Jürg Stadelmann: «Das Friedhofspersonal hat mit den Konfessionsneutralen oft den grössten Aufwand»

100 Jahre Bestattungskultur: Eine Ausstellung auf einem Luzerner Friedhof schlägt den Bogen vom Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler, der sich als Erster einäschern liess, bis zu Menschen, die ihre letzte Ruhe in einem Gemeinschaftsgrab suchen. Das Krematorium war Zankapfel, wie Historiker Jürg Stadelmann im Podcast «Laut + Leis» erklärt.

Sandra Leis

Der Kulturkampf ums Krematorium war heftig und lang. Er dauert in der Zentralschweiz vierzig Jahre. 1885 wird der Zentralfriedhof Friedental ausserhalb der Stadt errichtet – Hauptgrund ist das enorme Bevölkerungswachstum –, doch das Krematorium wird erst 1926 eingeweiht. Und dies, obwohl es in der Schweiz bereits 16 andere Krematorien gibt.

Über die Befürworter und Gegner sagt Historiker Jürg Stadelmann: «Auf der einen Seite steht das katholisch-konservative Lager, auf der anderen das liberale, inklusive Freimaurer. Es ist auch ein Graben zwischen Stadt und Restkanton.» Hinzu komme wahrscheinlich der Umstand, dass die einen partout nicht wollen, was die anderen wünschen und als zeitgemäss erachten.

Kremation für Katholiken bis 1963 verboten

Für die römisch-katholische Kirche ist die Erdbestattung jahrhundertelang unantastbar. «Am Jüngsten Gericht muss man mit einem ganzen Körper vor Gott treten», so Stadelmann. In Luzern seien Menschen entsprechend bestraft worden. «Man hat gerädert und gevierteilt, und die schlimmste Strafe war Verbrennen.» Abschreckung im Diesseits.

Erst seit 1963 ist es Katholikinnen und Katholiken offiziell erlaubt, sich einäschern zu lassen. Weshalb das schliesslich doch möglich war, darüber kann auch der Historiker, selber Katholik, nur spekulieren: «Die römisch-katholische Kirche reagiert grundsätzlich spät auf Erscheinungen, die bereits weit verbreitet sind. Dass Kremieren und Erdbestatten als gleichwertig betrachtet werden, ist der Aufbruchstimmung im Zweiten Vatikanischen Konzil zu verdanken.»

Carl Spitteler, ein Marketing-Event

Auf den Segen der römisch-katholischen Kirche musste der Schriftsteller und einzige Schweizer Literaturnobelpreisträger Carl Spitteler nicht warten: Er war protestantischer Theologe und bezeichnete sich selber als Atheist.

Er stirbt nach Weihnachten 1924 und lässt sich als Erster überhaupt im Friedental verbrennen. Das Krematorium steht noch im Bau, doch der Ofen funktioniert bereits. Die Zeitungen berichten ausführlich über dieses Ereignis – «Spitteler war ein Marketing-Event sondergleichen», sagt Jürg Stadelmann im Podcast «Laut + Leis». 

Heute ein Friedhof für alle fünf Weltreligionen

Das alte Krematorium feiert heuer sein 100-jähriges Bestehen. Deshalb haben Jürg Stadelmann und sein Büro für Geschichte, Kultur und Zeitgeschehen den Auftrag erhalten, eine Ausstellung zur Bestattungskultur der letzten hundert Jahre zu konzipieren.

Wer sich Zeit nimmt für die gut portionierten Informationen auf den knallgrünen Schautafeln auf dem Friedhof und für die Ausstellungsobjekte im alten Krematorium, realisiert bald: Die Geschichte zeigt exemplarisch, wie Fragen rund um Sterben, Tod und Bestattung Ausdruck gesellschaftlicher Werte und des jeweiligen Zeitgeistes sind.

Stadelmann formuliert es so: «Führte man früher um das Krematorium erbitterte Kämpfe bis vor Bundesgericht, so ist das Friedental heute ein Friedhof für alle fünf Weltreligionen. Man will integrieren und sucht gutschweizerisch den Kompromiss.»

Hindus dürfen Startknopf drücken

Ein Beispiel ist der Umgang mit Hindus, die ihre Toten in Luzern bestatten möchten. Traditionell verbrennen die Hindus ihre Verstorbenen auf dem Scheiterhaufen. Das ist in der Schweiz verboten. 

Stattdessen dürfen die Angehörigen in Luzern den Startknopf für den Kremationsofen drücken. Schliesslich holen sie die Asche ab und übergeben sie an einer bestimmten Stelle der Reuss.

Nicht alle Wünsche werden erfüllt

Heute ist man in Luzern bemüht, den Bedürfnissen der Menschen entgegenzukommen. Gleichwohl gibt es Gesetze, Verordnungen und Verhaltensregeln. Das heisst, nicht alle Wünsche werden erfüllt.

Nach mehrmaligem Nachhaken sagt Stadelmann: «Oft den grössten Aufwand hat das Friedhofspersonal mit den sogenannten Konfessionsneutralen.» Ob Katholikin oder Muslim, ein Bestattungsritual dauere heute in der Regel eine Stunde. Doch bei den Konfessionsneutralen müsse man damit rechnen, dass das Prozedere wegen Sonderwünschen ausufere.

40 Prozent der Kremierten wählen ein Gemeinschaftsgrab

Heute lassen sich in Luzern 90 Prozent aller Menschen kremieren; davon wählen 40 Prozent ein Gemeinschaftsgrab. Seit ein paar Jahren kann man den Namen anzeigen lassen.

Möglicherweise ist das dereinst auch eine Option für den 68-jährigen Jürg Stadelmann: «Meine Frau und ich tendieren zu einem Gemeinschaftsgrab mit Nummerierung. Wir möchten das auch noch mit unseren Kindern besprechen.»

Eines aber ist für ihn bereits heute gewiss: Namenlos will er nicht begraben sein. «Die Hinterbliebenen brauchen einen Erinnerungsort. Das ist enorm wichtig.»

Die Ausstellung «Frieden im Tal. 100 Jahre Krematorium Luzern» dauert bis zum 15. November und ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet. 


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