Ute Leimgruber: «Tätern von spirituellem Missbrauch ist oft nicht bewusst, wie schädlich das ist»

Die Regensburger Professorin Ute Leimgruber hat an einem Online-Vortrag ihre Erkenntnisse über spirituellen Missbrauch geteilt – und dessen Merkmale benannt. Auch Personen aus der Schweiz hörten mit, da die Betroffenenorganisation für Missbrauch in der Kirche (IG MikU) darauf hingewiesen hatte.

Regula Pfeifer

«Spiritueller Missbrauch ist die Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechts einer Person», so definiert Ute Leimgruber das komplexe Phänomen, das sie an einer Online-Veranstaltung den Zuhörenden näherbringt. Die Professorin für Pastoraltheologie und Homiletik an der Universität Regensburg berichtet dabei aus dem Buch «Spirituellen Missbrauch verstehen», das sie 2024 mit herausgegeben hat.

Den Online-Anlass am Donnerstag haben die Katholische Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (Kamp) und die Diözese Rottenburg-Stuttgart organisiert. Darauf hingewiesen hat unter anderem die Schweizer Betroffenenorganisation für Missbrauch in der Kirche (IG MikU) auf ihrer Webseite. Auch Personen aus der Schweiz hören mit.

Frauen fehlten in deutscher Missbrauchsstudie

Leimgruber hat bereits mehrere Bücher zur Missbrauchsthematik in der katholischen Kirche publiziert. Als Pastoraltheologin beschäftige sie sich mit der Praxis in der Kirche. Und Missbrauchsphänomene seien «Praxen in der Kirche», sagt Leimgruber. Ihr erstes Buch zur Thematik sei aber auch eine Reaktion auf die 2018 erschienene erste Studie über Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche gewesen, die sogenannte MHG-Studie, die Übergriffe an über 3’000 Kindern und Jugendlichen aufdeckte.

Im Gespräch unter katholischen Frauen sei damals klargeworden: Von Missbrauch sind auch viele Frauen in der Kirche betroffen, erzählt Leimgruber. Um das aufzuzeigen, entwickelte sie mit weiteren Theologinnen das Buch «Erzählen als Widerstand. Berichte über spirituellen und sexuellen Missbrauch an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche», das 2020 herauskam.

Selbstverlust und Gottentfremdung

Auf zwei Beispiele von spirituellem Missbrauch aus dem Buch «Selbstverlust und Gottentfremdung» greift die Referentin nun zurück. Die beschriebenen Frauen erlebten langanhaltenden spirituellen Missbrauch, die eine in einer geistlichen Gemeinschaft, die andere in der Seelsorge durch einen Priester.

Gleichzeitig erwähnt Leimgruber, dass es spirituellen Missbrauch auch als kurze Einzeltaten gibt. Eine solche wäre demnach, wenn ein Priester einer Gläubigen im Gottesdienst die Handkommunion verwehrt und sie zur Mundkommunion zwingt.

Vom «Hungergefühl» bis zum Missbrauch

Eine der beschriebenen Frauen erlitt in einer neuen geistlichen Gemeinschaft spirituellen Missbrauch. Die Frau hatte ursprünglich ein «Hungergefühl» nach einem religiösen Leben und Vorbildern. Nach dem ersten Kontakt mit der Gemeinschaft meinte sie, am richtigen Ort angekommen zu sein.

Doch bald wurden von ihr immer mehr Präsenz und Engagement verlangt. Mehrere Stunden beten und die Wochenenden mit Evangelisierung verbringen, gehörten dazu. Fürs Studium, für Freunde und Familie war bald keine Zeit mehr. Gleichzeitig berichtete sie der Leitung der Gemeinschaft, die sich als «Eltern» aufführte, alles Persönliche über sich und auch über andere. Es entstand ein «Spitzelsystem», sagte die Frau später.

«Sie war vollständig vom System vereinnahmt worden», sagt die Pastoraltheologin. «Und alle Grenzüberschreitungen wurden mit der Liebe zu Gott bemäntelt.» Irgendwann begann die Frau allerdings kritische Fragen zu stellen, was die Leitung ihr verbot. «Die Konfrontation mit der Leitung und deren Reaktion ermöglichte ihr, eine distanziertere Position einzunehmen», so Leimgruber. So konnte sich die Frau von der Gemeinschaft lösen.

Jugendseelsorger zwingt Frau zu ständigem Beichten

Auch die andere Frau, von der Leimgruber erzählt, geriet jung in die Fänge von spirituellem Missbrauch. Sie war 17, als sie in einer Jugendgruppe der Pfarrei mitmachte. Anfänglich war sie begeistert vom Jugendgruppenleiter, der die Abende leitete, sie alle am Klavier beim Singen begleitete, Glaubensgespräche führte.

Einmal beobachtete er, wie der jungen Frau die Tränen runterliefen. Er verlangte ein Gespräch dazu mit ihr. Dabei eröffnete er ihr, Gott wolle mehr von ihr. Der Jugendseelsorger wurde ihr geistlicher Begleiter. Er brachte sie dazu, jede Woche bei ihm zu beichten. Sie bekam das Gefühl, alles falsch zu machen, was bis zu Selbstmordgedanken führte.

Als sie eines Tages Exerzitien machte, brach alles aus ihr heraus. Der Exerzitienleiter erkannte das Problem und sprach es aus: spiritueller Missbrauch. Nach Monaten der Therapie konnte die Frau den Kontakt zum Jugendseelsorger kappen. Die Missbrauchsbeziehung dauerte mehr als 15 Jahre lang.

Seelsorge ist anfällig

In der Seelsorge gebe es eine erhöhte Gefahr für Missbrauch, sagt Leimgruber, man nenne dies auch «Vulneranz». Denn Seelsorgegespräche seien keine Gespräche auf Augenhöhe. Die Seelsorgenden würden die Hilfesuchenden begleiten und beraten. Und diese würden sich stark öffnen, was sie vulnerabel mache. Und die Situation anfällig, sagt die Expertin.

«Wer in diesem System drin ist und daran glaubt, ist maximal verletzlich.»

Ausgeprägt ist das Gefälle bei Priestern. «Priester sind mit ekklesialer beziehungsweise institutioneller Macht ausgestattet – anders als andere Seelsorgende», sagt Leimgruber. Sie könnten etwa Sakramente geben oder verweigern. «Wer in diesem System drin ist und daran glaubt, ist maximal verletzlich.»

Machtmissbrauch findet sowohl beim sexuellen wie auch beim spirituellen Missbrauch statt, sagt Leimgruber. Sie thematisiert aber einen überraschenden Unterschied zwischen den beiden Missbrauchsarten. «Bei sexuellem Missbrauch ist den Tätern klar: Das ist schädlich für die betroffene Person. Bei spirituellem Missbrauch hingegen ist den Tätern oft nicht bewusst, wie schädlich das ist.»

Die besprochenen Bücher: Ute Leimgruber und Barbara Haslbeck (Hg.), «Spirituellen Missbrauch verstehen. Wissenschaftliche Essays zu Selbstverlust und Gottentfremdung», Grünewald-Verlag, 2024

Barbara Haslbeck, Ute Leimgruber, Regina Nagel und Philippa Rath  (Hg.), «Selbstverlust und Gottentfremdung. Spiritueller Missbrauch an Frauen in der katholischen Kirche», Patmos-Verlag, 2023.

Im Mai erscheint Ute Leimgrubers neustes Buch: «Missbrauchsmuster. Was Missbrauch an Frauen ermöglicht und warum er nicht als solcher erkannt wird», Grünewald-Verlag, 2026


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/ute-leimgruber-taetern-von-spirituellem-missbrauch-ist-oft-nicht-bewusst-wie-schaedlich-das-ist/