Mélanie Bonnard sagt, sie sei als Kind von einem Chorherren der Abtei Saint-Maurice missbraucht worden. Jahre später stellt sie den Täter zur Rede – und zeigt ihm ein schwarzes Röckchen, das die damals 12-Jährige am Tag des Missbrauchs trug. Der Priester sagte ihr, es komme ihm nicht allzu schlimm vor.
Jacqueline Straub
Mélanie Bonnard sagt, sie sei als Kind von einem Priester missbraucht worden. Dennoch liess sie ihre Tochter Mya taufen. «Ich habe mich versöhnt mit der Kirche und mit meiner Familie», sagt die 32-Jährige.
Dass Bonnards Mutter, Schwester und ihr Bruder zur Taufe kamen, sei «bemerkenswert», schreibt der «Beobachter», der über Mélanie Bonnards Missbrauchsgeschichte berichtet.
Jahrelang herrschte Funkstille zwischen der Mutter und der heute 32-jährigen Tochter. Auch mit ihrer Schwester hatte sie nur wenig Kontakt. Der Grund: Ihre Mutter und ihre Schwester glaubten ihr nicht, dass sie von einem Augustiner-Chorherren der Abtei Saint-Maurice missbraucht wurde.
Der Missbrauch geschah vor 20 Jahren, im Jahr 2004, beim Taufessen ihres kleinen Bruders. Mélanie Bonnard war damals zwölf Jahre alt.
Mélanie Bonnard berichtet gegenüber dem «Beobachter», dass sie sich schon bei der Taufe ihres Bruders in der Kirche unwohl gefühlt habe. Der Priester habe sie umarmt – sie empfand das nicht als normale Umarmung. «Das war eklig», so Bonnard.
Das Taufessen fand bei der Familie zu Hause statt. Als Mélanie Bonnard mit ihrem Bruder und ein paar Cousinen und Cousins im Wohnzimmer spielte, betrat der Chorherr das Zimmer. Er habe sich zuerst aufs Sofa gesetzt und den Kindern zugeschaut.
Als das 12-jährige Mädchen an ihm vorbeilief, fasste er sie von hinten an. Er griff ihr unter das T-Shirt und streichelte ihre Brüste. «Dann hat er mir unter dem Jupe in den Schritt gefasst, mit dem Finger in die Unterhose», sagt Mélanie Bonnard gegenüber dem Beobachter.
Im ersten Moment war sie wie erstarrt. Sie konnte nicht schreien. Dann habe sie ihn in den Unterleib geboxt. So konnte sie sich losreissen. Weinend rannte sie in ihr Zimmer. Doch der Priester folgte ihr mit den Worten: «Wir sind noch nicht fertig.» Er drückte sie aufs Bett. In diesem Moment rief die Mutter, dass das Essen fertig sei und sich alle setzen sollten.
Ihrem Vater hat sie es nie erzählt. Er war krank und starb wenige Wochen nach der Taufe. Er hätte ihr geglaubt, ist sie überzeugt – und er hätte dem Täter etwas angetan.
Als Mélanie Bonnard ihrer Mutter von dem Missbrauch erzählt, glaubt diese ihr nicht. Denn sie ist streng katholisch. Es passte nicht in ihr Weltbild, dass ein Priester Kinder missbraucht.
Der neue Partner der Mutter hingegen glaubte dem Mädchen. Er überzeugte die Mutter, zur Polizei zugehen und Anzeige zu erstatten. Ein Gerichtspsychiater hielt ihre Aussagen für glaubwürdig.
Doch: Das Strafverfahren wurde 2005 eingestellt. «Wie sich Jahre später herausstellen sollte, hatten Kirche und Justiz zusammengespannt. Der zuständige Staatsanwalt untersagte den Polizisten, im persönlichen Umfeld und in der Klosterschule zu ermitteln. Damit der Ruf des Domherrn – und des Klosters – nicht beschädigt werde», schreibt der Beobachter.
Mélanie Bonnard litt viele Jahre unter dem Missbrauch. Als Jugendliche hatte sie häufig Wutausbrüche und Mühe mit Nähe. Sie brach den Kontakt mit ihrer Mutter ab. Als junge Erwachsene fühle sie sich «innerlich wie tot», sie wollte das Schweigen durchbrechen.
Im Jahr 2016 bat sie den Chorherren – unter falschem Namen – um ein Beichtgespräch. Sie kommunizierten zuerst über Whatsapp. «Aufgrund meines Profilbilds fand er, wir könnten doch etwas trinken gehen, statt uns in der Kirche zu treffen. Ich sei doch ‹une belle femme›, eine hübsche Frau», sagt sie gegenüber der Zeitschrift. Nach dieser Nachricht sei ihr klar geworden, dass der mutmassliche Täter kein Unrechtsbewusstsein habe.
Das Treffen fand im Kloster Saint-Maurice statt. Im Beichtstuhl erzählt sie dem Chorherren ihre Missbrauchsgeschichte. Mit einer kleinen, unauffälligen Kamera nahm sie das Gespräch heimlich auf. Der Priester sagte, dass er zwar kein Psychologe sei, es ihm aber nicht allzu schlimm vorkomme. Es sei keine Vergewaltigung.
Das schwarze Röckchen, das Mélanie Bonnard als 12-Jährige bei der Tauffeier trug, hat sie noch immer. Sie zeigte ihn dem Priester im Beichtstuhl und gab ihre wahre Identität preis. Der Priester erinnerte sich nicht mehr an Bonnard. Sie reiste daraufhin nach Rom, um im Vatikan den Fall zu melden.
Beim Beschuldigten handelt es sich um den Walliser Chorherren Gilles Roduit. Er trat im Mai 2024 in einen Hungerstreik. Denn aufgrund der Vorwürfe gegen ihn durfte er sein Amt nicht weiter ausführen. Die Medien haben ihm mit ihrer Berichterstattung über diesen Fall geschadet, sagte er im Mai 2024 gegenüber kath.ch.
Nach weniger als einer Woche wurde er vom Bistum Sitten und der Abtei Saint-Maurice wieder in seiner Funktion eingesetzt. Die Westschweizer Opferorganisation Sapec zeigte sich empört darüber. Sie stehen hinter der Frau. Die Kirche setze mit diesem Entscheid ein falsches Zeichen, so die Gruppe in einer Mitteilung vom Mai 2024. Dort heisst es weiter, dass der Chorherr angehört wurde, das Opfer hingegen nicht. Mélanie Bonnard habe einen Imageschaden erlitten. Denn der Priester bezeichnete sie als Lügnerin. Mélanie Bonnard ist erschüttert, dass ihr auch als Erwachsene nicht geglaubt wird. Sie hat eine Verleumdungsklage gegen den Priester eingereicht.
Mélanie Bonnard soll nicht das einzige Opfer des Chorherren sein. Der Priester soll sich auch anderen Kindern und jungen Frauen gegenüber unangemessen verhalten haben. Es gilt die Unschuldsvermutung. Die Polizei ermittelt. Doch auch nach weiteren Vorwürfen, die im Juli 2024 auftraten, stellt sich die Abtei hinter Chorherr Gilles Roduit.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/saint-maurice-missbrauchsopfer-konfrontiert-priester-im-beichtstuhl/