Eine weit verbreitete Vorstellung besagt, der Islam habe im 12. und 13. Jahrhundert eine kulturelle Hochblüte erlebt, sei aber danach in eine Phase der Dekadenz eingetreten, von der er sich nicht mehr erholt habe. An einer Veranstaltung des Zürcher Instituts für interreligiösen Dialog hat der Islamwissenschafter Ulrich Rudolph solche gängigen Vorstellungen zerpflückt.
Francesco Papagni
Als die Normannen 1072 Palermo eroberten, fanden sie eine florierende Stadt vor, in der die Literatur, die Naturkunde und die Architektur samt Gartenbau unvergleichlich hoch entwickelt waren. Klugerweise übernahmen die Krieger aus Europas Norden die arabische Verwaltung und legten so den Grundstein für die arabisch-normannisch-byzantinische Kulturblüte auf Sizilien.
Solche Episoden wurden im Europa des achtzehnten Jahrhunderts verdichtet zum Bild eines zivilisatorisch überlegenen, religiös toleranten Islam. Namentlich Al-Andalus, das muslimische Spanien, wurde von den Aufklärern gegen die katholische Kirche eingesetzt. Die finsteren katholischen Spanier, so die aufklärerische Legende, hätten der toleranten, raffinierten arabisch-islamischen Kultur ein jähes Ende bereitet. Die Wahrheit ist wie so oft prosaischer: Ein religiös toleranter Islam wurde von nordafrikanischen Eiferern, den Almohaden, beseitigt, lange bevor die Reconquista Andalusien erreichte.
Das Fremde ist immer auch der Spiegel des Eigenen. Das zeigt sich gerade auch dort, wo Christen islamische Kultur zu interpretieren versuchen. Nicht selten vermengen sich dabei Wahrheit und Dichtung.
Das übliche Bild sieht die islamische Kultur in einer Hochblüte im 11. und 12. Jahrhundert mit Gelehrten wie Avicenna und Averroes, die Aristoteles weiterdenken. Ihre Kommentare werden im Westen von Thomas von Aquin studiert und geschätzt. Bekanntlich kommen in dieser Zeit die aristotelische Metaphysik und weitere Schriften ins lateinische Europa, vermittelt über den islamischen Kulturkreis. Aber danach bricht die islamische Hochkultur ab. Wieso geriet die islamische Welt ins Hintertreffen? Wieso schuf sie keine kritische Wissenschaftskultur?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich anlässlich eines öffentlichen Vortrags am Zürcher Institut für interreligiösen Dialog der Islamwissenschaftler Ulrich Rudolph, der als Professor an der Universität Zürich tätig ist. Er gilt als Spezialist für Philosophie im islamischen Raum. Gemäss seinen Ausführungen hat es in der islamischen Welt sehr wohl eine Stagnation gegeben. Die sei aber später eingetreten, als gängigerweise angenommen wird.
Die Stagnation kommt nicht im 13., sondern im 17. Jahrhundert. Es sind die muslimischen Gelehrten selbst, die diesen Stillstand feststellen just zu einer Zeit, in der in Europa mit René Descartes, Francis Bacon und Thomas Hobbes die Philosophie einen neuen Aufschwung nimmt und Galileo Galilei, Johannes Kepler und Nikolaus Kopernikus die Grundlagen für die moderne Naturwissenschaft legen.
Der britische Forscher Joseph Needham formulierte mit Blick auf China folgende Frage: Warum entwickelte sich die moderne Naturwissenschaft mit Experiment, Mathematik und systematischer Theoriebildung in Europa, obwohl China jahrhundertelang technologisch und wissenschaftlich weit voraus war? Diese Frage lässt sich auch auf die islamische Welt anwenden. Die antike Naturwissenschaft samt dazugehöriger Philosophie waren in Persien sowie im arabischen Raum bekannt und wurden gepflegt. Zudem entwickelte sich dort auch die Algebra, ohne die höhere Mathematik nicht denkbar wäre. Wieso fand also eine entsprechende Entwicklung nicht statt?
Ulrich Rudolph hat eine Antwort auf diese Frage an diesem Abend nicht geliefert, aber eins wurde durch seine Ausführungen deutlich: Dem Kolonialismus kann man nicht die Schuld dafür zuschieben. Wie Rudolph bemerkte, waren die Beziehungen zwischen europäischen Staaten und arabischen Herrschern bis 1750 ausgeglichen. Mit dem Osmanischen Reich bestand ein Imperium, das vom Balkan bis nach Ägypten und Libyen reichte.
Namentlich die osmanischen Herrscher in Istanbul erkannten die europäische Überlegenheit und versuchten, ihr Reich zu reformieren. Aber es gelang ihnen nicht. Bezeichnend ist die Situation der Übersetzungen: Während arabische Autoren wie Ibn Tufail noch in der frühen Neuzeit nicht nur übersetzt, sondern im Westen auch begeistert gelesen wurden, wurde Descartes erst im 19. Jahrhundert ins Arabische übersetzt. Aber auch dann wurde das aus Europa kommende Wissen von den Hochschulen nicht aufgenommen.
Im 19. und 20. Jahrhundert vervielfachen sich im Islam die Reformanstrengungen. Mohammed Ali Pascha modernisierte Ägypten im 19. Jahrhundert, aber das ging gegen die Interessen des British Empire. Eine autoritäre Modernisierung betrieb Kemal Atatürk in der Türkei, diese war nachhaltig. Und nach 1945 gab es eine Welle der «Entschleierung der Frau» von Marrakesch über Tunis bis Kairo und Teheran samt dazugehöriger Frauenbewegung. Doch es bildeten sich bezüglich der Wahrnehmung der eigenen Rückständigkeit zwei Lager: Die einen sahen die Lösung in der systematischen Aufnahme westlicher Kultur, die andern in einer Rückkehr zum «wahren Islam», der so, wie sie es sich vorstellten, nie existiert hat. Die «Krankheit des Islam» (Abdelwahab Meddeb) ist darin begründet, dass die Fundamentalisten immer einflussreicher geworden sind.
In der anschliessenden Diskussion wurde eingewandt, dass vielleicht die Frage falsch gestellt sei. Nicht die Sagnation der islamischen Welt sei zu erklären, sondern die unvergleichliche Entwicklung Europas, zumal die Stagnation ja auch Indien und China umfasste.
Hat das Christentum eine entscheidende Rolle für den europäischen Erfolg gespielt? Es gibt mittlerweile eine breite Literatur zum europäischen Sonderweg, die zum Schluss kommt, dass es tatsächlich das Christentum war, das wesentlich zur europäischen Entwicklung beigetragen hat: Institutionell, indem das Kirchenrecht die Grundlagen für den Rechtsstaat geschaffen habe (Adrian Loretan); religionsgeschichtlich, indem mit Martin Luther eine Entkoppelung von Glauben und Wissen geschehen sei (Jürgen Habermas); und schliesslich wirtschaftlich, indem der Calvinismus den neuzeitlichen Kapitalismus hervorgebracht habe (Max Weber).
Wie dem auch sei, im Westen entstand eine Kultur der Kritik, die auch vor der Bibel nicht Halt machte. Die islamische Welt hat eine solche Kultur der Kritik ebenfalls ausgebildet, aber sie hat sich langfristig nicht etablieren können.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant