«Ein chronisches Problem»: Caritas lanciert Wissensplattform über Armut in der Schweiz

Über 1,4 Millionen Menschen in der Schweiz verfügen über zu wenig finanzielle Mittel. Ihre Situation wird sich nach Einschätzung von Caritas Schweiz auch in diesem Jahr nicht verbessern. Zum Auftakt ihres Jubiläumsjahres will die Organisation einen Überblick auf das Phänomen Armut hierzulande geben – mit einer neuen Webplattform.

Barbara Ludwig

Caritas Schweiz wird dieses Jahr 125 Jahre alt. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres rückt die Organisation die Situation armutsbetroffener Menschen hierzulande in den Vordergrund und ihre Perspektiven für das Jahr 2026. Die Rede ist von 1,4 Millionen Menschen oder 16 Prozent der Bevölkerung – Männer, Frauen und Kinder.

Caritas Schweiz sei in ihren Angeboten und Beratungen mit Betroffenen konfrontiert, die täglich damit beschäftigt seien, sich über Wasser zu halten, die trotz Job zu wenig Geld zum Leben hätten und die nicht wüssten, wie sie die monatlichen Rechnungen bezahlen sollen, sagt Direktor Peter Lack am Donnerstag in einer Medienkonferenz.

Nichts deute darauf hin, dass sich die Situation für die Betroffenen in diesem Jahr entspannen werde. «Im Gegenteil, wir von Caritas sehen leider klare Hinweise darauf, dass auch unsere Gesellschaft in der Schweiz immer weiter auseinanderdriftet», so Peter Lack. Ende November habe der Bund das erste nationale Armutsmonitoring publiziert – «ein Meilenstein» in der Aufarbeitung der Situation von Armutsbetroffenen.

«Armutsproblematik der Schweiz ist chronisch geworden.»

Die Resultate des Monitorings sind allerdings ernüchternd. Der Schweiz gelinge es seit Jahren nicht, die Armut zu senken. «Die Armutsproblematik der Schweiz ist chronisch geworden», stellt Lack fest. Das Beispiel der alleinerziehenden Mutter Claudia Schwarz, die einem Video eingeblendet wird, veranschaulicht dies.

Die Frau muss seit 30 Jahren mit wenig Geld sich und ihre drei Kinder über die Runden bringen. Zwar werde in den Medien heute mehr über Armut berichtet, doch verändert habe sich nicht viel. «In den letzten 30 Jahren dreht sich immer noch alles um die gleichen Themen», sagt Claudia Schwarz im Video.

Wissen zugänglich machen

Caritas Schweiz will das nicht hinnehmen. «Wir stehen als Gesellschaft vor der Aufgabe, für mehr Chancengleichheit und mehr Ausgleich zu sorgen.» Man werde deshalb weiterhin den Finger auf wunde Punkte legen, so der Direktor.

Caritas Schweiz wolle im Jubiläumsjahr der Diskussion um Armut mehr Gewicht geben und zu Lösungen für die Armutspolitik beitragen. Zum Beispiel mit der Webplattform «Armut in der Schweiz», die das Wissen über das Phänomen breit zugänglich machen soll. Die Plattform informiert nicht nur über die Armut, sondern auch über das System der sozialen Sicherheit – und seine Lücken – sowie über die Armutspolitik, also über Massnahmen des Staates zur Bekämpfung von Armut.

Warum es 2026 schlechter wird

Die Organisation nennt an der Medienkonferenz auch sieben Gründen, warum sich aus ihrer Sicht 2026 die Situation für ärmere Menschen verschlechtern wird.

Steigende Lebenshaltungskosten belasten ärmere Haushalte besonders stark, erläutert Aline Masé vor den Medien. Sie ist Leiterin Bereich Grundlagen und Politik von Caritas Schweiz. So geben ärmere Haushalte praktisch ihr gesamtes Bruttoeinkommen für Fixkosten und Grundbedürfnisse aus. Bei Haushalten mit einem durchschnittlichen Bruttoeinkommen ist der Anteil deutlich tiefer. Am meisten geben ärmere Haushalte für das Wohnen aus, an zweiter Stelle stehen die Krankenkassenprämien und Ausgaben für medizinische Behandlungen und Medikamente.

Der Druck auf dem Wohnungsmarkt werde auch 2026 weiter zunehmen, prognostiziert Aline Masé. Eine neue Wohnung zu finden sei für ärmere Haushalte «praktisch aussichtslos». Die Folge sei, dass solche Haushalte oft nur zu kleine oder sehr alte Wohnungen fänden und zunehmend aus den Städten verdrängt würden.

Krankenkassenprämien seit 1997 mehr als verdoppelt

Ein weiterer Grund für die sich verschlechternde Lage sind die stetig steigenden Krankenkassenprämien. «Die Krankenkassenprämien haben sich seit der Einführung des Krankenversicherungsgesetzes im Jahr 1997 mehr als verdoppelt. Auf den 1. Januar 2026 hatten wir den vierten markanten Anstieg in Folge», sagt Masé.

Zwar sorge in vielen Kantonen die individuelle Prämienverbilligung für Entlastung, aber nicht genug. Im Schnitt geben die Haushalte mit tiefem Einkommen über 16 Prozent für die Krankenkassenprämien aus. «In den Caritas-Sozialberatungen sind die Krankenkassenprämien in praktisch jedem Gespräch ein Thema», berichtet Masé.

Stagnierende Löhne und Lücken im Sozialsystem

Während die Ausgaben in vielen Bereichen wachsen, sind die Löhne hingegen kaum gestiegen. Vor allem die tiefen und mittleren Löhne stagnieren. Das führt zu schmerzhaften Einschränkungen für alle jene, die bereits zuvor kaum Reserven hatten.

Aline Masé weist zudem auf Lücken im Sozialsystem hin. Zwar sei der Grundbedarf in der Sozialhilfe in den letzten Jahren in den meisten Kantonen der Teuerung angepasst worden. Aber er sei grundsätzlich zu tief.

Familien zu wenig unterstützt

Aline Masé beklagt weiter, dass die Aussichten für Familien 2026 nicht gut seien. Es gebe in der Schweiz «weder eine namhafte Unterstützung für Familien noch eine nationale Familienstrategie, die aufzeigen würde, wie wir mit Familien und Kindern in unserem Land umgehen». Ein grosses Problem ist aus Sicht der Organisation die fehlende staatliche Unterstützung und die «schwierige Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit».

Rund jedes fünfte Kind sei von Armut betroffen oder bedroht. «Seit 2014 ist die Tendenz steigend», sagt Aline Masé. Die Sozialausgaben für Familien seien im europäischen Vergleich «sehr bescheiden». Sie betragen demnach nur 1,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes, während Deutschland mehr als doppelt so viel ausgebe.

Hierzulande zahlen Eltern einen sehr grossen Anteil der Kosten für die familienexterne Kinderbetreuung selbst. In allen anderen Ländern Europas trage die öffentliche Hand zwischen zwei Dritteln und 100 Prozent der Kosten dafür. Zusammenfassend sagt Masé: «Es verwundert also nicht, dass der Lebensstandard eines Haushalts in der Schweiz von allen Ländern Europas am stärksten abnimmt, wenn ein Kind dazukommt.»

Reiche werden entlastet, Arme belastet

Caritas Schweiz beobachtet weiter einen zunehmenden Trend, Steuern für Reiche zu senken und gleichzeitig die Mehrwertsteuer zu erhöhen, um den Staatshaushalt doch noch finanzieren zu können. Höhere Abzüge bei den Steuern seien für Haushalte mit tiefem Einkommen kaum relevant. Die Sparpakete, die aufgrund fehlender Steuereinnahmen nötig würden, betreffen jedoch vor allem die Armen, kritisiert Aline Masé.

Vermögen und Erbschaften höher besteuern

Zum Schluss präsentiert die Expertin einige Vorschläge, mit der die wachsende Ungleichheit bekämpft werden könnte. Etwa einen Ausbau der Prämienverbilligung, die Einführung von Ergänzungsleistungen für einkommensschwache Familien, eine stärkere Subventionierung von Kita-Plätzen, eine aktive Wohnpolitik mit Fokus auf Familien und eine höhere Besteuerung von Vermögen oder Erbschaften. Zudem sollten auch die Kantone ein Armutsmonitoring einführen, um ihre Politik auf Daten stützen zu können.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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