Ist die Ehelosigkeit schuld, dass Priester und Ordensleute zu Missbrauchstätern werden? Diese Frage haben österreichische Medien jüngst aufgeworfen. Doch Vorurteile, die eine Prüfung dieser Frage erschweren, gibt es nicht nur in kirchlichen Denktraditionen.
Stefan Betschon
Was soll man als glücklich verheirateter Mann schon sagen, wenn die Frage aufgeworfen wird, ob auch Priester Ehemänner sein dürfen? «Ja» wird man sagen: Auch Priester sollen heiraten können, auch geweihte Männer sollen glücklich sein dürfen. Das Zölibat gehört abgeschafft.
Doch was heisst schon glücklich. Eine Beziehung ist nicht etwas, das mit einem schnellen Häkchen im Abschnitt Zivilstand auf dem Personalblatt erledigt werden kann. Eine Beziehung ist – nicht Arbeit, aber schon – ein Tun, eine Beschäftigung, eine Herausforderung. Es ist wie Velofahren: Stillstand geht nicht.
Es ist nicht ein Status, sondern ein Prozess, ein Werden. Und dabei geht es nicht nur um Existenzphilosophie. Es geht um Arbeit: Abwaschen, Windelwechseln. Am frühen Samstagmorgen ein Mädchen-Team zum Fussballmatch fahren in der Provinz, mit nassem Holz Feuer machen nachmittags im Wald, um die Buben auf ein Leben in der Wildnis vorzubereiten.
Ein glücklicher Ehemann wird nicht glücklich sein, wenn nicht auch die Ehefrau glücklich ist. Diese Ehefrau ist aber nicht Zimmerpflanze, nicht «Trad wife», sondern ein Gegenüber auf Augenhöhe, eine wache Zeitgenossin, die auch schon mal das letzte Wort für sich beansprucht. Es ist anstrengend, ein glücklicher Ehemann zu sein.
Wenn die Antwort «Ja» ist – was war dann die Frage? Die Frage war, ob nicht vielleicht die Abschaffung des Zölibats mit Blick auf die Missbrauchsprävention sinnvoll sein könnte.
Die österreichischen Richterin Caroline List präsentierte diesen Vorschlag vergangene Woche in einem TV-Interview. Sie ist in Österreich Vorsitzende der Unabhängigen Opferschutzkommission für minderjährige Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch Angehörige der katholischen Kirche.
List zufolge ist ein Leben in sexueller Enthaltsamkeit ein einsames Leben. Und einsame Menschen lassen sich, so vermutet die Richterin, eher zu Sexualstraftaten hinreissen. Doch nicht eine Ehefrau kann hier helfen, sondern psychologisch geschulte Fachleute, die Priesteramtskandidaten durchleuchten.
Weil es Glücke nicht gibt, weil im Wörterbuch für dieses Wort die Mehrzahl nicht vorgesehen ist, gibt es in der Geschichte des Christentums viele bedeutende Frauen und Männer, die sich für ein einziges Glück entschieden haben – gegen die Ehe.
Paulus zum Beispiel oder Augustinus. Paulus hat in aller Bescheidenheit festgehalten, dass das, was er zu dem Thema zu sagen habe, nur seine persönliche Meinung sei. Er hatte sich für die Ehelosigkeit entschieden und er riet den Christinnen und Christen, es ihm gleich zu tun. (1 Kor 7,7). Andernorts äusserte er sich dahingehend, dass für Christinnen und Christen das Eheglück schon auch okay sei (1 Kor 7,38).
Augustinus ging den umgekehrten Weg: Zuerst schwärmte er für die Ehe – genauer: für die Frauen – dann – während er wartete, dass die ihm von seiner Mutter bestimmte Ehefrau das heiratsfähige Alter erreiche – begann er sich über seine Schwärmereien zu ärgern.
Er empfand das als Willenlosigkeit, als persönliche Schwäche, als Sünde. Den ersten Büchern des Alten Testaments glaubte er, entnehmen zu können, dass wenn auch nicht die Sexualität, so doch das damit verbundene Lustgefühl eine Sünde sei.
Diese Lustfeindlichkeit, diese Körperfeindlichkeit, die weniger von der Bibel als vielmehr von der antiken Philosophie, insbesondere von Platon, inspiriert worden war, hat seither die christliche Sexualmoral geprägt. Erst seit kurzem sind in den Äusserungen des römischen Lehramts Versuche erkennbar, diese Moral zu einer Beziehungsethik weiterzuentwickeln.
Ausserhalb der Reichweite des Lehramtes wurde der augustinische Sexualpessimismus im 20. Jahrhundert durch einen Sexualoptimismus verdrängt, der vor allem durch Sigmund Freud befeuert wurde. Es gehört zu den grossen ungelösten Fragen der Wissenschaftsgeschichte, warum dieser Hochstapler auch unter gebildeten Menschen Anhänger finden konnte.
Dieser österreichische Karl May der Medizin, der sich in der Pose des Naturforschers so gefiel, hat sich nie die Mühe gemacht, seine Theorien empirisch zu überprüfen. Diese Wissenschaft ist reine Spekulation. Jene Entdeckungen, auf die er besonders stolz war – die Theorie des Unbewussten – hatten andere – Carl Gustav Carus oder Karl Philipp Moritz – vor ihm ausformuliert. Und jene Entdeckungen, auf die vor ihm niemand kam – die nasogenitale Reflextheorie – sind so absurd und daneben, dass man sich wundert.
Warum hat Freud auch unter gebildeten Menschen so viele Anhänger gefunden? Vermutlich, weil er einst jungen, erlebnishungrigen Akademikern die Hoffnung vermittelte, der damals noch einflussreiche kirchlich Sexualpessimismus lasse sich mit naturwissenschaftlichen Argumenten beseitigen.
Gemäss der freudschen Theorie ist Sexualität eine Art Sekretion so wie Niesen oder Schneuzen, ein pneumatisches Phänomen, ein Überdruck, der regelmässig ausgeglichen werden muss, eine unwillkürliche Körperreaktion, die der Gesundheit zuträglich ist, und die deshalb nicht unterdrückt werden darf.
Dieser Sexualoptimismus hat mit dem Sexualpessimimus vieles gemeinsam: die Verengung des Blicks auf den Unterleib, die Überbetonung der materiellen und mechanischen Aspekte sowie die Ausblendung der emotionalen, geistigen und spirituellen Dimensionen.
Eine ethische Betrachtungsweise der Sexualität fällt den Optimisten und den Pessimisten gleichermassen schwer, weil sie beide Entscheidungen, die auch das Wohl der Mitmenschen in Betracht ziehen, ausschliessen möchten. Der Einzelne folgt entweder den Vorgaben des eigenen Körpers oder den Vorgaben des Gewissens, er strebt Erleichterung an oder sucht Erlösung.
Die Psychoanalyse ist heute höchstens noch für Wissenschaftshistoriker interessant, sie hat nach der neurowissenschaftlichen Wende keine Bedeutung mehr. Doch die Sekretionstheorie der Sexualität ist nach wie vor virulent. Selbst Menschen, die nie eine Zeile von Freud gelesen haben, hängen dieser Theorie an. Als Beleg dafür können die immer wieder aufflammenden Diskussionen rund um das Zölibat gelten.
Jüngst hat die Me-too-Bewegung die freudsche Sexualpneumatik in Frage gestellt. Die Protagonistinnen dieser Bewegung haben klar gemacht, dass nur ein «Ja» ein «Ja» ist, und dass «Nein» nichts anderes bedeutet als dies: «nein».
Männer, denen diese Unterscheidung nicht geläufig ist, werden auch dann nicht geheilt werden können, wenn man ihnen zugesteht, «Ja» zu sagen vor dem Traualtar. Die Ehe ist keine Besserungsanstalt. Nicht Ehefrauen sind gefragt, sondern psychologisch geschulte Fachleute, die Priesteramtskandidaten prüfen – schon vor der Weihe.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wo-optimisten-und-pessimisten-irren/