Der katholische US-Vizepräsident J.D. Vance hat jüngst den römischen Kirchenlehrer Augustinus beigezogen, um den Krieg gegen den Iran zu rechtfertigen – und damit Papst Leos’ XIV. Kritik am Krieg zu kontern. «Krieg ist für Augustinus nie etwas Positives und nur unter strengen Bedingungen gerechtfertigt», sagt demgegenüber der Kirchenhistoriker Gregor Emmenegger.
Regula Pfeifer
Papst Leo XIV. hat den US-Krieg gegen den Iran kritisiert. US-Vizepräsident J.D. Vance beruft sich auf Augustinus. Wie äusserte sich Augustinus zum «gerechten Krieg»?
Gregor Emmenegger*: Augustinus (354-430) hat keine ausgearbeitete Theorie des «gerechten Krieges» hinterlassen. Er reagiert vielmehr auf konkrete Krisen seiner Zeit. Ein Schlüsselereignis ist die Plünderung Roms im Jahr 410 durch die Westgoten. Ein heidnisch-römischer Staatsmann namens Volusianus schreibt daraufhin an Augustinus. Er wirft in seinem Brief den Christen vor, ihre Botschaft von Feindesliebe und Gewaltverzicht mache den Staat wehrlos. Barbaren müssten mit dem Schwert in der Hand bekämpft werden.
Augustinus antwortet mit seinem Werk «Vom Gottesstaat». Darin analysiert er die tieferen Ursachen von Krieg – und die liegen für ihn in der «libido dominandi», der Machtgeilheit der Herrschenden. Sie treibt dazu, Kriege zu führen und Leid zu verursachen.
«Berühmt ist seine Frage: Was unterscheidet einen Staat von einer Räuberbande?»
Berühmt ist seine zugespitzte Frage: Was unterscheidet einen Staat von einer Räuberbande? Seine Antwort: Nur die Gerechtigkeit. Fehlt sie, dann ist auch ein Staat nichts anderes als organisierte Gewalt im grossen Stil.
Krieg ist für Augustinus deshalb nie etwas Positives. Er kann unter strengen Bedingungen gerechtfertigt sein – wenn er von legitimer Autorität ausgeht und tatsächlich dem Frieden, der Ordnung und der Gerechtigkeit dient. Aber selbst dann bleibt er ein moralischer Grenzfall – nie etwas, das man gutheissen kann. Solche Kriege sind für Augustinus meist nur eine pervertierte da gewaltsame Suche nach Frieden.
Ist der Krieg von USA und Israel gegen den Iran in diesem Sinn ein «gerechter Krieg»?
Emmenegger: Augustinus würde wohl weniger einzelne Staaten beurteilen als die Frage stellen, ob es überhaupt eine Instanz gibt, die glaubwürdig zwischen Recht und Unrecht vermitteln kann. In diesem Sinn läge ihm die Idee einer internationalen Rechtsordnung – etwa der Vereinten Nationen – sehr nahe.
«Antike Autoritäten oder die Bibel lassen sich leicht zitieren und ebenso leicht missbrauchen.»
Kann man heute noch mit Augustinus’ Aussagen argumentieren?
Emmenegger: Antike Autoritäten oder die Bibel lassen sich leicht zitieren und ebenso leicht missbrauchen. Sie wie ein Waffenarsenal zu benutzen, um eigene politische Positionen zu rechtfertigen, führt fast immer zu Verkürzungen. Interessant wird Augustinus dort, wo er uns nicht bestätigt, sondern irritiert. Ihn ernsthaft zu lesen und seine Fragen an unsere Gegenwart heranzutragen, ist sehr fruchtbar. Seine Analyse von Macht, Gewalt und Frieden hat eine erstaunliche Aktualität.
Wie gut lassen sich Weisheiten antiker Denker auf heute anwenden?
Emmenegger: Gute Denker altern gut. Wie bei fast allen Autorinnen und Autoren findet man bei Augustinus beides: zeitgebundene Vorstellungen und Einsichten von bleibender Tiefe. Die Irrtümer erkennt man oft schnell – sie gehören einer anderen Epoche an und sind nicht die unseren. So lassen sich Wahrheiten freilegen, die überraschend gegenwärtig wirken und auch uns betreffen.
Ihr Fazit zur Aussage von J.D. Vance?
Emmenegger: Sich auf Augustinus zu berufen, um Krieg zu legitimieren, ist riskant. Denn der Bischof liefert keine Argumente, um Krieg zu rechtfertigen – sondern Gründe, ihm zu misstrauen.
«Für Augustinus beginnt die Frage nach dem gerechten Krieg nicht beim Feind, sondern bei den eigenen Absichten.»
Wer ihn ernst nimmt, kann nicht einfach sagen: Dieser Krieg ist gerecht. Er muss zuerst fragen: Welche Machtinteressen stehen dahinter? Wem nützt er? Und wie viel «libido dominandi» steckt darin? Vielleicht ist das die unbequemste Pointe bei Augustinus: Für ihn beginnt die Frage nach dem gerechten Krieg nicht beim Feind, sondern bei den eigenen Absichten.
*Gregor Emmenegger ist Titularprofessoram Departement für Patristik und Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i.Ü. Er forscht unter anderem zu Alter Kirchengeschichte vom 1. Jh. bis zum Frühmittelalter, zu Patristik und christlicher Literaturgeschichte sowie zur koptischen Sprache und Kultur.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant