In Bern fand am Montag die erste Nationale Konferenz für Seelsorge im Gesundheitswesen statt. Fachleute aus der ganzen Schweiz sind nach Bern in den grossen Saal der Dreifaltigkeitspfarrei gekommen. Zu reden gab etwa die Notwendigkeit, die Anliegen der Seelsorgenden gegenüber der Politik besser zu vertreten.
Stefan Betschon
Das Gesundheitswesen ist eine Baustelle. Erdhaufen, Gruben, rot-weisse Abschrankungen – eine Foto mit diesen Elementen liess die Nationalrätin Ursula Zybach an die Wand projizieren, als sie in ihrem Vortrag ein erstes Fazit zog: Das Gesundheitswesen sei eine Baustelle, eine «ewige Baustelle». Der Veränderungsbedarf sei gross, laufend werde umgebaut, aber ein Fortschritt sei nicht zu erkennen. Zwar sei die Qualität der Gesundheitsversorgung in der Schweiz sehr hoch, aber die Kosten seien «gigantisch».
Ursula Zybach war eine Hauptrednerin an der Nationalen Konferenz «Seelsorge im Gesundheitswesen», die am Montag in Bern stattgefunden hat. Mehrere Dutzend Delegierte hatten sich im grossen Saal der Dreifaltigkeitspfarrei eingefunden, um den Ausführungen der Nationalrätin zu folgen. Die hohen Kosten, die drückende Last der Krankenkassenprämien, Digitalisierung, Fachkräftemangel, das Kleinklein der Spitalplanung – viele der Themen, die im Vortrag der SP-Politikerin aufschienen, wären wohl auch angesprochen worden, hätte eine Politikerin einer anderen Partei das Mikrofon ergriffen.
Doch Zybach verliess rasch die programmatischen Gemeinplätze. Sie sprach persönliche Erlebnisse an, den Verlust von Angehörigen, die letzten Stunden am Krankenbett einer guten Freundin. Nicht Parolen, sondern persönliche Erfahrungen konnte sie der Zuhörerschaft in der Rotonda der Dreifaltigkeitspfarrei weitergeben.
Eindringlich forderte sie die Seelsorgenden auf, darauf zu achten, dass die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten respektiert würden. Das sei nicht immer der Fall, gerade beim Wechsel von einer Institution in eine andere, blieben diese Menschen oft sich selbst überlassen. Die Seelsorgenden sollten auch finanzielle Probleme von Patientinnen und Patienten im Auge behalten und sie sollten den ambulanten Bereich nicht vergessen. Schliesslich gelte es auch an das Krankenhauspersonal zu denken, auch diese Menschen seien unter Umständen auf den Beistand von Seelsorgenden angewiesen.
Aber vor allem, so schrieb die Politikerin den anwesenden Seelsorgenden ins Stammbuch, müssten sie ihre Anliegen in der Politik vernehmbar machen. «Bringt euch ein in die Politik! Macht Lobbying!» Es gelte dafür zu sorgen, dass im Gesundheitswesen nicht nur finanzielle Überlegungen, sondern auch menschliche Werte ernst genommen würden.
Applaus, Applaus. Auch Claudia Kohli zollte Beifall. Sie leitet das nationale Kompetenzzentrum für Seelsorge im Gesundheitswesen und ist in dieser Funktion Organisatorin der Nationalen Konferenz für Seelsorge im Gesundheitswesen. Die promovierte Theologin war auf die Ermahnung der Nationalrätin nicht angewiesen, um sich bewusst zu werden, dass Gutes tun allein nicht genügt – man muss auch darüber reden. Als sie im September ihre Führungsposition antrat, sagte sie im Interview mit kath.ch: «Ich verstehe mich als Lobbyistin für Seelsorge im Gesundheitswesen.»
Diese Aussage bekräftigt sie am Rande der Berner Veranstaltung im persönlichen Gespräch während der Mittagspause. «Ich bin überzeugt, dass Seelsorgende in den Spitälern und Pflegeeinrichtungen sehr sehr viel wertvolle Arbeit leisten. Jetzt müssen wir das aber noch besser kommunizieren, um wahrgenommen zu werden.»
Das Kompetenzzentrum für Seelsorge im Gesundheitswesen wird unterstützt von der Schweizer Bischofskonferenz, von der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz und von der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Kohli unterscheidet zwei Aufgabenbereiche: Auf der einen Seite gehe es darum, sich über konfessionelle Gräben und über Kantonsgrenzen hinweg zu vernetzen; auf der anderen Seite müsse die Sichtbarkeit nach aussen verbessert werden. «Wir müssen die Seelsorge im Gesundheitswesen stärken, wir müssen unsere Perspektiven in die Gesundheitspolitik einbringen. Wir stellen uns hin und machen unsere Stimme hörbar.»
Genau wie das Gesundheitswesen ist in der Schweiz auch die Spitalseelsorge stark durch kantonale Besonderheiten geprägt. Manchmal sind die Spitäler die Auftraggeber, manchmal sind kirchenrechtliche oder staatskirchenrechtliche Gremien federführend. Wohin geht der Trend, welches Modell wird sich durchsetzen? «Ich sehe im Moment keinen klaren Trend», sagt Kohli. In Solothurn oder Basel Stadt gebe es Modelle, bei denen sich Kanton, Kirchen und Gesundheitswesen zusammengeschlossen haben. Solche Modelle seien «zukunftsweisend». Das Kompetenzzentrum möchte dafür sorgen, dass solche kantonalen Erfahrungen national fruchtbar gemacht werden könnten.
Besteht da nicht die Gefahr der Gleichmacherei? «Nein», sagt Kohli. «Wir machen keine Übersteuerung. Wir haben nicht vor, eine Einheitsformel durchzudrücken. Das ginge komplett an den Realitäten vorbei.»
Der Vortrag von Nationalrätin Ursula Zybach war ein Glanzlicht im Programm der ersten Tageshälfte. Was kommt danach? «Ich freue mich sehr auf die Diskussionen. Jetzt haben wir alle viel zugehört. Nach dem Mittag werden wir intensiver miteinander ins Gespräch kommen und diskutieren. Als Geschäftsleiterin interessiert es mich zu erfahren, was die Delegierten vom Kompetenzzentrum brauchen.»
Wird es in einem Jahr, anfangs 2027 wiederum eine nationale Konferenz geben? «Wir werden bereits im Herbst die nächste nationale Konferenz durchführen». Und welche Themen werden dann dominieren, welches wird der Fokus sein? «Das wird sich aus der heutigen Diskussion ergeben.»
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/nationale-konferenz-fuer-spitalseelsorge-bringt-euch-ein-in-die-politik/