Bruder Eric: «Es ist dringend notwendig, Laien in der Predigtkunst auszubilden»

Der Dominikanerbruder Eric de Clermont-Tonnerre, seit zehn Jahren Initiator und Leiter der Predigerschule in Paris, hat jüngst das Buch «On demande des prêcheurs!» («Wir suchen Prediger!») veröffentlicht. Ein Aufruf, in der Kirche engagierte Laien in der Predigt auszubilden, damit sie das Wort in Treue zum Evangelium und mit Kreativität verkünden können.

Geneviève de Simone-Cornet, cath.ch

Bruder Eric, warum dieses Buch?

Eric de Clermont-Tonnerre: Um daran zu erinnern, dass Predigt und Evangelisierung eine Aufgabe für alle ist. So müssen sich die Laien das Wort Gottes zu eigen machen, um es zu vertiefen und danach zu leben. Es ist für sie da. Es ist das wichtigste Mittel, durch das Gott sich den Menschen offenbart hat. Wenn der Mensch Gott kennenlernen, ihn in seinem Herzen und in seinem Leben aufnehmen und ihn bekannt machen will, muss er sich dessen bedienen: ihm zuhören und darüber sprechen. Er ist also eingeladen, die Bibel zur Hand zu nehmen, aufzuschlagen und zu lesen. Die Schriften der Mystiker und Heiligen, die Katechismen und die Werke zur Spiritualität kommen erst danach.

«Ein Laie, der predigt, übt sein Taufpriestertum aus.»

Aus welchem Grund sollten Laien das Wort Gottes verkünden?

Bruder Eric: Aufgrund ihrer Taufe. Ein Laie, der predigt, übt sein Taufpriestertum aus, das eine grundlegende Dimension seiner Berufung darstellt. Der auferstandene Jesus versammelte die elf Jünger in Galiläa und sandte sie mit folgenden Worten aus: «Geht! Macht alle Völker zu Jüngern: Tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und ich bin jeden Tag bei euch, bis zum Ende der Welt» (Mt 28,19-20). Die Getauften müssen sorgfältig alles lernen, was Jesus gesagt und gelehrt hat, um es dann getreu weiterzugeben. Wie? Indem sie sich dieses Wort zu eigen machen, das für sie da ist.

«Jeder ist eingeladen, das Wort zu ergreifen, um die Frohe Botschaft zu bezeugen.»

«Man muss den Getauften zurückgeben, was ihnen gehört!», schreiben Sie. Was muss man ihnen zurückgeben, was man ihnen «weggenommen» hat?

Bruder Eric: Das Vokabular der Berufung, der Weihe, des Priestertums, der Nachfolge Christi, der Vollkommenheit oder der Heiligkeit wurde nach und nach den Ordensleuten und Priestern vorbehalten. Doch alle Christen sind dazu berufen. Das Zweite Vatikanische Konzil bekräftigt dies: Die Hauptweihe ist die Taufe; das allgemeine Priestertum der Gläubigen ist ein wesentliches Merkmal des Volkes Gottes; die Heiligkeit ist die Berufung aller Getauften; die Evangelisierung und die Verkündigung sind die Pflicht aller. Jeder ist eingeladen, das Wort zu ergreifen, um die Frohe Botschaft zu bezeugen.

«Das Evangelium stellt nicht nur unsere Denk- und Lebensweisen in der Gesellschaft, unsere Art zu urteilen, zu bewundern oder abzulehnen in Frage.»

Ein gewagtes Wort…

Bruder Eric: Ja, das stimmt… Predigen bedeutet, Zeugnis abzulegen von der provokativen und befreienden Kraft des Wortes Gottes. Allzu oft vergessen wir, dass die Verkündigung der Frohen Botschaft Jesus ans Kreuz geführt hat; schon sehr früh stiess er auf heftigen Widerstand, seine Gesprächspartner wollten ihn zum Schweigen bringen. Denn das Evangelium stellt nicht nur unsere Denk- und Lebensweisen in der Gesellschaft, unsere Art zu urteilen, zu bewundern oder abzulehnen in Frage, sondern auch unser Verständnis von Gott und vom Menschen und ihrer Beziehung zueinander sowie unsere religiösen Verhaltensweisen, die nicht spontan mit der Lehre Jesu übereinstimmen.

Die Predigt steht im Dienst des Wortes, schreiben Sie, sie hat ihre Wurzeln im Evangelium…

Bruder Eric: Gewiss! Das Evangelium ist ihre Quelle, ihr Gegenstand, ihr Rahmen und ihr Mittel; ihr erster und wichtigster Bezugspunkt. Denn dort begegnen wir Christus, dem ersten Prediger, und dort schöpfen wir den Inhalt seiner Predigt und den der Predigt der Apostel. Dort lernen wir, Gott und den Menschen in aller Genauigkeit und Wahrheit zu beschreiben.

«Doch damit das Evangelium ein lebendiges Wort ist, damit es unsere Zeitgenossen berührt und zu ihnen spricht, muss der Prediger seine Kreativität einbringen.»

Aus dieser Quelle haben im Laufe der Jahrhunderte Gregor von Nyssa, Augustinus, Benedikt, Hildegard von Bingen, Thomas von Aquin, Katharina von Siena, Therese von Lisieux oder Charles de Foucauld geschöpft. Doch damit das Evangelium ein lebendiges Wort ist, damit es unsere Zeitgenossen berührt und zu ihnen spricht, muss der Prediger seine Kreativität einbringen.

Was sind die Merkmale der Predigt?

Bruder Eric: Sie ist in erster Linie ein adressiertes Wort: Sie weiss, was sie sagen will, an wen sie sich richtet und zu welchem Zweck. Und sie sagt es so einfach wie möglich, damit sie verstanden wird: Dazu versucht sie stets, sich an die Wahrheit der Botschaft, an den Kontext und an den Zuhörer anzupassen; daran, wer er ist, was er erlebt und was er verstehen kann. Jede Predigt sollte einige dieser acht Eigenschaften aufweisen: evangelisch, christologisch, österlich/tauflich, berufungsbezogen, kirchlich, diakonisch, prophetisch, eschatologisch.

Inwiefern ist sie prophetisch?

Bruder Eric: Indem sie stark, mutig und klar ist, um dem Bösen und der Lüge, die sich oft unter dem Deckmantel von Gerechtigkeit und Güte verbergen, Einhalt zu gebieten und das Gute hervorzuheben, das sehr oft unter dem Schleier des Unglücks und des Leidens verborgen ist.

«Die Predigt ist ein starkes Wort, das jedoch nicht moralisiert!»

Man predige nicht von oben herab, sagen Sie, sondern in Brüderlichkeit und Nähe…

Bruder Eric: Die Predigt ist ein starkes Wort, das jedoch nicht moralisiert! Sie ruft eindringlich auf, aber sie zwingt nicht, sie urteilt nicht. Sie stützt, sie erdrückt nicht. Es geht darum, sich auf die Höhe der Zuhörer zu begeben, ja mehr noch, es geht darum, sich unter sie zu setzen, mit ihnen, um ihnen zuzuhören und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Predigen lässt sich nicht improvisieren. Man muss sich ausbilden lassen, und deshalb haben Sie gemeinsam mit anderen im Herbst 2015 die Schule für Predigt gegründet. Was lernt man dort?

Bruder Eric: Es ist eine recht breit angelegte Ausbildung rund um das Wort Gottes und das menschliche Wort. Man beschäftigt sich mit Anthropologie, Philosophie und Theologie, man studiert die Bibel und übt sich in der Praxis. Man lernt zu lesen, zuzuhören, sich auszutauschen und zu sprechen. Denn es geht darum, Laien, Frauen und Männern, zu helfen, sich – völlig legitim – in der Kirche zu Wort zu melden und auf ihre Weise zu predigen, wo immer sie engagiert sind.

«Man muss sein Bibelwissen vertiefen.»

Welche Kompetenzen braucht es, um gut zu predigen?

Bruder Eric: Man muss in der Lage sein, einen Text zu lesen und ihn fundiert zu kommentieren, das heisst, ihn nicht zu instrumentalisieren, um Dinge zu sagen, die uns gefallen. Man muss sein Bibelwissen vertiefen. Man muss auf die Gestaltung eines Kommentars achten. Und man muss sich im Vorfeld mit bestimmten, schwer zu erklärenden Themen auseinandersetzen: die Dreifaltigkeit, die Auferstehung, die Erlösung, Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott, das Böse und das Leiden, die Sünde, die Schuld, die Vergebung.

«Wer Christus – und sein Evangelium – liebt und danach strebt, ihn kennenzulernen, wird gerne von ihm sprechen.»

Wie kann man Berufungen zum Prediger wecken?

Bruder Eric: Es bräuchte mehr Bibelkreise, eine intensivere Arbeit am mündlichen Ausdruck und eine stärkere Konzentration auf die Begleitung und die dafür erforderlichen Fähigkeiten. Wer Christus – und sein Evangelium – liebt und danach strebt, ihn kennenzulernen, wird gerne von ihm sprechen. (adaptiert: woz)


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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