Schlüsselfigur der Nächstenliebe: St. Martins-Tradition schwappt über den Rhein

Während sich in Deutschland viele Kinder im November auf Sankt Martin freuen, hat der Heilige in der Schweiz einen schweren Stand. Kirchliche Veranstaltungen zu seinen Ehren gibt es nur wenige – aber es gibt sie. Manchmal spielt dabei ein deutscher Einfluss, manchmal das Patrozinium eine Rolle. 

Boris Burkhardt

An einem Novemberabend vor 17 Jahren hörte Pfarrer Daniel Fischler in seiner Wohnung von draussen Kinder singen und sah sie mit Laternen an Stecken durch die Strasse ziehen. Die Kinder besangen St. Martin, jenen römischen Soldaten und späteren Bischof in der französischen Stadt Tours, der berühmt wurde, weil er seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt haben soll.

«Ich dachte mir: Die Kinder singen Martinslieder und ziehen mit Laternen durch die Strassen – da können wir doch auch zusammen auf dem Domplatz feiern», erzählt Fischler heute.

Kindheitserfahrung in Badisch-Rheinfelden

Fischler war von 2005 bis 2018 Pfarrer in Arlesheim, einer 9200-Einwohner-Gemeinde in der Agglomeration Basels, die sich eines Doms rühmen kann. Die Tradition des Sankt-Martins-Umzugs kannte er von Kindertagen.

In Möhlin im Fricktal, also am Rhein an der Grenze zu Deutschland aufgewachsen, besuchte er damals regelmässig an Sankt Martin seine Gotte im benachbarten Badisch-Rheinfelden auf deutscher Seite, zündete seine Laterne an und sang «Ich geh mit meiner Laterne» und «Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind».

In Deutschland viel gefeiert

In ganz Deutschland ist Sankt Martin für Kinder im Kindergarten- und Primarschulalter ein Fest voller Vorfreude, das im Prestige noch vor dem Nikolaustag rangiert und von Halloween nicht verdrängt werden konnte. Neben Liedern und Laternen gibt es in Deutschland auch viele Kinderbücher, die die Geschichte des Heiligen erzählen. Bei den Erwachsenen hat die Martinsgans regional Tradition.

«Selbst in meiner Ausbildung als Religionslehrer war Sankt Martin nie Thema»

Daniel Fischler, Priester

In der Schweiz konnte sich das Fest des Heiligen flächendeckend nie durchsetzen. Räbeliechtliumzüge und Martinsmärkte sind rein säkuläre Reminiszenzen an den Bischof von Tours. Auch in Fischlers Heimatdorf Möhlin war in seiner Kindheit von Sankt Martin nie die Rede. «Selbst in meiner Ausbildung als Religionslehrer war Sankt Martin nie Thema», fügt er hinzu.

«Gerade in der dunklen Jahreszeit ist die Botschaft vom Teilen wichtig.»

Rita Hagenbach, Katechetin

Dabei gebe es neben Sankt Nikolaus keinen besseren Heiligen, um Kindern die christliche Botschaft vom Teilen nahezubringen, findet Rita Hagenbach, Katechetin in der Pfarrei Arlesheim: «Gerade in der dunklen Jahreszeit ist die Botschaft vom Teilen wichtig.»

Seit der Initiative von Pfarrer Fischler feiern die Arlesheimer Sankt Martin. Mittlerweile gibt es einen echten Sankt Martin auf einem echten Pferd, der auf den Domplatz geritten kommt und seinen Mantel teilt, wie katch.ch berichtete.

Hagenbach stammt selbst aus Deutschland und ist ebenfalls mit der Tradition aufgewachsen. Auch jetzt kämen viele Teilnehmende und Zuschauende aus den umliegenden Gemeinden zur Arlesheimer Sankt-Martins-Feier.

Ausland-Deutsche machen mit

«Vor allem deutsche Familien, die hier wohnen», sagt Hagenbach. Im vergangenen Jahr nahmen erstmals Kinder der solothurnischen Nachbargemeinde Dornach teil und liefen von der dortigen Kirche mit Laternen zum Arlesheimer Dom.  

Pfarrer Fischler ist seit 2018 in der Gemeinde Allschwil tätig, die ebenfalls in der Basler Agglomeration liegt. Dort führte er kein Martinsspiel ein; im Dorf gebe es nur einen Martinsmarkt, berichtet er auf Nachfrage.

