Rita Famos: «Ab und zu braucht es einen Neopren-Anzug»

Sie ist die erste Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz und hat jetzt das Buch «Leadership. Weibliche Perspektiven» herausgegeben. Im Podcast «Laut + Leis» sagt Rita Famos, was der Auslöser war und was Chefinnen, so unterschiedlich ihre Biografien auch sind, verbindet.

Sandra Leis

18 Frauen schreiben über ihre Karrieren, ihren Führungsstil und unabdingbare Skills. Die Palette der Autorinnen reicht von Simone Curau-Aepli, Ex-Präsidentin des Dachverbands Frauenbund Schweiz, über Anna-Nicole Heinrich und Azza Karam bis zu Brigitta Rotach, Silvia Schroer, Emanuelle Seyboldt und Sonia Skupch aus Buenos Aires.

«Ich habe Kirchenfrauen aus verschiedenen Konfessionen und Religionen gesucht, Frauen ausserhalb des kirchlichen Milieus und Männer», sagt Rita Famos. Zugesagt haben schliesslich 16 Kirchenfrauen sowie mit Karin Lenzlinger eine Unternehmerin und mit Stephanie von Orelli die langjährige Chefärztin der Frauenklinik des Zürcher Stadtspitals Triemli.

Männer haben alle abgesagt

Nach einem Mann sucht man vergeblich im Buch. Die Männer, die sie angefragt habe, hätten alle abgesagt mit der Begründung, sie fühlen sich nicht befugt, etwas dazu zu sagen. «Das ist schade, um so mehr freue ich mich über die Zusagen der 18 Frauen», so Rita Famos.

Sie ist Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), geschäftsführende Präsidentin der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa und seit letztem Jahr auch Vorsitzende des Schweizerischen Rats der Religionen.

Ermutigender Austausch

Arbeit gibt’s also zuhauf. Trotzdem hat sie sich entschieden, dieses Buchprojekt zu stemmen. Warum? Als sie sich überlegt habe, für eine letzte Amtszeit als Präsidentin der EKS zu kandidieren, habe sie sich gefragt, was in den vergangenen fünf Jahren besonders wertvoll gewesen sei.

«Dabei sind mir all die Frauen in den Sinn gekommen, mit denen ich mich auf eine sehr ermutigende Weise über unsere Führungserfahrungen austauschen konnte.» Vieles sei total unterschiedlich, aber einiges sei gemeinsam gewesen. «Diese Fülle an Lebensentwürfen wollte ich zeigen.» 

Hinzu komme, dass sie Frauen, die gerne eine Führungsaufgabe übernehmen möchten, Mut machen wolle mit Berichten von Frauen, die den Weg in die Chefetagen absolviert haben.

Widersprüchliche Anforderungen

Liest man alle Aufsätze, so wird deutlich: Die Anforderungen an Chefinnen sind oft widersprüchlich. Auf den Punkt bringt es zum Beispiel Anna-Nicole Heinrich, sie ist Vorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Sie schreibt: «Ich soll klar führen, aber bitte nicht zu deutlich. Empathisch sein, aber nicht zu weich. Präsenz zeigen, ohne zu viel Raum einzunehmen.» Es gebe keinen weiblichen Führungsstil, genauso wenig wie es einen männlichen gebe. «Aber es gibt geteilte Erfahrungen. Erfahrungen von begrenztem Zutrauen. Von ständiger Legitimation», schreibt Heinrich weiter.

Irgendwann habe sie verstanden, dass es nichts bringe, «all diese Erwartungen auszutarieren. Dieses Spiel ist kaum zu gewinnen.»

Der Scherbenhaufen ist angerichtet

Das sieht auch Rita Famos so und spricht von «einer Falle», die sich den Frauen stelle. «Das ist der Schlüsselmoment, den alle Frauen durchleben müssen. Von diesen widersprüchlichen Ansprüchen dürfen wir uns nicht irritieren lassen. Es geht darum, zu sich selber zu finden.»

Typisch ist oft auch, dass Frauen in Führungspositionen kommen, wenn der Scherbenhaufen angerichtet ist. Das war auch bei der EKS so: Gottfried Locher musste im Mai 2020 per sofort als Präsident zurücktreten. Machtmissbrauch sowie psychische und sexuelle Grenzverletzungen lauteten die Vorwürfe und stürzten die Kirche in eine Krise.

Zwei Frauen stellten sich als Nachfolgerinnen zur Wahl, Rita Famos machte das Rennen. Im Januar 2021 trat sie ihr neues Amt an – als erste Frau und mitten in der Corona-Zeit. Das braucht Chuzpe, und ja, Mut sei ihr schon in ihrer Jugend attestiert worden, erzählt sie im Podcast «Laut + Leis».

Geprägt von der Mutter

Sie packe Herausforderungen an und realisiere manchmal erst im Nachhinein, wie schwierig eine Aufgabe gewesen sei. Man müsse auch Niederlagen und Häme einstecken können. «Ab und zu braucht es einen Neopren-Anzug», so die 60-Jährige. «Aber der darf nicht allzu zu dicht sein», weil man sonst nicht mehr selbstkritisch sei.

Allen voran geprägt hat sie ihre Mutter: «Sie war alleinerziehend, hat uns erzogen und gearbeitet und die Freizeit gestaltet, wenn noch etwas Zeit übrig war.» Deshalb habe für sie als Mädchen nie ein Zweifel bestanden, dass Frauen alles tun können. 

Von grosser Wichtigkeit waren für Rita Famos auch die ersten Parlamentarierinnen und Bundesrätinnen, die ihre Frau gestanden haben, und Weggefährtinnen, die teilweise auch im Buch zu Wort kommen. 

«Ob in Kirche, Politik oder Wirtschaft: Für Transformationsprozesse braucht es einen sehr langen Atem», sagt Famos. Das gelte für alle, aber für Frauen in Führungspositionen ganz besonders. «Vom Moment, wo die erste Frau Theologie studiert hat in der reformierten Kirche bis zu meiner Wahl als Präsidentin der EKS gingen hundert Jahre ins Land. Das sind etwa drei Generationen.»

Buch und Vernissage: Rita Famos (Hg.): «Leadership. Weibliche Perspektiven», 283 Seiten, Theologischer Verlag Zürich 2026. Die Buchvernissage findet am 9.9.26 um 18.30 Uhr im Stellwerk in Bern statt.


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https://www.kath.ch/newsd/rita-famos-ab-und-zu-braucht-es-einen-neopren-anzug/