Anna Lapwood verbindet klassische Orgelmusik mit Filmmusik, Pop und Social Media. Damit erreicht die Britin ein junges Publikum – und will zugleich Frauen den Weg an die Orgel ebnen.
Michael Althaus (KNA)
Die Schlange war einen Kilometer lang: Mehr als 10’000 Menschen wollten Anna Lapwood im Sommer vergangenen Jahres im Kölner Dom hören. Die britische Organistin spielte spontan ein zweites Konzert, dennoch mussten Tausende draussen bleiben. Im Oktober soll sie dafür in Berlin den Opus Klassik für die beste Live-Performance erhalten.
Lapwood hat ein Instrument zum Massenphänomen gemacht, dessen Spieler meist verborgen auf Emporen sitzen. Der 31-Jährigen folgen nach Angaben der Plattform rund 1,7 Millionen Menschen auf Instagram und fast ebenso viele auf Tiktok und Facebook. Sie zeigt dort in kurzen Videos nächtliche Proben, erklärt technische Kniffe der Orgel und nimmt ihr Publikum mit hinter die Kulissen. Als Influencerin sieht sie sich nicht. Sie sei eine Organistin, die in Sozialen Medien poste, sagte sie in einem Interview.
Lapwood bietet eine Mischung, die in der Orgelwelt lange ungewöhnlich war. Sie verbindet Werke von Bach, Duruflé oder Vierne mit Pop und Filmmusik von zeitgenössischen Komponisten wie Hans Zimmer, John Williams oder Howard Shore. Filmmusik versteht sie als Türöffner.
Menschen, die kaum Berührung mit Kirchenräumen oder klassischer Musik hätten, fänden über vertraute Melodien einen Zugang.
«Ich möchte Freude verbreiten und teilen.»
Wie das funktioniert, zeigt sich bei einem Konzert im Hamburger Michel, einer der grössten und bekanntesten Kirchen der Stadt. Im Publikum sitzen auffallend viele junge Menschen. Lapwood moderiert fast jedes Stück an, macht Witze, stellt Fragen und lässt über Zugaben abstimmen. Vor einer rund 40-minütigen «Herr der Ringe»-Orgelsinfonie fasst sie die Handlung der Filme zusammen und summt die musikalischen Themen. Ihr Ziel formuliert sie an diesem Abend so: «I want to spread and share joy.» – «Ich möchte Freude verbreiten und teilen.»
Die Künstlerin trägt ein glitzerndes Sakko, das sie später auszieht und auf den Boden wirft. Als die Zuhörer nach dem ersten Stück applaudieren, zuckt sie zusammen, springt auf, rennt zur Brüstung der Empore und formt mit ihren Händen ein Herz. Dann zeigt sie nacheinander auf die drei Orgeln des Michels, die sie vom zentralen Spieltisch aus gespielt hat. Diese Szene wiederholt sich so ähnlich nach fast jedem Stück.
Während es bei vielen klassischen Konzerten verboten ist, mit Smartphones zu filmen und zu fotografieren, erlaubt Lapwood dies ausdrücklich. Zahlreiche Aufnahmen landen in Sozialen Netzwerken – viele davon teilt die Künstlerin am nächsten Morgen weiter.
Geboren wurde Lawood 1995 in England. Ihr Vater war anglikanischer Geistlicher, die Familie lebte zeitweise in einem Pfarrhaus. Sie begann mit Klavier, spielte Harfe und entdeckte als Jugendliche die Orgel. Ab 2016 war sie Musikdirektorin am Pembroke College in Cambridge. Dort leitete sie den traditionsreichen Chapel Choir, gründete einen Mädchenchor und förderte junge Komponistinnen.
Im Mai 2025 wurde sie zur ersten Hausorganistin der Royal Albert Hall in London ernannt. Wenige Monate später gab sie ihre Stelle in Cambridge auf, um sich stärker auf ihre Konzerttätigkeit zu konzentrieren.
Lapwood engagiert sich zugleich für Frauen in einer traditionell männlich geprägten Orgelwelt. Unter dem Hashtag #playlikeagirl ermutigt sie Musikerinnen, ihren eigenen Stil zu entwickeln. Auslöser war laut Lapwood ein Juror, der ihr als Jugendliche geraten hatte, «mehr wie ein Mann» zu spielen. Sie fragte zurück, warum Kraft und Autorität männliche Eigenschaften sein sollten. Zudem setzt sie sich für höhenverstellbare Orgelbänke ein, damit auch Kinder und kleinere Menschen das Instrument gut bedienen können.
Der Heidelberger Orgelprofessor Christoph Bornheimer sieht ihren Erfolg sowohl in ihrer Persönlichkeit als auch in einem breiteren Wandel begründet. Lapwood wirke in Sozialen Medien sehr nahbar, in keiner Weise abgehoben und strahle grosse Freude am Orgelspiel aus, sagte er auf Anfrage. Dies sei zugleich Teil eines Zeitgeists unter jungen Organisten. «Daher bin ich mir sicher, dass das Instrument Orgel in den nächsten Jahren generell ein steigendes Interesse erwarten darf.»
Nach dem Hamburger Konzert bildet sich bei einer Autogrammstunde eine lange Schlange. Lapwood spricht mit den Besuchern und posiert für Fotos. «Das war klasse», sagt die 46-jährige Nina, die selbst Orgel spielt. «Es ist faszinierend, was für eine unfassbare Energie sie ausstrahlt – auch nach anderthalb Stunden.»
Der 22-jährige Peter, ebenfalls Organist, nennt Lapwood ein ganz grosses Vorbild. «Ihre Art, wie sie am Rumhüpfen ist, ist ganz magisch.» Er sei auch schon bei ihrem Auftritt in Köln gewesen. Bei der Autogrammstunde hat er die Künstlerin um eine Unterschrift gebeten, die er sich als Tattoo auf den Arm stechen lassen will. Lapwood hat ihm auf eine Karte gleich mehrere Varianten geschrieben, von denen er sich eine aussuchen kann.
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