St. Martins-Tradition dank Patrozinium

In Pfeffingen, einem ebenfalls nicht weit entfernten Baselbieter Dorf, reitet seit einigen Jahren jedoch ebenfalls ein Sankt Martin zu Pferde durchs Dorf, begleitet von allen Kindern ab dem Kindergartenalter, die nach dem ökumenischen Familiengottesdienst traditionell zum Spaghettiessen eingeladen sind.

Soweit Kirchgemeindeverwalterin Karin Meyer weiss, gab es in Pfeffingen keinen direkten deutschen Einfluss, der den lokalen Brauch erklären könnte. Hier spielt vielmehr eine Rolle, dass Sankt Martin Patron der Pfarrei und der Pfarrkirche ist. Ein Hochamt zum Patrozinium war in Pfeffingen schon vor Jahrzehnten Tradition. 1977 ermunterte der damalige Pfarrer Werner Wenger erstmals die Kinder, mit Martinslaternen am Festgottesdienst teilzunehmen. Die Laternen basteln die Kinder heute im Pfarrhaus.

Tatsächlich scheinen die vereinzelten kirchlichen Martinstraditionen in der Schweiz oft im Zusammenhang mit den Patrozinien des Heiligen zu stehen. In der Schweiz gibt es knapp 40 Kirchen und Kapellen, die Sankt Martin geweiht sind, darunter auch reformierte und christkatholische, sowie vier Ortschaften beziehungsweise Gemeinden, die seinen Namen tragen.

Patrozinium in St. Gallen, Zürich und anderswo

So findet in der Pfarrei St. Martin im St. Galler Quartier Bruggen jeweils am Samstag ein Lichterumzug statt, den auch die reformierte Kirchgemeinde mitorganisiert. Auch in Oberrohrdorf bei Baden findet der Lichterumzug zum Martinifest grossen Anklang, wie Pfarrer Jarosław Płatuński schreibt: «Es ist uns sehr wichtig, dass die Verwurzelung in der christlichen Tradition erhalten bleibt.»

In der Pfarrei St. Martin in Worb im Berner Mittelland führen die Kinder des Religionsunterrichts dieses Jahr am 18. November ein Martinsspiel auf und ziehen dann mit Räbeliechtli durchs Dorf, angeführt von Sankt Martin auf dem Pferd. In der Pfarrei St. Martin in Zürich treffen sich die Kinder ums Feuer, hören eine Geschichte über den Heiligen und singen Lieder. Nach dem Gottesdienst feiert die Gemeinde eine Castagnata.

Grosse Feier in Malters

In der Pfarrei St. Martin in Malters bei Luzern hat sich ein besonders grosser Anlass etabliert. Daran nähem jährlich 800 bis 1000 Kinder bis zu vierten Klassen teil, gemeinsam mit Geschwistern, Eltern und Grosseltern, Ministranten und Firmanden, wie Paul Zehnder, Leiter der Administration des Pastoralraums Malters–Schwarzenberg, berichtet.

Sankt Martin spielt hier zwar nicht persönlich mit; dafür ziehen die Kinder mit Laternen und der Fahne des Heiligen durch das nächtliche Dorf; Musikschüler spielen an verschiedenen Orten Martinslieder. Als Festgebäck gibt es das Martinsbrötchen; ausserdem wird ein Martinsfeuer entzündet.

Zehnjährige Tradition in Wil

Eine mittlerweile zehnjährige Tradition hat Sankt Martin auch in Wil bei St. Gallen, obwohl die Kirchen hier St. Nikolaus und St. Peter gewidmet sind. Wie Religionspädagogin Sabine Kutsch berichtet, werden ausser der Mantelteilung noch weitere Szenen aus der Heiligenvita dargestellt, so die Verspottung des Heiligen und sein Traum von Jesus, der ihn zum christlichen Glauben führt.

Zwischenzeitlich sei auch die Legende mit den Gänsen Teil der Darstellung gewesen, wobei die Vögel aus Holz gewesen seien. Sankt Martin soll sich aus Bescheidenheit im Gänsestall versteckt haben, als ihn die Leute zum Bischof machen wollten. 

Kutsch kommt vom Niederrhein, also aus den Hochburgen der deutschen Sankt-Martins-Traditionen. Auch für sie ist Sankt Martin eine «Schlüsselfigur für die Nächstenliebe in der europäischen Kultur». Aus ihrer Kindheit kennt sie vor allem die Schulen als Organisatorinnen der Umzüge. In Wil ist die Pfarrei Veranstalterin. Sie setzt den Akzent auf die theologische Botschaft von Sankt. «Diese tritt bei säkularen Veranstaltungen doch etwas in den Hintergrund», sagt Kutsch.


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