Der katholische Theologe Daniel Ammann (62) engagiert sich in der Männerbewegung und sagt: «Es braucht eine radikale Umkehr.» Die patriarchale Männlichkeit, die das System Kirche seit Jahrhunderten präge, müsse überarbeitet – und das Wissen darüber in der Ausbildung vermittelt werden. «Die Schnellbleiche-Kurse zu Nähe und Distanz sind Peanuts», so Ammann.
Regula Pfeifer
Was für eine Männerproblematik steckt hinter dem Missbrauch in der katholischen Kirche?
Daniel Ammann*: Es ist offensichtlich: Die Missbrauchstäter sind fast ausschliesslich Männer. Und die Missbräuche vertuscht haben Kirchenmänner – insbesondere die Bischöfe und Offiziale. Aber das Ganze hat eine tiefere Dimension.
«Nach patriarchaler Vorstellung sind Männer die besseren Menschen.»
Welche tiefere Dimension?
Ammann: Es geht um eine gewisse Art von Männlichkeit, die patriarchal geprägt ist. Nach dieser Vorstellung sind Männer die besseren Menschen. Das wird schöpfungstheologisch untermauert. Aber es geht auch um die Herrschaftsgeschichte. Die Männer haben im Verlauf der Zeit alle kirchlichen Ämter an sich gerissen. Die Frauen wurden aus dem Kreis der Jüngerinnen und Jünger ausgeschlossen, indem sie bereits in den Evangelien nicht mehr genannt wurden.
«Die Männer haben in der Kirche über Jahrhunderte eine quasi heilige Herrschaft aufgebaut.»
Was war daran besonders problematisch?
Ammann: Die Männer haben in der Kirche über die Jahrhunderte eine quasi heilige Herrschaft aufgebaut. Demnach sind nur Männer die richtigen Nachfolger von Jesus Christus. Karl der Grosse griff im 8. Jahrhundert für seine Herrschaft auf die Bischöfe zurück. Diese wurden zunehmend zu Monarchen, die nicht nur die Kirche, sondern das ganze Umland kontrollierten.
Was für eine Rolle spielt die Männlichkeit?
Ammann: Die patriarchal geprägte Männlichkeit unterscheidet stark zwischen Körper und Geist. In dieser Anthropologie steht der Körper grundsätzlich im Verdacht, sündig zu sein. Der Körper wird abgewertet und die Sexualität spiritualisiert. Die Sexualität wird als Inbegriff der körperlichen Sündhaftigkeit verstanden.
«Die Vorstellung ist: Die gottgeweihten Menschen sind – qua Weihe – gefeit vor dem sexuellen Trieb.»
Was heisst das konkret?
Ammann: Das bedeutet – nach dieser Vorstellung: Die weniger guten Menschen müssen heiraten, um ihrem sexuellen Trieb nicht anheim zu fallen. Die gottgeweihten Menschen hingegen sind – qua Weihe – gefeit vor diesem Trieb. Das führt zu einem überhöhten Priesterbild.
Was für eine Überhöhung?
Ammann: Die Vorstellung ist: Je spiritueller jemand ist, umso weniger sexuelle Gefühle hat er. Wobei es bei den Priestern in der Praxis wohl eher um unterdrückte Bedürfnisse geht, die schliesslich bei zu vielen als Monster zutage treten. Das zeigt sich nun bei den Missbrauchsfällen im kirchlichen Umfeld.
Funktioniert das heute noch so in der Kirche?
Ammann: Das System von heiliger männlicher Herrschaft einerseits und patriarchaler Männlichkeitsvorstellung andererseits hat sich über Jahrhunderte stabilisiert. Und dabei eine Macht entwickelt, die dazu führte, dass Frauen und Kinder drangsaliert und missbraucht wurden – spirituell, aber auch körperlich. Dabei ist der grösste Teil der Opfer männlich. Es sind Buben, wie die kürzlich publizierte Studie der Universität Zürich ergab.
