Martin Steiner: «Ich fragte mich, wie das Bild eines arischen Jesus entstehen konnte»

Martin Steiner hat sich in seiner Doktorarbeit mit Jesus Christus und seinem Judesein auseinandergesetzt. Und dabei das «komplette Gegenteil» entdeckt: den arischen Jesus. Er ergründete die dahinterliegende Ideologie. Gespräch im Vorfeld eines Luzerner Fastenvortrags.

Regula Pfeifer

Wie sind Sie auf das Thema gekommen: Wie Jesus zum «Arier» gemacht wurde?

Martin Steiner: Im Rahmen meiner Doktorarbeit setzte ich mich mit Jesus Christus und seinem Judesein auseinander. Auf der Suche nach einer Rückbindung an ein jüdisches Christusbild stiess ich unter anderem auf das komplette Gegenteil: den arischen Jesus. Ich fragte mich, wie ein solches Bild überhaupt entstehen konnte, da uns im Neuen Testament ein Jesus begegnet, der aus der Bibel Israels lebte und betete.

«Eine pseudowissenschaftliche Konstruktion führte zu einem arischen Jesus.»

Welche Theologie steckte hinter dieser Arier-Machung? Und von wem wurde sie betrieben, insbesondere auf katholischer Seite?

Steiner: Die pseudowissenschaftliche Konstruktion, die zu einem arischen Jesus führte, ist in der Theologie nicht verankert. Sie begann mit Plausibilisierungsstrategien, die die jüdische Herkunft des historischen Jesus in Frage stellten. Die grundlegende Idee eines nicht-jüdischen Jesus stammt von Johann Gottlieb Fichte (1762-1817), einem der bedeutendsten Vertreter des deutschen Idealismus. Das hat mich erschreckt.

Hinter dem Konzept des arischen Jesus verbirgt sich eine Ideologie, die die Vereinbarkeit von Christentum und Nationalsozialismus anstrebte. Diese Ideologie wurde in der akademischen Theologie kaum thematisiert. Auf katholischer Seite gibt es nach heutigem Wissen nur einen Universitätstheologen, der im unmittelbaren Einflussbereich der Nazis stand: den Tübinger Theologen Karl Adam (1876–1966), über den ich in der Jesuitenkirche sprechen werde.

«Karl Adam entwarf ein Christusbild, das den Männlichkeitsidealen der Nationalsozialisten entsprach.»

Wie war diese mit den gleichzeitig aufkommenden Rassentheorien verbunden?

Steiner: Der Dogmatiker Karl Adam konzentrierte sich weniger auf die Göttlichkeit Jesu, sondern vielmehr auf sein Menschsein und entwarf ein Christusbild, das den Männlichkeitsidealen der Nationalsozialisten entsprach. Dazu gehören unter anderem Heldentum, Maskulinismus, Disziplin und ein abschätziger Blick auf Frauen, der heute wohl als Anti-Feminismus bezeichnet werden kann.

«Jesus wurde als Nichtjude dargestellt, um ihn an die NS-Ideologie anzupassen.»

Im deutschen Nationalsozialismus erlebte diese Theorie ihren Höhepunkt. Welche Rolle spielte dabei das «Eisenacher Entjudungsinstitut»?

Steiner: Im sogenannten «Eisenacher Entjudungsinstitut» wurde der radikalste institutionelle und pseudowissenschaftliche Kraftakt unternommen, um Jesus und das Christentum von ihren jüdischen Wurzeln zu trennen. Jesus wurde als Nichtjude dargestellt, um ihn an die NS-Ideologie anzupassen.

Waren Katholiken aktiv, wenn ja, inwiefern?

Steiner: Bis 1941 beschäftigte das Institut etwa 180 Mitarbeiter, darunter 24 Universitätsprofessoren von 14 evangelisch-theologischen Fakultäten sowie kirchliche Würdenträger und akademischen «Nachwuchs». Soweit bekannt, waren keine Katholiken aktiv beteiligt. Es gab aber wenige katholische Priester die Mitglieder waren und eine Art Aussenstelle im rumänischen Hermannstadt-Sibiu, wo Materialen aus Eisenach in der Katechese Einsatz fanden.

«Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Jesus allmählich wieder als Jude erkannt.»

Heute spricht man wieder von Jesus als Juden; wie kam es dazu?

Steiner: Hier sind einige Punkte zu beachten: Am wesentlichsten war die Frage nach der christlichen Schuld und Verantwortung während der Shoah, die zu unterschiedlichen überkonfessionellen Ansätzen einer Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Judentum und Christentum führte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Jesus allmählich wieder als Jude erkannt, was unter anderem durch die Seelisberg-Konferenz (1947) im Kanton Uri und die Konzilserklärung «Nostra Aetate» unterstützt wurde.

«In rassistisch grundierten Subkulturen lebt der arische Jesus bis heute weiter.»

Wo sehen Sie die Vorstellung von Jesus als Arier weiterhin präsent?

Steiner: In rassistisch grundierten Subkulturen lebt der arische Jesus bis heute weiter: etwa in der Mazdaznan-Bewegung, der Rosenkreuzer Bewegung, beim Goden-Orden und beim Christian Identity Movement.

*Martin Steiner ist Oberassistent und Lehrbeauftragter an der Professur für Judaistik und Theologie der Universität Luzern. Ausserdem gehört er seit 2024 der Jüdisch/Römisch-katholischen Gesprächskommission der Schweizer Bischofskonferenz und des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes an.

Am 22. Februar um 18.15 Uhr hält Martin Steiner in der Jesuitenkirche Luzern den Vortrag: Wie Jesus zum «Arier» gemacht wurde – und wie Christ:innen sich wieder an Jesus als Juden erinnern konnten. Dies als Beitrag zu den Fastenvorträgen 2026 der Theologischen Fakultät Luzern zum Thema «Erbe und Herausforderung: Antisemitismus in der christlichen Tradition».

Martin Steiners Dissertation «Jesus Christus und sein Judesein» ist im Buchhandel erhältlich.


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