Es knallten Böller, es hupten Autos, es jubelten lautstark die Fans: Die Freude über den historischen Einzug der Schweizer Nati ins Viertelfinal bei der Fussball-WM kannte gestern Nacht nach dem 4:3 im Elfmeterschiessen gegen Kolumbien keine Grenzen. Den entscheidenden Elfmeter verwandelte Ruben Vargas.
Wolfgang Holz
Fussball kann episch sein. Literaturnobelpreisträger Peter Handke schrieb 1970 eine Erzählung mit dem legendären Titel «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter». In dieser dramatisch-tragischen Erzählung über den ehemaligen Torwart Josef Bloch, der seine Arbeit verlässt, seine Geliebte ermordet und am Ende von der Polizei verhaftet wird, wird diese Angst des Tormanns so beschrieben: Nur dem Tormann, der sich völlig ruhig verhält, schiesst der Schütze den Ball in die Hände.
Das ist eine durchaus zwar auch fussballerisch zutreffende Aussage. Doch Handke hat andererseits nicht ganz recht mit seinem Titel. Denn eigentlich geht es vor allem um die Angst des Schützen beim Penalty. Nur dieser kann im Grunde wirklich scheitern, wenn er nicht aus elf Metern Entfernung ins 7,32 Meter breite und 2,44 Meter hohe Tor trifft. Und immer wieder versagen Elfmeterschützen tragisch die Nerven.
Nicht so bei Ruben Vargas, dem entscheidenden Elfmeterschützen im Duell gegen Kolumbien. Der 27-jährige Spieler der Schweizer Fussballnationalmannschaft hat offensichtlich keine Angst gehabt, den letzten Elfmeter siegreich zu verwandeln. Schon vor dem Spiel hatte er angekündigt, dass er im Fall eines Penaltyschiessens bereit sei, Verantwortung zu übernehmen. Dabei hat ihm Gott Mut gemacht, wie er nach dem Spiel in einem Interview bekannte.
«Ich war natürlich nervös, es ist nochmals ein anderer Druck, wenn du weisst, dass dein Schuss das Spiel entscheiden kann», so Ruben Vargas gegenüber dem «Blick». Er habe sich aber besser gefühlt als bei all seinen bisherigen Penaltys. Dabei holte er sich göttlichen Beistand mit einem Gebet auf dem Platz. Vor dem Elfmeterschiessen. «Das hat mir Mut gegeben», verrät Vargas.
Dass der Sohn einer schweizerisch-italienischen Doppelbürgerin und eines Dominikaners gläubig ist, ist inzwischen bekannt. Schon nach seinem wunderschönen Tor zum 2:0 gegen Italien bei der Fussball-Europameisterschaft 2024 hatte er verkündet: «Das Tor ist für meinen Vater im Himmel und für Jesus Christus.» Wie immer hatte er sich nach dem Tor bekreuzigt und einen Gruss gen Himmel gesandt.
In einem früheren Interview mit der «Aargauer Zeitung» hatte Vargas erklärt: «Ich bin als Christ aufgewachsen, meine ganze Familie ist gläubig. Wobei ich als Kind einfach einiges davon gehört habe – wirklich verstanden habe ich aber nicht viel davon.» So richtig zum Glauben fand er erst in Deutschland durch einen Mannschaftskollegen beim FC Augsburg. Inzwischen kickt Vargas beim spanischen Fussballklub FC Sevilla.
Er habe schon immer gewusst, Gott ist da, so Vargas – der sich zu den Anhängern der Freikirche International Christian Fellowship (ICF) zählt. Diese überkonfessionelle Freikirche wurde 1996 in Zürich gegründet. Sie ist für ihre konzertähnlichen Gottesdienste bekannt und richtet sich mit Popmusik, Lichtshows und Motivations-Predigten gezielt an ein jüngeres Publikum. Gleichzeitig vertritt sie theologisch und moralisch konservative, evangelikale Ansichten. Sie finanziert sich durch Spenden und gilt als konservativ.
Rubén Vargas ist zudem Teil des religiösen Spielernetzwerks Fussball mit Vision. Diese in Deutschland gegründete evangelikale Vereinigung von aktiven und ehemaligen Profikickern will den Fussball zur Bühne für ihren Glauben machen, wei der «Blick» schreibt. Bei der aktuellen WM wurde diese Art der Missionierung erstmals sichtbar, als der deutsche Fussballprofi Felix Nmecha zusammen mit anderen Kickern nach dem Gruppenspiel Deutschland gegen Curaçao auf dem Fussballplatz einen Gebetskreis bildete – was international für Aufsehen und Kritik sorgte.
Im ersten WM-Viertelfinal seit 1954 trifft die Schweizer Nati nun in der Nacht auf Sonntag in Kansas City auf Argentinien. Der Titelverteidiger steht vor allem dank eines herausragenden Lionel Messi in den Viertelfinals. Er hat bereits 21 Treffer geschossen und ist damit aktuell WM-Rekordtorschütze.
Doch der Einzug ins Viertelfinal gegen die Schweiz verlief denkbar holprig gegen Ägypten – das zwischenzeitlich sogar mit 2:0-Toren führte. Dabei hat «Fussballgott» Messi auch einen Penalty vergeben – schon seinen zweiten bei der aktuellen WM in Nordamerika. Wenn es also gegen die Schweiz im Viertelfinal wieder zu einem Penaltyschiessen kommen sollte, stehen die Chancen der Schweizer Nati mit Ruben Vargas nicht schlecht.
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