Christian Rutishauser: «Die Beziehungen zum Judentum haben für Papst Leo hohe Priorität»

Der jüdisch-katholische Dialog ist nicht überall gleich, sagt Christian Rutishauser, Professor für Judaistik und Theologie. «Die subtilen Formen von Judenverachtung sind auch in der Kirche weiterhin vorhanden.» Er findet klare Worte zum Kreuzweg in Naters – der kommende Sonntag ist Tag des Judentums.

Jacqueline Straub

Sie waren kürzlich für eine Arbeitssitzung im Vatikan. Was wurde hierbei besprochen?

Christian Rutishauser*: Es hat eine neue Amtsperiode für die Mitglieder der Kommission für die Beziehung zum Judentum begonnen. Wir trafen uns unter der Leitung von Kardinal Kurt Koch zu einer konstituierenden Sitzung. Zuerst wurde ausgetauscht und darüber informiert, was im jüdisch-katholischen Dialog läuft, in Südamerika, in Europa und natürlich in Israel. Wir diskutierten dann Schwerpunkte für die Zukunft. Gerade angesichts der Tatsache, dass die katholische Kirche in Asien und Afrika wächst, wo es kaum Kontakt mit jüdischen Gemeinden gibt, stellt sich die Frage, wie die Errungenschaften des jüdisch-christlichen Dialogs vermittelt werden können.

«Die Kirche hat sich neu in einer multireligiösen Gesellschaft zu positionieren.»

Welche Erfahrungen haben Sie bei der internationalen Sitzung gemacht?

Rutishauser: Wir blickten auf die zahlreichen Veranstaltungen zu 60 Jahre Nostra aetate im vergangenen Herbst zurück. In Rom wurden sie vom Dikasterium für den interreligiösen Dialog und von der Kommission für das Judentum zusammen organisiert.

Wie sind die Herausforderungen?

Rutishauser: Sehr unterschiedlich. In Indien und anderen Ländern sind Christen eine Minderheit, die unter Druck steht oder sogar Verfolgung ausgesetzt ist. In Europa und Nordamerika steht die Kirche in einer Phase, in der sich die klassische Säkularisierung neigt. Die Kirche hat sich neu in einer multireligiösen Gesellschaft zu positionieren. Solche gesellschaftlichen Kontexte bestimmen den interreligiösen Dialog stark. Es ist sehr spannend und lehrreich, auf weltkirchlicher Ebene die Entwicklungen wahrzunehmen. Es ist für mich und meine Arbeit immer eine Horizonterweiterung.

Wie wichtig ist dem Vatikan ein gutes Verhältnis zwischen Judentum und Christentum?

Rutishauser: Die Beziehungen zum Judentum haben hohe Priorität. Papst Leo hat nach seinem Amtsantritt gleich Grussbotschaften an jüdische Partner geschickt, schon zahlreiche Delegationen empfangen, darunter auch Staatspräsident Herzog aus Israel. Wir hatten in Rom eine Konferenz für Jerusalem fertig vorbereitet, die dann eine Woche danach stattgefunden hat. Dabei war das Gegenüber, das International Jewish Committee for Interreligious Consultations (IJCIC) mit Sitz in New York.

Es ist die Dachorganisation verschiedener jüdischer Institutionen, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit der Kirche im Dialog sind. Jerusalem wurde als Konferenzort gewählt, um über das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 an Israelis und den darauf folgenden Gaza-Krieg Israels zu sprechen. Diese Situation hatte den Dialog belastet. So war unter anderem eine Aussprache wichtig. Zudem hat sich Papst Leo auch schon mehrere Male unmissverständlich gegen alle Formen des Antisemitismus geäussert.

«Für die Kirche ist es aber nicht genug, Antijudaismus zu bekämpfen.»

Wo braucht es noch mehr Aufklärung?

Rutishauser: Die subtilen Formen von Judenverachtung sind auch in der Kirche weiterhin vorhanden. Angesichts der politischen Auseinandersetzung im Nahen Osten kommen sie wieder an die Oberfläche. Für die Kirche ist es aber nicht genug, Antijudaismus zu bekämpfen. Es geht vielmehr darum, aufzuzeigen, wie der christliche Glaube eng mit dem jüdischen Glauben verbunden ist.

Johannes Paul II. hat dies unterstrichen, wenn er die Lehre vom «ungekündigten Bund» Gottes mit dem jüdischen Volk stark gemacht hat.

