen, versucht er sie zu erwürgen und rast später selbst mit dem Auto gegen eine Platane. Er überlebt. Im Gipsverband in der Klinik erschliesst sich ihm plötzlich ein frischeres Lebensgefühl. Frei von Langeweile. Nicht zuletzt wegen seines Weiterlebens.

Mit «La noia» kreierte Moravia 1960 einen Welterfolg. Er variiert hier noch einmal das Thema der Gleichgültigkeit aus seinem ersten Roman. Doch Sexualität gibt es hier nicht mehr als erotische Kommunikation zwischen zwei Menschen, sondern wird auf eine beziehungslose Triebhaftigkeit reduziert. 1961 erhielt er sogar eine Anklage wegen Pornografie in «La Noia», und noch Ende der 70er-Jahre wurde aus denselben Gründen die Beschlagnahmung eines seiner Romane verfügt.

Bekennender Atheist

Der Autor sah in seinen Büchern indes keine Pornografie, sondern eine realistische Darstellung des menschlichen Sinnenlebens und der psychologischen Wirklichkeit. Moravia war bekennender Atheist – geboren als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter – und kritisierte in seinen Werken oft die Heuchelei des bürgerlichen und religiösen Milieus im Italien des 20. Jahrhunderts.

Doch nicht nur wegen seiner freizügigen sinnlichen Fiktionen war Moravia von der Kirche moralisch geächtet. In seinem Roman «La noia» lässt er die frivole Cecilia frank und frei über die katholische Kirche ablästern. Sie findet Religion einfach unnötig und völlig langweilig.

«Etwas Überflüssiges»

Sagt sie doch wörtlich in einem Dialog mit dem Künstler während eines Schäferstündchens: «Mit Religion sind die Dinge so – und ohne sie sind sie genauso. Nichts ändert sich. Folglich ist sie etwas Überflüssiges.»  Und im Vergleich zur Kunst empfindet sie die Religion als etwas Freudloses. «Kunst macht dir Freude. Die Religion ist hingegen langweilig.»

«In den Kirchen langweilen sich die Leute doch schrecklich.»

«Im Kloster hatte ich immer den Eindruck, dass die Nonnen sich langweilten», so Cecilia weiter. «Und auch die Priester und überhaupt alle Leute, die sich mit Religion beschäftigen. In den Kirchen langweilen sich die Leute doch schrecklich. Sieh sie dir an, während sie in der Kirche sitzen, und du wirst sehen, dass es keinen gibt, der sich nicht zum Sterben langweilt.» (S. 294, «La noia», Wagenbach-Verlag). Harter Tobak, der den italienischen Klerikern natürlich nicht gefallen konnte.

Trotzdem: Alberto Mora­via erhielt fünf­zehn Nomi­nie­run­gen für den Lite­ratur­nobel­preis, ver­lie­hen wurde er ihm aller­dings nie. Vielleicht, weil die Kirche hinter den Kulissen doch etwas dagegen hatte. Viele sei­ner Romane wur­den indes von nam­haf­ten Regis­seu­rinnen und Regisseuren ver­filmt: Luigi Zampa, Vitto­rio De Sica, Ber­nardo Berto­lucci, Doris Dörrie und Jean-Luc Godard.

«Katholischer Krüppel»

Auch andere berühmte Schriftsteller rieben sich schon am Katholizismus. Der deutsche Autor Martin Walser (1927-2023) war ebenfalls ein Zeitgenosse Moravias: Zur katholischen Kirche hatte er zeitlebens eine gestörte Beziehung. Er sagte sogar von sich, er sei «ein katholischer Krüppel». Und trotzdem kam er von ihr nie los. Martin Walser war katholisch. Sein ganzes Leben lang – ob er wollte oder nicht. Er blieb der katholischen Kirche trotz seiner Bedenken treu. Als selbst definierter Agnostiker schrieb er in seinen Romanen immer wieder über Glaubensnöte.

«Die Hostie hatte eine unheimliche Strahlkraft.»

«Meine Lippen sehnen sich / nach einer Hostie / mit der die Welt zergeht», schrieb Walser einmal und sagte: «Das ist ein Urerlebnis aus der Kindheit. Die Hostie hatte eine unheimliche Strahlkraft und eine bannende Bedeutung, und so etwas wirkt als Bild nach». Andererseits habe seine Mutter ihm eine katholische Angst-Religion vermittelt.

Kölner Dom: Symbol kranken Katholizismus

Auch Heinrich Böll (1917-1985), Literaturnobelpreisträger und ebenfalls Zeitgenosse Moravias, stand meist auf Kriegsfuss mit dem Katholizismus – obwohl er im erzkatholischen Köln geboren wurde und die katholische Kirche quasi mit der Muttermilch aufgesogen hatte. Der Kölner Dom, der als eines der wenigen Gebäude die totale Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg überstanden hatte, war für ihn gleichzeitig auch Symbol für einen kranken Katholizismus.

Besonders gut zusammengefasst hat er seine Aversion gegen den Katholizismus in seinem letzten Roman «Frauen vor Flusslandschaft» (1985): «Die Kirche hat ausgedient – hierzulande», er ist enttäuscht über unglaubwürdige Priester, die als «Pfaffen» lediglich noch zur «Dekoration» taugen und deren Gottesdienste «keinen Trost» mehr spenden. «Die Kirchen», sagte Böll einmal in einem Interview mit René Wintzen, «können nicht spirituell oder spiritualistisch denken.»


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