Wann ist ein Bischof nicht mehr tragbar?

Vertuschung, Befangenheit und Lernresistenz: Zum Wochenende stehen Felix Gmür und Joseph Bonnemain in schlechtem Licht. Der vatikanische Sonderermittler Bonnemain ist befangen und dem Basler Bischof sind zu viele «Fehler» passiert. Er ist nicht mehr tragbar, schreibt Annalena Müller in ihrem Kommentar.

Annalena Müller

Am Dienstag versicherte der Churer Bischof Joseph Bonnemain (75) während der Medienkonferenz: Er sei als vatikanischer Sonderermittler nicht befangen und könne daher die Untersuchung gegen seine Bischofsbrüder durchführen. Ebenfalls am Dienstag gab sich Bischof Felix Gmür unwissend, bezüglich weiterer Vertuschungsvorwürfe, obwohl er von den Recherchen des «SonntagsBlick» wusste. Damit macht der Basler Bischof und Präsident der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) den Vertrauensverlust komplett.

Bischöflicher Hohn

Während der Pressekonferenz sass Felix Gmür (57) nur im Publikum. Bis vor einem Monat galt Gmür als Schweizer Vorzeigebischof – jung und reformorientiert. Seit Mitte August ist von diesem Ruhm nurmehr ein Scherbenhaufen übrig. Er steht unter Vertuschungsverdacht. Die Kritik der vergangenen Wochen hat Spuren hinterlassen. Felix Gmür wirkte am Dienstag erschöpft.

Er stellte sich dennoch den Fragen von Veronika Jehle vom Pfarrblatt Zürich. Das Interview kann auf YouTube angehört werden. Ob noch weitere Medienenthüllungen von Fällen aus seinem Bistum zu erwarten seien, wollte Jehle wissen. Darauf antwortete Gmür: «Ich hoffe nicht, aber ich kann nichts ausschliessen. Ich weiss es nicht, es gab ja sehr viele Fälle und ich war nicht immer sehr nah dran.»

Vor dem Hintergrund der Veröffentlichungen des «SonntagsBlick» klingen die Aussagen der beiden Bischöfe Bonnemain und Gmür fast höhnisch. Nur fünf Tage nach der Pressekonferenz bleibt das Gefühl, am Dienstag viel heisse Luft gehört zu haben.

Bischöfliche Überforderung

Joseph Bonnemain scheint alles andere als unbefangen. Er versäumte es über Wochen hinweg, Strafanzeige gegen den unter Missbrauchsverdacht stehenden Abt von Saint-Maurice zu erstatten. Erst durch den Druck des «SonntagsBlick» wurde am 8. September Strafanzeige gegen Scarcella und weitere Kleriker eingereicht.

Die Anzeige hat übrigens weder Joseph Bonnemain noch Felix Gmür, sondern Bischof Charles Morerod (61) erstattet. Warum sie ihren Mitbruder damit beauftragten, ist unklar. Bonnemain und Gmür scheinen jedenfalls in den ersten zwei Monaten der Voruntersuchung nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass sie Anzeige erstatten müssten. Und als es ihnen klar wurde, schickten sie Charles Morerod vor, der weder Sonderermittler noch Chef der SBK ist.

Verantwortungsverweigerung

Und Felix Gmür? Dessen Aussage, er wisse von keinen weiteren Fällen, war entweder unehrlich oder ein weiteres Missverständnis. Denn Gmür wusste am Dienstag durchaus, dass der «SonntagsBlick» zu Franz S. recherchierte.

Und auch hier hört die Verantwortungsverweigerung des Basler Bischofs nicht auf. Heute Mittag ging eine Medienmitteilung des Bistums über die Verteiler. In dieser fiel man in alte Reflexe zurück: Kirchenschutz über alles. In dem Schreiben heisst es: Bischof Felix Gmür habe nicht vertuscht. Sondern: «Nach Klärung der Zuständigkeit wurden sämtliche Akten von Bischof Felix Gmür an die Glaubenskongregation weitergeleitet.»

Das stimmt. Das bestätigt der Betroffene Thomas Pfeifroth im Gespräch mit kath.ch. Was die Medienmitteilung verschweigt: Die Abklärung der Zuständigkeit wurde nicht vom Bistum Basel eingeleitet. Sondern von Pfeifroth selbst. Und zwar, nachdem sich Felix Gmür 2011 weigerte, aktiv zu werden. Das Opfer musste den Bischof via Rom dazu bringen, zu handeln. Bischof Felix Gmür hat also die Akten an das zuständige Dikasterium geschickt, als Rom es befahl, nicht als das Opfer um Hilfe bat.

Nicht mehr tragbar

Sich hinter den Finessen des Kirchenrechts zu verstecken, ist mutlos. Und es ist für einen Bischof, der Vorsitzender der SBK und Vize-Verantwortlicher des Fachgremiums «Missbrauch im kirchlichen Umfeld» ist, entlarvend. Denn es zeigt, dass er bis heute weder den konkreten Fall noch die Perspektive der Opfer im Allgemeinen versteht.

Bischof Felix Gmür sind zu viele «Fehler» passiert. Selbst wenn sie kirchenrechtlich komplexer sein mögen als im Fall Nussbaumer, so zeugen sie doch von einem tiefsitzenden Nichtverständnis der Krise. Von mangelnder Empathie, Bequemlichkeit und von der Vermeidung von Konflikten um jeden Preis.

In zwei Wochen beginnt die Weltsynode in Rom. Felix Gmür ist von der Galionsfigur der Synodalität zu einer Belastung geworden. Als Chef der SBK und als Vize des Fachgremiums «Missbrauch im kirchlichen Umfeld» ist er nicht mehr tragbar. Er sollte diese Ämter abgeben. Und sein Bischofsamt sollte er ruhen lassen – bis eine externe Untersuchung alle Vorwürfe gegen ihn geklärt hat. Extern, im Sinne von: Nicht-Kirchlich.


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