Rutishauser: Genau. Jesus war ein jüdischer Wanderprediger und auch als Gottes Sohn, steht er in der Offenbarungsgeschichte Gottes mit seinem Volk, das mit der Berufung Abrahams einsetzt. Nicht nur das Alte Testament, das Christen mit Juden als Heilige Schrift teilen, auch die Evangelien und Paulusbriefe sind jüdisch-messianische Schriften. Ohne Bezug zum Judentum können sie nicht richtig verstanden werden.

Der Kreuzweg in Naters zeigt eine antisemitische Darstellung. Der dortige Pfarrer sieht keinen Anlass, den Kreuzweg zu ändern oder ein Schild anzubringen. Schadet dies den Beziehungen von Christen und Juden?

Rutishauser: Die Darstellung einer triumphierenden Kirche und eines verblendeten Judentums war durch die ganze Kirchengeschichte hindurch Ausdruck des Antijudaismus. Sie steht für die Lehre der Verachtung und Verwerfung des Judentums aus der Heilsgeschichte. Das Konzil hat genau diese Lehre abgelehnt und die erneuerte Sicht mit der Lehre vom «ungekündigten Bund» formuliert.

«Mit den historischen Bildern gilt es, sorgsam umzugehen.»

Sollte wenigstens ein Schild angebracht werden?

Rutishauser: Es sollte keine Darstellung mehr erlaubt sein, wie sie in Naters zu sehen ist. Es gibt in der Zwischenzeit auch verschiedene neue künstlerische Darstellungen von Kirche und Synagoge, die beide auf Augenhöhe zeigen. Ich habe gerade in den letzten Jahren an einem Kunstwettbewerb im Kölner Dom mitgewirkt, an dem es um neue künstlerische Darstellungen von Kirche und Judentum geht. Wir brauchen unbedingt neue Bilder, denn sie prägen uns stark, oft auch unbewusst. Mit den historischen Bildern gilt es, sorgsam umzugehen. Das heisst, den Antijudaismus darin zu thematisieren.

Kardinal Kurt Koch ist derzeit der letzte Deutschsprachige an der Spitze einer Vatikanbehörde. Sie arbeiten mit ihm zusammen. Welche Akzente setzt er in seiner Arbeit?

Rutishauser: Als Vorsteher des Dikasteriums für die Einheit der Christen ist ihm die Ökumene ein grosses Anliegen. Im vergangenen Jahr stand das Gespräch mit der griechisch-orthodoxen Kirche im Fokus, wie man bei der Reise in die Türkei zur Feier von 1700 Jahren Glaubensbekenntnis von Nizäa gesehen hat. Es ist wichtig, das gemeinsame Glaubensbekenntnis in der heutigen Zeit zu vermitteln.

Bei der Ehrung zu seinem 75. Geburtstag hat Kardinal Kurt Koch letztes Jahr in Luzern über die Bedeutung des Papstamtes für die Ökumene gesprochen. Im jüdisch-katholischen Dialog hat er in den letzten Monaten nicht nur die theologische Sicht auf das Judentum stark gemacht, wie sie Nostra aetate formuliert hat. Vor zehn Jahren liess er auch ein Arbeitspapier zum jüdisch-christlichen Dialog veröffentlichen, das seither in der Theologie diskutiert wird. Es geht um die Frage, was der «ungekündigte Bund» Gottes mit dem jüdischen Volk für Christen bedeutet, wie er mit dem Neuen Bund in Christus zusammenhängt und wie er mit der christlichen Überzeugung zu vermitteln ist, dass das Evangelium ausnahmslos allen Menschen zu verkünden ist.

Am 1. März begeht die Schweizer Kirche den Tag des Judentums. Welcher Schwerpunkt gibt es in diesem Jahr?

Rutishauser: Der jüdisch-christliche Dialog beschäftigt sich nie nur mit sich selbst. Es geht immer auch um die Frage, welchen Auftrag Christen und Juden in der Gesellschaft von heute haben. Daher haben wir dieses Jahr den Schwerpunkt darauf gelegt, dass sich beide Glaubensgemeinschaften aus ihrem Verständnis heraus, für universale Werte wie die Würde des Menschen und Gerechtigkeit für alle einsetzen, ganz in der Tradition der biblischen Propheten, auf die sich beide berufen. Zudem ist es immer ein grosses Anliegen, dass die Lesungen und das Evangelium im Gottesdienst auch im Dialog mit dem Judentum oder sogar mit jüdischen Augen ausgelegt werden.

*Christian Rutishauser ist Professor für Judaistik und Theologie und Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Universität Luzern.


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