Lisbeth Binder ist Tochter eines Priesters – er hat ihre Mutter vergewaltigt. Vor über einem Jahr wurde der Film «Unser Vater» ausgestrahlt und die Geschichte von Binder und ihren fünf Halb-Geschwistern erzählt. Seither ist klar: Es gibt noch mehr Kinder.
Jacqueline Straub
Vor über einem Jahr wurde der Film «Unser Vater» ausgestrahlt. Was hat sich seither getan?
Lisbeth Binder*: Ich hatte seit der Ausstrahlung des Filmes in diversen Kinos viele gute Diskussionen – auf den Podiumsdiskussionen und auch danach. Für mich hat sich seither eine neue Sicht aufgetan.
«Ich weiss von einer Frau, die von Ebnöther schwanger wurde.»
Inwiefern?
Binder: Nicht nur die Kirche hat in Sachen Missbrauch versagt, sondern auch der Staat. Ich glaube, dass der Film zum richtigen Zeitpunkt ausgestrahlt wurde. Nun ist es an der Zeit aufzuklären, was alles passiert ist. Es darf nicht sein, dass weiterhin Missbrauch seitens der katholischen Kirche unter den Teppich gekehrt wird.
Haben sich weitere Kinder des Priesters Anton Ebnöther bei Ihnen gemeldet?
Binder: Ich hatte bei Podiumsdiskussionen Begegnungen – da war mir klar, es gibt noch mehr. Etwa in Bülach/Rafzerfeld muss es noch weitere Kinder geben. Ich weiss von einer Frau, die bereits verstorben ist, die von Ebnöther schwanger wurde. Ihr Kind lebt aber in den USA. Ein Kontakt ist somit nicht möglich. In Chur hat sich eine Frau bei mir gemeldet, die vermutet, dass ihr Vater ebenfalls Anton Ebnöther ist, jedoch keine Beweise erhalten hat.
Wie ging es weiter?
Binder: Leider hat sie mich nicht mehr kontaktiert, um weitere Nachforschungen anzustreben. Ebenfalls bin ich einem Mann bei einer Podiumsdiskussion begegnet, der sehr aufgewühlt war, als ich sagte, dass es noch weitere Kinder geben muss. Er hat mir sehr geglichen. Er ist sicher ein Bruder von uns. Und: Ich weiss von einer Frau, die dem Bistum Lausanne, Genf und Freiburg einen Brief geschickt hat – zusammen mit einem Foto. Dieser wurde ans Bistum Chur weitergeleitet. Dort hat man es unter den Tisch gekehrt. Ich glaube, dass das Dutzend an Kindern bereits voll ist – nur haben sich noch nicht alle bei mir, meinen Geschwistern oder bei den Leiterinnen der Missbrauchsstudie gemeldet.
«Die Missbrauchsstudie ist zu wenig für mich.»
Wie ist die Beziehung zwischen Ihnen und den anderen Kindern von Ebnöther seit der Veröffentlichung des Filmes?
Binder: Wir Geschwister haben ja keinen Grundstock. Wir mussten uns zuerst kennenlernen und sind anschliessend für den Film eine gewisse Zeit zusammen unterwegs gewesen. Eine Schwester ist in der Zwischenzeit verstorben, eine andere möchte mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu tun haben – mit uns aber schon noch. Ansonsten treffen wir uns regelmässig. Unser nächstes Geschwistertreffen ist Mitte August.
Ihre Mutter wurde von Anton Ebnöther vergewaltigt. Im September 2023 wurde die erste Missbrauchsstudie in der katholischen Kirche Schweiz veröffentlicht. Wie haben Sie diese wahrgenommen?
Binder: Jene, die die Studie gemacht haben, haben gute Arbeit geleistet. Dennoch ist die Studie zu wenig für mich. Mich stört es sehr, dass seitens der Kirche teilweise blockiert wurde und die Wissenschaftlerinnen zu wenig Informationen und Unterstützung erhalten haben. Und eins empört mich besonders.
Was denn?
Binder: Dass die missbrauchten Frauen vergessen wurden, moralisch und finanziell. Auch jene, die verliebt in Anton Ebnöther waren, haben Leid erfahren – er hat sie sitzen lassen. Meine Mutter wurde von diesem Priester vergewaltigt. Sie hat sich ihr Leben lang nicht davon erholen können.
Woran hat sich das gezeigt?
Binder: Sie konnte nie eine Partnerschaft führen. Zweimal hat sie einen Mann kennengelernt, der auch mich akzeptierte. Doch es hat leider nicht funktioniert. Ich kann mir vorstellen, dass es im Bereich von Nähe und Sexualität zu Problemen kam.
«Ich verstehe nicht, warum so schnell Priester geweiht werden.»
Wurde aus Ihrer Sicht bislang genügend gegen Missbrauch in der Kirche unternommen?
Binder: Ich habe Bischof Joseph Maria Bonnemain nach der Veröffentlichung der Studie gesagt, dass die Bischöfe die Wissenschaftlerinnen mehr unterstützen müssen. Es muss endlich alles aufgearbeitet werden. Dass psychologische Abklärungen bei Priesteramtskandidaten gemacht werden sollen, ist zu wenig. Ich verstehe nicht, warum so schnell Priester geweiht werden. Sie sollen doch erst mal einige Jahre in die Pfarrei gehen – dort wird man schnell merken, wenn etwas nicht stimmt.
Wie hat Bischof Joseph Maria Bonnemain reagiert?
Binder: Er sagte, dass die Bischöfe ihr Möglichstes machen. Ich habe gesagt: Ihr macht zu wenig. Und: Wenn ihr so weitermacht, gibt es bald niemand mehr, der in der katholischen Kirche sein will. Dann müsst ihr auch nicht jammern, wenn die Kirchen leer sind. Ihr seid selber schuld.
*Lisbeth Binder ist ehemalige Kirchgemeindepräsidentin und lebt in Dietikon ZH. Sie ist eines von sechs erwachsenen Kindern des Priesters Anton Ebnöther, die im Film «Unser Vater» über ihre Lebensgeschichte berichten. Am Freitag, 9. August wird der Film um 22:25 Uhr auf SRF ausgestrahlt.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant