Unabhängige, missionierende Geschäftsfrauen prägten Christentum entscheidend

Das Neue Testament kenne einige Unternehmerinnen. Sie unterstützten die christliche Mission nicht nur finanziell. Sie waren Leiterinnen von Hausgemeinden, Lehrerinnen und Missionarinnen. Dank ihnen war das Christentum so erfolgreich.

Judith Rosen

Das Neue Testament hält Überraschungen bereit, die so manche hartnäckigen Urteile erschüttern. Zu ihnen gehört die Ansicht, Frauen hätten in der Jesusbewegung und in den ersten Christengemeinden nur eine marginale Rolle gespielt. In den Evangelien, in der Apostelgeschichte und in den Paulus-Briefen treten bemerkenswerte Frauen auf, die als Unternehmerinnen und Geschäftsfrauen auf eigenen Füssen standen – auch inschriftliche und literarische Zeugnisse bestätigen das.

Das wohl bekannteste Beispiel ist die erste Christin Europas, die Purpurhändlerin Lydia. Über sie berichtet die Apostelgeschichte in Kapitel 16, 11-40: Auf seiner zweiten Missionsreise trafen Paulus und sein Begleiter Silas im makedonischen Philippi ein. Wie üblich machte sich Paulus auf die Suche nach der Synagoge, um dort am Sabbat das Wort Gottes zu verkünden.

Denkmal für Lydia

An einer Gebetsstätte ausserhalb der Stadtmauer begegnete er einer Frauengruppe, unter die sich Lydia gemischt hatte. Diese sympathisierten mit der jüdischen Religion, waren aber noch nicht konvertiert. Gerade unter ihnen fanden christliche Missionare und Missionarinnen Gehör.

Die Apostelgeschichte setzt Lydia ein literarisches Denkmal: «Eine Frau namens Lydia, eine Purpurhändlerin aus Thyateira, hörte zu; sie war eine Gottesfürchtige und der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte. Als sie und alle, die zu ihrem Haus gehörten, getauft waren, bat sie: Wenn ihr wirklich meint, dass ich zum Glauben an den Herrn gefunden habe, kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie drängte uns.»

Ehemalige Sklavin?

Der Name Lydia deutet an, dass die Purpurhändlerin eine ehemalige Sklavin war. Denn Sklaven wurden gerne nach ihrer Herkunft benannt, in dem Fall Lydien, einer Landschaft in Kleinasien, der heutigen Türkei. Die Handelsstadt Thyateira war bekannt für ihreTextil- und Purpurverarbeitung. Wahrscheinlich hat Lydia das Purpurhandwerk von ihrem Herrn gelernt.

Sklaven hatten die Möglichkeit, sich mit Erlaubnis ihrer Besitzer ein Sondervermögen zu erwirtschaften, um sich freizukaufen und eine eigene Existenz aufzubauen. Freilassungen waren üblicher, als man denkt. Da ein Freigelassener zur Loyalität seinem Herrn gegenüber und weiter zu dem einen oder anderen Dienst verpflichtet war, profitierte auch der Patron von dessen Freilassung. Ob das im Einzelnen auch für Lydia galt, wissen wir nicht. Wir begegnen allerdings einer wohlhabenden und eigenständigen Unternehmerin, die offensichtlich keinen Mann an ihrer Seite hatte. Denn wäre sie verheiratet oder verwitwet gewesen, hätte die Apostelgeschichte diesen Status erwähnt.

Das Geschäft mit Purpurfarbstoff war ebenso aufwendig wie lukrativ. 12›000 Schneckendrüsen ergeben ein Gramm Purpur. Der Farbstoff war so kostbar, dass er nur dem Kaiser vorbehalten war. Senatoren und Ritter, die Eliten des Römischen Reiches, durften ihn reglementiert verwenden.

Lydia konnte es sich erlauben, spontan Paulus, Silas und vermutlich weitere Begleiter für längere Zeit in ihrem Haus zu beherbergen und zu beköstigen. Der Satz «Und sie drängte uns» lässt tief blicken. Die Missionare waren es gewohnt, in fremden Häusern Unterkunft zu finden. Sie folgen Jesu Vorbild, der seine Jünger in der Regel zu zweit in die Häuser ausgesandt hatte (Lk 9,4.f.). Musste sich Paulus von Lydia drängen lassen, weil er aus Schicklichkeitsgründen zögerte, im Anwesen einer alleinstehenden Frau einzukehren?

Durchsetzungsstarke Unternehmerin

Es war der Apostelgeschichte jedenfalls wichtig, zu betonen, dass die Initiative von Lydia ausging. Eine schlichte Einladung hätte ausgereicht, aber Lydia musste Paulus regelrecht überreden: «Wenn ihr wirklich meint, dass ich zum Glauben an den Herrn gefunden habe, kommt in mein Haus und bleibt da» (16,15). So wird die Annahme der Gastfreundschaft zu einem öffentlichen Zeichen für die Wahrhaftigkeit der Konversion, und Paulus ist ihr Garant.

Brauchte die Geschäftsfrau, die zwar mittlerweile ein anerkanntes Mitglied der Stadtgesellschaft war, aber ihre Vergangenheit als Sklavin nicht ungeschehen machen konnte, die Autorität des Apostels, um selbst erfolgreich den Glauben weitertragen zu können? Dass sie «drängte», zeichnete auch die durchsetzungsstarke Unternehmerin aus. Eine solche Persönlichkeit brauchte es, um eine Gemeinde in Philippi aufzubauen, deren Keimzelle das Haus der Patronin Lydia war.

Patronin einer Hausgemeinde

Wegen angeblicher Unruhestiftung lernte Paulus das Gefängnis von Philippi kennen. Nachdem er und Silas auf wundersame Weise freigekommen waren, suchten sie Lydia auf. In ihrem Haus hatte sich inzwischen eine Gemeinschaft gebildet, der niemand anderer vorstehen konnte als die Patrona selbst. Als Paulus den Brüdern und Schwestern Mut zugesprochen hatte, zog er weiter. Wie es Lydia und ihrer Hauskirche ergangen ist, lässt die Apostelgeschichte offen. Doch darf eine Frage gestellt werden: Wer hat nach dem Aufbruch der Missionare die Gebete, das Brechen des Brotes und die Danksagung geleitet, bis sich eine Grossgemeinde in Philippi gebildet hat? Ein christlicher Sklave, weil er wie Jesus ein Mann war oder die Patronin, obwohl sie eine Frau war?

Lydias Bekehrung zum Christentum war ein beeindruckender Coup, der Wellen geschlagen und sicher zu weiteren Konversionen geführt hat. Dass eine erfolgreiche Geschäftsfrau zum Christentum konvertierte, entkräftete auch manches Vorurteil über die neue Religion: Deren Anhänger seien Dummköpfe aus der Gosse sowie leichtgläubige Frauen.

Prisca war Leiterin einer mobilen Hauskirche

Paulus hatte Erfahrung mit erfolgreichen Geschäftsfrauen. Eine seiner engsten Mitarbeiterinnen war Prisca, die in der Apostelgeschichte Priscilla genannt wird. Zusammen mit ihrem Mann Aquila betrieb sie eine Zeltmacherei. Ihr Unternehmen führte sie zu den grossen Städten des Römischen Reiches, wo ihr Können besonders gefragt war. Denn die Amphitheater benötigten riesige Sonnensegel, um ihre Zuschauer vor den Strahlen zu schützen.

Mit Prisca und Aquila fassen wir ein Missionsehepaar, das einer mobilen Hauskirche vorstand (1Kor 16,19). Priscillas Bedeutung ergibt sich allein sprachlich daraus, dass vier von sechs Bibelstellen sie vor ihrem Mann nennen. Paulus traf das Ehepaar in Korinth und schloss sich ihnen an, um bei ihnen in seinem Beruf als Zeltmacher zu arbeiten und zu missionieren. (Apg 18,1-3). Sicherlich haben sie ihn bei der Gründung der Gemeinde von Korinth unterstützt.

Erfolgreiche Netzwerkerin

Prisca und ihr Mann nahmen sich des Missionars Apollos an, den sie unterrichteten, weil er nur die Taufe des Johannes kannte (Apg 18,24-27). Prisca leitete also nicht nur eine Hauskirche und missionierte, sondern sie war auch eine Glaubenslehrerin. Dass Paulus vor allem ihr sehr viel verdankte, enthüllt er in seiner Grussliste im Römerbrief 16,3: «Grüsst Prisca und Aquila, meine Mitarbeiter in Jesus Christus, die für mein Leben ihren eigenen Kopf hingehalten haben; nicht allein ich, sondern alle Gemeinden der Heiden sind ihnen dankbar.»

Auf ihren Reisen entwickelten sich Prisca und Aquila nicht nur zu einem beispielhaften Missionsehepaar, sondern die Eheleute – Prisca an erster Stelle – schufen auch Netzwerke. An ihre erfolgreiche Missionsstrategie konnten künftige Missionarinnen und Missionare anknüpfen konnten.

Schneiderin Tabita

Die Dritte im Bund der neutestamentlichen Unternehmerinnen ist Tabita, deren Name «Gazelle» bedeutet. Sie lebte in Joppe, dem heutigen Jaffa. Die Apostelgeschichte bezeichnet sie singulär als «Jüngerin», ein Hinweis, dass sie zu den Frauen gehört hat, die Jesu öffentliches Wirken begleitet haben.

Ihre Vergangenheit erklärt auch die Reaktion des Petrus, der sich im benachbarten Lydda aufhielt. Als er von ihrem Tod hörte, eilte er sofort in ihr Haus, schickte nach Jesu Vorbild die Trauernden aus dem Obergemach, sprach «Tabita, steh auf» und erweckte sie wieder zum Leben. Ausdrücklich wird betont, dass die Wundertat viele Konversionen nach sich zog (9,36-42).

War Tabita Diakonin?

Die Apostelgeschichte beschreibt Tabita eingangs als eine Frau, die «viele gute Taten tat» und «reichlich Almosen» gab. Wer so spendenfreudig ist, muss über Geldmittel verfügen. Die Reaktion der Witwen, die um Tabita trauern, gibt Aufschluss: Die trauernden Frauen zeigten Petrus die Röcke und Mäntel, die «Gazelle» geschneidert hatte. Tabita gehörte wohl dem sich bildenden Stand der Gemeindewitwen an.

Im Gegensatz zu vielen armen Witwen hatte sie es durch ihre Schneiderei zu Wohlstand, Ansehen und Unabhängigkeit gebracht. Sie besass ein grösseres Haus mit einem Obergemach und konnte als Patronin Glaubensschwestern unter die Arme greifen. Wahrscheinlich hat sie auch einige von ihnen beschäftigt. Ob sie wie Phoebe auch eine Diakonin war, wie öfter vermutet wird, bleibt Spekulation.

Lydia, Prisca und Tabita verkörpern jede auf ihre Weise gelungenes Christentum. Während Prisca eher klassische Missionarin ist, die auszieht, um in der Welt Jesu Botschaft zu verbreiten, blieben Lydia und Tabita vor Ort. Aber auch sie setzten missionarische Impulse, indem sie in ihrem Alltag für die Frohe Botschaft erfolgreich warben. Alle drei Frauen sind nicht auf eine Rolle festzulegen: Sie waren Patroninnen, Leiterinnen von Hausgemeinden, Gastgeberinnen Lehrerinnen, Missionarinnen und nicht zuletzt christliche Unternehmerinnen.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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