Carlo de Stasio: «Integration kann in Kirche nicht Angleichung bedeuten»

Die katholische Kirche im Kanton Zürich spricht viele Sprachen. Doch die anderssprachigen Gemeinden sind mehr als Orte, an denen Gottesdienste in der Muttersprache gefeiert werden. Carlo de Stasio, bischöflicher Beauftragter für die Migrantenseelsorge, sieht in ihnen eine Chance, Katholizität neu zu entdecken.

Francesco Papagni

Carlo de Stasio, Sie sind bischöflicher Beauftragter für die Migrantenseelsorge im Generalvikariat Zürich-Glarus. «Migrantenseelsorge» ist der übliche Ausdruck, aber nicht alle Anderssprachigen sind Migranten, viele haben ja den Schweizer Pass.

Carlo de Stasio*: Es ist viel Zeit vergangen, seit die katholische Kirche sich erstmals dem Thema Migration zugewandt hat. Wir haben begonnen, von Migrationspastoral zu sprechen, heute reden wir von anderssprachiger Pastoral. Ich bekomme immer noch Mails mit dem Begriff «fremdsprachige Seelsorge», aber das scheint mir nicht mehr angemessen. In der ganzen Schweiz sind die Vielsprachigkeit und der kulturelle Austausch sehr lebendig und werden allgemein als Wert angesehen.

«Es ist auch eine Pastoral für die zweite und dritte Generation.»

Seit wann sind Sie in dieser Funktion?

De Stasio: Seit sechs Jahren bin ich Delegierter für die anderssprachige Seelsorge in der Bistumsregion Zürich-Glarus. Diese umfasst nicht nur Gläubige, die in anderen Ländern geboren wurden und jetzt in der Schweiz leben. Es ist auch eine Pastoral für die zweite und dritte Generation, die eine Beziehung zu Sprache und Kultur ihrer familiären Herkunft behalten hat. Zudem gibt es Gläubige, die eine Sympathie für eine Sprache ihrer Wahl haben und sich in der jeweiligen Gemeinde engagieren. Ich kenne solche Fälle.

Wie sieht die kirchenrechtliche und organisatorische Wirklichkeit dieser Gemeinden aus? Die Situation ist ja nicht einheitlich. Da gibt es Personalpfarreien und Gemeinden, die als Gast einer Pfarrei angegliedert sind.

De Stasio: Wir alle sind Gäste auf dieser Erde, die Gastfreundschaft ist ein tragendes Prinzip der katholischen Kirche. Im Deutschen unterscheidet man zwischen Gast und Gastgeber, wobei der Gastgeber über dem Gast steht, aber das ist nicht evangeliumsgemäss. Wir sind alle Schwestern und Brüder in Christus.

Was die Personalpfarreien angeht, so haben wir deren drei im Kanton Zürich, zwei italienischsprachige in Zürich und Winterthur und eine französischsprachige in Zürich. Dann haben wir kirchenrechtlich die «missio con cura animarum» – 19 Gemeinden,  die von einem eigenen Seelsorger betreut werden. Das ist der Normalfall. Und dann haben wir sechs sogenannte Seelsorgerstellen: Dabei handelt es sich um kleine Gemeinden mit Seelsorgern, die anderswo angestellt sind und diese Gläubigen in ihrer Freizeit betreuen. Die koreanische Gemeinde ist ein solcher Fall.

«Wir stehen vor der Herausforderung, Seelsorger zu finden.»

Und wie sind die Missionen territorial organisiert?

De Stasio: Auch was die Gebiete angeht, gibt es Unterschiede. Es gibt nationale, kantonale und überkantonale. Die albanische Mission ist ein Beispiel für Letzteres: Sie ist im Kanton Thurgau beheimatet, ist aber auch in den Kantonen St. Gallen, Zürich und Glarus aktiv.

Sprechen wir von den Problemen. Vor Jahrzehnten gab es keine Schwierigkeiten, Priester für die anderssprachigen Gläubigen zu gewinnen. Jetzt ist das nicht mehr so, oder?

De Stasio: Ja, vor Jahrzehnten war es kein Problem, Priester aus Italien, Spanien, Portugal zu gewinnen, aber die Berufungen haben auch dort massiv abgenommen, sodass wir vor der Herausforderung stehen, Seelsorger zu finden.

Auch das Zusammenleben von Einheimischen und Anderssprachigen in den Pfarreien gestaltet sich nicht immer reibungslos. Zwar sagt man, in der Kirche gebe es keine Ausländer, aber die Realität spricht manchmal eine andere Sprache, besonders wenn es zum Konflikt kommt. Dann kommt es auf die Kirchenpflegen an, und diese sind ausschliesslich von Einheimischen dominiert.

De Stasio: Bis vor etwa fünfzehn Jahren wurde die Missionspastoral im Kanton Zürich über die Kirchenpflegen finanziert. Nach dem Systemwechsel läuft diese nun über die kantonale Körperschaft, sodass wir keine direkte Beziehung mehr zu den örtlichen Kirchenpflegen haben. Das wurde als Fortschritt erlebt. Ich persönlich arbeite eng mit dem Synodalrat zusammen, und auch die Kolleginnen und Kollegen in der Körperschaft zeigen eine ausgeprägte Sensibilität für mein Ressort. Aber ich verhehle nicht, dass Konfliktsituationen entstehen können. Neunundneunzig Prozent der anderssprachigen Gemeinden feiert in den Pfarreien und ist auch für die Pastoral auf die Räumlichkeiten angewiesen.

Man muss auch sagen, dass das Zusammenleben oft auch gelingt. In meiner Heimatpfarrei St. Peter und Paul Zürich ist die spanischsprachige Gemeinde zu Hause. Sie trägt wesentlich zum Pfarreileben bei. 

De Stasio: Ja, viele dieser Gemeinden sind sehr vital. Bei einzelnen Missionen wie der erwähnten spanischsprachigen übernehmen ihre Priester auch Aufgaben für die Deutschsprachigen. Das Zusammenleben bringt gute Früchte hervor. Wenn wir uns nicht als Gastgeber und Gast fühlen würden, würde es noch besser gehen. Wir sind alle zusammen Kirche, deswegen sollten wir bei den Anderssprachigen nicht mehr als etwas Paralleles, Getrenntes denken – sehr viele Schritte in dieser Hinsicht sind schon gemacht worden.

Von aussen betrachtet geht es in den anderssprachigen Gemeinden vor allem darum, den Gottesdienst in der Muttersprache zu feiern und vielleicht darum, die eigene Kultur zu pflegen. Da ist aber doch auch etwas anderes: Diese Gemeinden haben oft einen anderen Begriff von Kirche. Geht es also um Ekklesiologie?

De Stasio: Sicher. Es ist vor allem eine ekklesiologische Frage. In der katholischen Kirche gibt es keine Nationalkirchen, es gibt keine Schweizerische katholische Kirche, wie es keine italienische katholische Kirche gibt, vielmehr eine katholische Kirche in der Schweiz bzw. in Italien. Die Kirche ist eine, heilige und gastfreundliche – gastfreundlich gegenüber allen. Deswegen können wir nicht leugnen, dass die Menschen spezifische  Bedürfnisse, Ressourcen und Charismen haben.

«Wörtlich bedeutet es Mit-Einssein.»

Von einem Deutschschweizer Standpunkt wird manchmal Integration erwartet…

De Stasio: Integration kann in der Kirche nicht bedeuten, dass sich die einen den anderen angleichen. Für das Kirche-Sein gibt es im Italienischen ein schwer zu übersetzendes Wort: Comunione. Das ist mehr als Gemeinschaft, wörtlich bedeutet es Mit-Einssein. Im Deutschen wird die Teilnahme an der Eucharistie so benannt. Die Kirche lebt von der Eucharistie, von der Kommunion eben.

Raphael Meyer, Präsident des Zürcher Synodalrates, antwortete auf die Frage, wo er die Kirche in zwanzig Jahren sehen würde, folgendermassen: «Ich gehe davon aus, dass wir auch dann noch einen relevanten Teil der Bevölkerung des Kantons repräsentieren. Wahrscheinlich wird unsere Kirche noch internationaler sein (…).» Die Kirche wird also noch diverser werden.

De Stasio: Die Diversität ist eine Tatsache. Wenn Integration stattfindet, wird dies eine spontane Entwicklung sein, das dürfen wir nicht forcieren wollen. Ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass die Kirche bei uns ein Laboratorium der Katholizität sein kann. Wenn wir gemeinsam im Stil der Kirche – im Stil der Synodalität – voranschreiten, sind wir auf dem richtigen Weg.

*Carlo de Stasio ist 1961 geboren und Priester der Diözese Tivoli (Italien). Er war Missionar in den Bistümern Basel sowie Chur und danach nationaler Koordinator der Seelsorge für die Italienischsprachigen. Seit 2020 amtet er als Delegierter für die Missionspastoral der Bistumsregion Zürich-Glarus und ist Mitglied der Pastoralkommission von Migratio.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/carlo-de-stasio-integration-kann-in-kirche-nicht-angleichung-bedeuten/