«Die Männer, die in der Kirche Missbrauchstaten begingen, verfügten über keine gereifte Sexualität.»
Weshalb Buben?
Ammann: Sie waren im kirchlichen Umfeld leicht verfügbar, etwa als Ministranten oder in den kirchlichen Jugendgruppen. Die Männer, die in der Kirche Missbrauchstaten begingen, verfügten über keine gereifte Sexualität, hatten sich nicht damit auseinandergesetzt. Die Kirche zieht – aufgrund ihrer Ideologie – genau solche Männer an. Diese wissen, dass sie nicht bestraft werden.
Wie wissen Sie das?
Ammann: Ich war selbst im Priesterseminar – in St. Beat in Luzern und in Peru, dies für ein Jahr. In Peru wurde eine Spiritualität der Selbsterfahrung gepflegt, von der Luzern damals nichts wissen wollte. Wir Theologen bildeten uns später psychologisch und psychotherapeutisch weiter. Doch Priester waren in den Kursen nicht dabei. Wie die Psychoanalytiker herausfanden: Wer sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinandersetzt, wird zu einer Bestie.
Wie lässt sich das abwenden?
Ammann: Eben, indem man an seiner Männlichkeit und Sexualität arbeitet, so wie wir das in den Männergruppen tun. Doch das erwartet kaum jemand von einem angehenden Priester.
Wie lässt sich die Missbrauchsproblematik aus männerspezifischer Sicht lösen?
Ammann: Zuerst geht es darum, die Opfer psychologisch und mitfühlend zu begleiten. Dann braucht es Peers, die sich mit den Opfern austauschen. Aber auch Spezialisten, die spezifische Settings ausfindig machen können, die solche Übergriffe erleichtern.
«Die systemischen Grundlagen müssen bearbeitet werden.»
Und wie sollen erneute Taten verhindert werden?
Ammann: Mit Prävention, insbesondere indem die systemischen Grundlagen bearbeitet werden: die strukturelle Männerherrschaft und die Trennung von Körper und Geist.
Wie soll das konkret gehen?
Ammann: Das Wissen ist bereits da – etwa in feministisch-theologischen oder psychologisch-psychotherapeutischen Publikationen. Das muss in der Ausbildung vermittelt werden.
«Die Schnellbleiche-Kurse zu Nähe und Distanz gehen absolut oberflächlich mit dem Thema um.»
Es gibt bereits Kurse zu Nähe und Distanz in den Diözesen…
Ammann: Diese Schnellbleiche-Kurse sind Peanuts, sie gehen absolut oberflächlich mit dem Thema um. Klar müssen die kirchlichen Mitarbeitenden für gewisse heikle Situationen sensibilisiert werden. Aber damit beschäftigen sie sich mit der Spitze des Eisbergs, nicht mit dem, was darunter liegt.
Was liegt darunter?
Ammann: Darunter liegt ein Torso von Männlichkeit – die Vorstellung eines gestählten Körpers, der leistungsfähig und jederzeit einsatzbereit ist. Wir katholischen Theologen von den Männerbüros kritisieren das – gemeinsam mit den feministischen Theologinnen. Es braucht eine radikale Umkehr.
«Das Gottesbild, das Menschenbild, das Kirchenbild und die Frage der Weihe müssen neu gedacht werden.»
Inwiefern?
Ammann: Es braucht eine radikale Auseinandersetzung mit dem Gottesbild des allmächtigen Herrschers. Auch die Frage der Weihe muss neu gedacht werden, denn darauf baut die heilige Herrschaft auf. Ebenso die Haltung gegenüber dem Kirchenrecht. Das ist kein göttliches Recht, wie sogar mein Kirchenrechtsprofessor meinte. Es ist menschengemacht und hat zu so massiven Verfehlungen wie Missbräuchen geführt. Auch das Menschenbild muss sich radikal ändern.
Was braucht es für ein Menschenbild?
