Der Kirchenrat von Hergiswil NW will den Aussenraum der katholischen Kirche umgestalten – im dritten Anlauf. Er will alle Bäume fällen und viel Beton verbauen. Die umstrittene Vorlage sei mehr als nur ein Sachgeschäft und lenke ab von inneren Spannungen, schreibt der Journalist Thomas Vaszary in seinem Kommentar.
Thomas Vaszary
Die Zeiten sind noch nicht so lange her, da Gemeindepräsidenten sonntags in der Kirche antraben mussten, um von der Kanzel das politische Programm für die nächste Woche zu erfahren. Den Segen gab’s noch obendrauf, wenn auch nicht umsonst. Besonders beim Gemeindepräsidenten musste es hörbar rascheln, wenn der Kollektenkorb die Runde machte. Die Kirchen waren das Zentrum des Dorfes, unübersehbar und voller Pracht und Macht herrschten sie über die Moral in der Gesellschaft. Das Volk und seine weltlichen Lenker hatten demütig auf die Knie zu gehen. Kirchliche Bauprojekte waren von Gott gegeben und unantastbar.
Heute ist das an vielen Orten anders. Den moralischen Kompass hat die Kirche als Institution vielerorts verloren. Besuchen Gemeindepräsidentinnen den Sonntagsgottesdienst, zucken die Verantwortlichen im Kirchenschiff erstaunt zusammen. Die Kanzel hat ohnehin schon lange ausgedient und im Kollektenkörbchen klingelt es nur noch spärlich. Auch wenn die Kirche vielerorts immer noch im Zentrum des Dorfes steht, hat sie als Instanz von Macht und Moral massiv eingebüsst. Daher wird auch bei Bauprojekten genauer hingeschaut, obwohl die Kirchen in der Schweiz (noch) über viel Geld verfügen. Sie putzen sich heraus, oft weit über die nötige Werterhaltung hinaus, statt mehr in die Inhalte und interne Teambildung zu investieren.
Nun, angesichts der politischen Zustände weltweit sind wir geneigt zu sagen, dass es den Politikerinnen von heute gut tun würde, sonntags gelegentlich abgekanzelt zu werden. Doch den Kirchen ist diese Legitimation infolge eigener Verfehlungen abhanden gekommen. Von den Kirchen wird mehr Demut gefordert und weniger Machtgehabe.
Wer nun denkt, dass in der Nidwaldner Kirchgemeinde Hergiswil am Ufer des Vierwaldstättersees nach all den Querelen mit «Beichte als Mittel gegen Pornosucht», «Buebetrickli-Pfarrwahl», «Monster-Wahlkampf» und «Schmähbrief gegen Martin Kopp» die Zeichen der Zeit verstanden wurden, reibt sich verwundert die Augen. Zum dritten Mal will der Kirchenrat das Kirchenareal umgestalten. 2018 lehnte das Stimmvolk ein Grossprojekt mit Dorfplatzumbau bereits an der Gemeindeversammlung ab. 2022 gelangte das aufs Kirchenareal reduzierte Neuprojekt nach einem Antrag auf Nichteintreten nicht einmal zur Abstimmung. Ein Jahr später, an der Kirchgemeindeversammlung vom 23. Mai, legt der Kirchenrat trotz Kritik dasselbe Projekt erneut vor.
Das Projekt mit Kosten in der Höhe von 1,25 Millionen Franken hat zwei Schwerpunkte: Die letzten bereits 2016 aufgelösten Gräber direkt um die Kirche herum sollen einem stolperfreien Belag weichen und neue Plätze zum Verweilen bieten. Das ist weitgehend unumstritten.
Umstritten hingegen ist der Umbau der Treppe und das Rückversetzen der Aussenmauer. Alle Bäume werden gefällt, viel Beton und Stein verbaut. Kirchenrat Luca Bee, für die Liegenschaften verantwortlich, weist auf Probleme mit den grossen Tannen hin, die krank seien und ein Sicherheitsrisiko darstellten. Die kleineren Bäume und Sträucher rechts und links der Treppe sind jedoch völlig gesund, wie auch Luca Bee bestätigt. Trotzdem soll alles Grün dem Beton und Stein weichen.
Während überall in den urbanen Zentren bewusst begrünt wird, um dem nackten Beton etwas Kühlendes entgegenzusetzen und die abstrahlende Hitze zu mildern, reisst der Hergiswiler Kirchenrat Bäume und Sträucher heraus. Zwar ist dies nicht für alle im Dorf ein Problem. Für einige ist der «Kirchenwald» gar ein ungepflegter Wildwuchs. Andere fragen sich jedoch, ob man die Bäume und Sträucher in den letzten Jahren absichtlich nicht gepflegt hat.
Die neue Treppe wirkt wuchtig, ähnlich jener in Stans. Sie sei durch die Rückversetzung der Mauer in dieser Form nötig, so Luca Bee. Ob die bestehende Treppe mit den kleineren Bäumen und Sträuchern links und rechts des Aufgangs aber in dieser Form ersetzt werden muss, ist umstritten. Weil die Gemeinde in den nächsten Jahren den Dorfplatz komplett erneuern will, könnte eine Zweiteilung des Projekts durchaus sinnvoll sein. Alle neuen Anschlüsse an Wasser, Abwasser, Glasfaserleitung, Strom und Wärmeverbund wären trotzdem in einem Teilprojekt machbar.
Kirchenrat Luca Bee spricht von einem reinen Sachgeschäft, das nichts mit der Abwahl des damaligen Kirchenratspräsidenten Martin Dudle-Ammann vor einem Jahr zu tun habe. Damals erschütterte ein monströser Wahlkampf die Seegemeinde. Ein Komitee besorgter Bürgerinnen nominierte Daniel Sarbach als Gegenkandidaten. Dudle-Ammann, der den Urnengang mit einer Flut von Wahlplakaten zu einer Stimmungswahl über sich und den umstrittenen Pfarrer Stephan Schonhardt gestaltete, verlor trotz kurioser Hilfe des reformierten Pfarrers deutlich. Dudle-Ammann musste das Feld räumen, doch Pfarrer Schonhardt blieb – vorerst.
Der neue Kirchenratspräsident Daniel Sarbach will ihm eine zweite Chance geben und hofft auf etwas liberale Öffnung. Ob das mit dem Zögling von Huonder und Grichting aus dem alten vorkonziliaren Chur möglich ist? Im Dorf geht das Gerücht umher, Sarbach habe einen schweren Stand, im Kirchenrat Mehrheiten zu finden. Mit der Ablehnung vor einem Jahr, auf das Projekt einzutreten, wollte die Kirchgemeinde dem neuen Präsidenten die Chance geben, mitzugestalten und Schwachstellen im Projekt zu ändern. Nichts passierte. Das Projekt Nummer drei liegt ohne Änderungen vor.
Ein Umbauprojekt ist immer mehr als nur ein Sachgeschäft. Die sogenannte Öffnung der Kirche hin zum Dorf hat auch eine inhaltliche und politische Komponente. Doch wer im Inneren nicht über Inhalte diskutieren will, pinselt im Äusseren die Fassade neu. Ein uraltes Phänomen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Statt mit etwas Demut – integriert in einen begrünten Dorfkern – den traditionell liberalen Weg der Kirche Hergiswil wiederzufinden, setzt der Kirchenrat demonstrativ auf eine mächtige und unübersehbare Kirche aus alten Zeiten.
Ein Satz in der offiziellen Botschaft bestätigt dies: «Die Kirche wird nicht mehr durch hohe Bäume verdeckt.» Ob diese teure Imagepflege über die inneren Probleme der katholischen Kirche Hergiswil hinwegtäuschen kann? Und: Wollen die Bürgerinnen eine Öffnung der Kirche hin zu vorkonziliaren Zeiten der Katholisch-Konservativen unter dem Deckmantel einer Umgestaltung des Kirchenareals? So modern die Verpackung auch daher kommen mag, der vom Pfarrer geprägte theologische Inhalt steht im krassen Widerspruch dazu.
Vielleicht spielen all diese Argumente keine Rolle und das Stimmvolk winkt das Umgestaltungsprojekt an der Kirchgemeindeversammlung durch, weil das Geld in Hülle und Fülle (noch) vorhanden ist, die Menschen genug haben von den jahrelangen Konflikten oder ihnen die Kirche gleichgültig geworden ist. Der 23. Mai wird’s zeigen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/hergiswil-mehr-demut-und-baeume-statt-macht-und-beton/