Heilige und Sexsymbol: Grosse Maria-Magdalena-Ausstellung

1000 Jahre Kunstgeschichte. 100 hochkarätige Werke. Und alles dreht sich um eine einzige Frau. Zum ersten Mal in Frankfurt zeigt eine Ausstellung die faszinierende Welt der bekanntesten Sünderin.

Christof Bock

(KNA) Sie hat langes, wallendes Haar, oft einen Totenschädel in der Hand, und sie zählt zu den beliebtesten christlichen Aktmotiven in der klassischen Kunst. Maria Magdalena ist eine schillernde Bibel-Gestalt. Einerseits gilt sie als eine mutige Wegbegleiterin von Jesus Christus bis zum Ort seiner Kreuzigung. Sie soll auch der erste Mensch gewesen sein, der den Auferstandenen sah.

Doch herrscht in der Wahrnehmung das Bild der früheren Prostituierten und Büsserin vor. Denn ihre Figur vermischte sich in der Überlieferung später mit einer namenlosen Sünderin, die Jesus die Füsse gesalbt hat.

Leihgaben aus Washington, Paris und London

Die Ausstellung «Maria Magdalena. Sin. Pray. Love.» versammelt im Frankfurter Städel Museum bis Mitte Januar mehr als 100 hochkarätige Gemälde, Skulpturen und Grafiken. Zu den 90 Leihgaben trugen 60 Häuser wie die National Gallery London, die Berliner Gemäldegalerie, das Metropolitan Museum of Art in New York, die Vatikanischen Museen die National Gallery of Art in Washington und der Pariser Louvre bei.

«Es ist das erste Mal, dass im deutschsprachigen Raum überhaupt eine grosse Ausstellung sich mit der Figur der Maria Magdalena beschäftigt», sagte Museumsdirektor Philipp Demandt. «Das jüngste Bild in der Ausstellung, von Nieves González, ist wahrscheinlich gerade erst trocken geworden. Das älteste Werk ist ein Elfenbeinrelief aus dem 12. Jahrhundert.» In diesen fast tausend Jahren erfuhr das Bild der Maria Magdalena immer wieder einen Wandel.

Spielball der Kirchenpolitik

«Die Geschichte der Kunst ist zugleich eine Geschichte der Darstellung von Frauen», sagte die Sammlungsleiterin Gegenwartskunst, Svenja Grosser. «Allzu oft erscheinen sie als Projektionsflächen, die Vorstellungen von Weiblichkeit, Moral und Religiosität enthalten.» Unter diesen Frauen nehme Maria Magdalena eine besondere Stellung ein. Das zeige sich auch an dem breiten Spektrum der Darstellungen: von Schönheit und Verführung über Reue und Busse bis hin zum Tod.

In der Zeit des Barock erfuhr die Rolle dieser Heiliggesprochenen als Büsserin eine besondere Aufladung. Das hatte damals auch viel mit dem Bestreben der katholischen Kirche zu tun, dem neuen protestantischen Glauben etwas entgegenzusetzen und für Busse und Vergebung zu werben. Viele grosse Namen sind in der Schau vertreten. Von Lavinia Fontana, Lotte Laserstein, Marlene Dumas bis Arnold Böcklin und Max Beckmann.

Immer wieder der Totenschädel

Eines der schönsten Bilder dieser herausragenden Ausstellung ist das Gemälde «Büssende Maria meditierend» (1635-1640) von George de la Tour, eine kostbare Leihgabe aus Washington. Nur eine Kerze erhellt den stockfinsteren Raum. Das wenige Licht zeigt die Konturen der Maria Magdalena, die gedankenverloren einen Totenkopf berührt.

Ungefähr zur selben Zeit verewigte Guido Cagnacci seine «Büssende Magdalena» (1622-1627) in Öl, deren entblösster Oberkörper und ekstatische Verzückung eher die Anmutung eines Pin-ups hat. Auf ihrem Schoss der Totenschädel, den sie fast wie einen Ball hält.

Warum Figur so modern ist

Die mittelalterliche Umdeutung der Maria Magdalena von der tapferen Mitstreiterin, die Jesus im Gegensatz zu anderen Jüngern weder verriet noch verleugnete und verliess, zu einer Sünderin ist nach Überzeugung der Kuratoren patriarchalen Strukturen zu verdanken.

Dennoch wirkt gerade deshalb die Figur bis heute sehr modern und nahbar. Ein Rollenmodell für ein selbstbewusstes Leben mit Widersprüchen, an dem feministische Gegenwartskunst gern andockt. Das zeigt etwa das Motiv des Ausstellungsplakats: ‘La sfida’ (Die Herausforderung) von Nieves González.

Die Spanierin steckt in ihren Bildern oft Frauenfiguren aus Barockgemälden in riesige moderne Daunenmäntel. Ihre Maria Magdalena blickt den Betrachtern herablassend ins Gesicht. Auffällig sanft hält sie den Totenschädel in ihren Händen. Das Gewand hat das Rot eines Lippenstifts.


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