Ammann: Ein Menschenbild wie in der Befreiungstheologie. Da steht die Gemeinschaft der Gläubigen im Zentrum – und nicht ein einzelner Bischof oder Priester. Das verkleinert das Risiko eines Machtmissbrauchs sehr. Allerdings ist diese radikale Aufarbeitung eine Langzeit-Aufgabe. Dazu reicht nicht einmal die Abschaffung des Zölibats.
Werden Sie seitens maenner.ch gegen Missbrauch aktiv?
Ammann: Ich bin in deren Fachgruppe «Männerarbeit im kirchlichen Kontext» aktiv, gemeinsam mit anderen evangelischen und katholischen Theologen. Wir werden Anfang 2024 eine Tagung zum Thema «Trennung von Spiritualität und Sexualität» veranstalten. Wir beschäftigen uns seit Jahren mit der Männerproblematik in der Kirche. Deshalb können wir uns äussern, und zwar nicht in kirchlichem Jargon, sondern in allgemein verständlicher Sprache.
«Die Kirchenspitze hat jedes Wissen liquidiert, das den Missbrauchsskandal hätte verhindern können.»
Hätte das nicht früher passieren sollen?
Ammann: Es gab Versuche – etwa Jakob Crottoginis Buch übers Priestersein und Sexualität, das 1955 eingestampft wurde. Oder Eugen Drewermanns «Kleriker», das hat ihn den Kopf kostete. Die Kirchenspitze hat ab 1980 jedes Wissen liquidiert, das den heutigen Missbrauchsskandal hätte verhindern können. Und die Autoren karrieremässig kaltgestellt.
Die Bischöfe haben Massnahmen kommuniziert, wie finden Sie diese?
Ammann: Innerkirchlich ist das ein erster Schritt. Aber die vier Punkte der Römisch-katholischen Zentralkonferenz sind substanzieller. Gut ist etwa ihre Forderung, dass die sexuelle Ausrichtung und die persönliche Lebensform kein Kriterium mehr sein soll bei der Anstellung in der Kirche. Allerdings finden wir auch die RKZ-Vorschläge oberflächlich. Wir fordern Massnahmen, die den Eisberg unter der Wasseroberfläche betrifft. Also die Überzeugungen, Glaubenssätze, Dogmen müssen geändert werden. Diese prägen das Handeln, das sichtbar wird.
«Wir brauchen kein innerkirchliches Gericht, sondern ein staatliches.»
Was halten Sie vom Bemühen der Bischöfe, ein kirchliches Strafgericht einzuführen?
Ammann: Wir brauchen kein innerkirchliches Gericht, sondern ein staatliches. Deshalb habe ich mit Adrian Loretan und weiteren Katholiken dem Bischof von Basel vor vier Jahren eine Verwaltungsgerichtsbarkeit vorgeschlagen, doch der zeigte kein Interesse.
Hätte sich das Verwaltungsgericht auch um Missbrauchsfälle gekümmert?
Ammann: Da hätten kircheninterne Abläufe und Personalentscheide durch den Staat extern gerichtlich beurteilt werden können. Und auch Missbrauchsfälle. Es wäre ein Mittel gegen die innerkirchliche Klüngelei gewesen. Und für die staatlichen Durchsetzung der Menschenrechte in der Schweiz. Im Kanton Zürich tut sich da aktuell etwas, im Kanton Luzern leider nicht. Aber wir bleiben dran.
*Daniel Ammann ist Pfarreiseelsorger im Pastoralraum Hürntal LU. Er engagiert sich im Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen «maenner.ch» in der Fachgruppe «Männerarbeit im kirchlichen Kontext», gemeinsam mit dem evangelisch-reformierten Theologen Christoph Walser. Die beiden haben als Reaktion auf die Ergebnisse der Missbrauchs-Pilotstudie eine Medienmitteilung veröffentlicht. (geändert, 28.9.23, 16 Uhr)
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant