Die Seelsorgerin Marion Grabenweger hat eine Versöhnungsfeier für die Ökumenische Kampagne zur Fastenzeit verfasst. Sie hat eigene Erfahrungen mit Menschen im Süden einfliessen lassen. Und hofft, dass die Josefsgeschichte zur Versöhnung im eigenen Leben beiträgt.
Jacqueline Straub
Ist es das erste Mal, dass Sie solch eine Versöhnungsfeier für die Ökumenische Kampagne zur Fastenzeit vorbereitet haben?
Marion Grabenweger*: Ja, ich habe zum ersten Mal eine Versöhnungsfeier für die Ökumenische Kampagne vorbereitet. Ich wurde von Fastenaktion und Heks angefragt und habe gerne zugesagt.
«Diese Zeit hat mich sehr geprägt.»
Was bedeutet es Ihnen, Teil der Ökumenischen Kampagne zu sein?
Grabenweger: Einerseits finde ich es spannend, in der Gruppe etwas zu erarbeiten, konkret Feedback auf eine ausgearbeitete Feier zu erhalten und mit Kolleginnen und Kollegen in den Dialog zu treten. Wenn dann am Ende ein «Produkt» da ist, mit dem auch andere arbeiten können, es auch auf ihre Bedürfnisse anpassen können, finde ich das eine schöne Sache. Andererseits durfte ich als junge Studentin zwei Monate im Rahmen eines Austauschprojektes auf die Philippinen reisen, Kirche dort erleben, in die Situation des Südens eintauchen. Diese Zeit hat mich sehr geprägt, war sehr wertvoll für mich und so war es mir ein Anliegen die Ökumenische Kampagne zu unterstützen, um auf diese Weise auch wieder etwas von meinen Erfahrungen zurückgeben zu können und meinen Beitrag für Menschen im Süden zu leisten.
Warum sind Versöhnungsfeiern in der Fastenzeit wichtig?
Grabenweger: In der Fastenzeit sind Menschen sehr offen, da wird auf Vieles verzichtet. Von der Schokolade bis zum Alkohol, von Nikotin bis zum Fleisch. Andere schwören auf Digital Detox und reduzieren die Zeit am Smartphone oder in den sozialen Medien. Aber auch das Gesundheitsfasten liegt im Trend, sei es das Intervallfasten oder das Heilfasten. Warum nicht auch noch ein Stück tiefer gehen und schauen, was im Leben gelingt oder eben auch nicht gelingt. Braucht es Versöhnung? Mit mir selber? Mit anderen? Mit Gott? Mit der Welt? Und dann auch das eigene Leben wieder neu ausrichten. Ich denke, diese Bereitschaft braucht es immer wieder aufs Neue, doch die Fastenzeit bietet sich besonders dafür an. Versöhnung ist quasi Vorsorge für mich.
Sie richten den Blick auf Josef und stellen die Feier unter den Titel «Versöhnt mit Josef». Weswegen?
Grabenweger: Das hat sich so ergeben. Ich habe bereits im Vorjahr eine ähnliche Versöhnungsfeier gestaltet und gemerkt, dass sich das Hungertuch «das grosse Fressen» von Konstanze Trommer und das Meditationsheft gut dafür eignen. Dieses Jahr schrieb Andreas Knapp neue Texte für die Kampagne, daher wollte ich unbedingt einen dieser Texte verwenden und so fiel die Wahl auf Gen 41, 49 «Vorsorge für Nahrung» und damit auf Josef.
«Der Titel ist für mich doppeldeutig.»
Josef kennt man kaum aus der Liturgie, denn er kommt nur an vereinzelten Werktagen in der Leseordnung vor.
Grabenweger: Das hat mich angespornt, mich mit ihm auseinanderzusetzen und ihm Raum zu geben. Ausserdem ist mir Josef bereits aus Kindertagen ein Begriff. Schon beim Lesen der Kinderbibel hat mich diese Geschichte sehr berührt. Da war damals bereits das Entsetzen, dass Menschen bereit sind, ihren eigenen Bruder zu verkaufen und es wagen, dem Vater eine ungeheuerliche Lüge aufzutischen. Und dann das grosse Staunen, dass Josef es an den Hof schafft, dank der Träume das Leben von Vielen rettet bis hin zu dem grossen Wunder, dass Josef seinen Brüdern verzeiht und dem Vater in die Arme fallen kann.
Was bedeutet für Sie der Titel «Versöhnt mit Josef»?
Grabenweger: Der Titel ist für mich doppeldeutig. Da ist die Versöhnung, auf die sich Josef einlässt, die auch nur über Umwege gelingt. Und da ist mein Weg, Versöhnung in meinem Leben mit Josefs Hilfe zu suchen.
Welche Aspekte werden in der Versöhnungsfeier aufgezeigt?
Grabenweger: Die Versöhnungsfeier lädt jeweils in drei Schritten ein, sich Gedanken zu machen. Zuerst fällt der Blick auf das Hungertuch und auf die Frage, was es mit mir zu tun hat. Es folgt ein Vers aus der Josefsgeschichte. Danach laden drei Fragen zum Nachdenken ein, die in eine Bitte münden: Mach mich bereit zu neuem Tun. Bewusst sind nur wenige Fragen ausformuliert, um auch die Offenheit zu lassen für das, was in den Mitfeiernden einfach da ist. Bewusst soll dazwischen genug Stille sein, meditative Musik hilft, zur Ruhe zu kommen und Gott um Versöhnung zu bitten. Um befreit singen zu können: Versöhnung ist wie ein Fest nach langer Trauer.
«Ein Leben voller Höhen und Tiefen, aber immer mit Gott an der Seite.»
Was kann uns die Josefsgeschichte heute noch aufzeigen?
Grabenweger: Finden sich die Nöte unserer Zeit nicht alle in der Josefsgeschichte? Gier, Egoismus, Hunger, Neid, Eifersucht, Elend, Naturkatastrophen und ungleiche Verteilung. Hätten wir nicht das Saatgut in der Hand, um Zukunft zu säen? Um viel Volk am Leben zu erhalten (Gen 50,20)? So wie bei Josef. Es hätte fast zerstörtes Leben gegeben. Als Lieblingssohn hat er einen schweren Stand bei seinen Brüdern, wird an Sklavenhändler verkauft, gelangt nach Ägypten, landet im Gefängnis und schafft es dank seiner Träume an den Hof des Pharaos. Ein Leben voller Höhen und Tiefen, aber immer mit Gott an der Seite. So erwacht er aus seinen Träumen und kommt im Leben an – am Schluss ist Versöhnung möglich. Josef wagt mit Gott den Aufbruch. Darum dürfen auch wir den Aufbruch wagen.
*Marion Grabenweger ist Seelsorgerin in der Pfarrei St. Martin, Effretikon. Material zur Versöhnungsfeier kann unter sehen-und-handeln.ch heruntergeladen werden.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/marion-grabenweger-versoehnung-ist-quasi-vorsorge-fuer-mich/