Kirchenzeitung
15/2005
LeitartikelIslam und IslamismusUrban Fink-Wagner
Lesejahr ADie Wohnungen im Haus des VatersMarie-Louise Gubler
Religion in der SchweizMoslems in der SchweizThierry Schelling
Der Islam in der Schweiz – noch kein Schweizer IslamArnold Hottinger
InterviewDifferenzierte geopolitische Sicht
Amtlicher TeilBistum Basel
DokumentPredigt von Joseph Kardinal Ratzinger bei der Totenmesse für Johannes Paul II.
HinweisDie DVD «Papst Johannes Paul II. in der Schweiz» – ein historisches Dokument mit Langzeitwert
BuchDie Stunde Kohelets
Ethik im Alltag

Islam und Islamismus   

Die Volkszählung 2000 nennt als drittgrösste religions- bzw. konfessionsgebundene Gruppierung nach der römischkatholischen Kirche mit 3 047 887 und der evangelisch-reformierten Kirche mit 2 408 049 Mitgliedern die islamischen Gemeinschaften, zu denen sich 310 807 Menschen zählen. Damit betrug der Bevölkerungsanteil der Muslime in der Schweiz im Jahr 2000 4,26 Prozent. Die kleinste christliche Landeskirche, die christkatholische Kirche, weist im Vergleich dazu nur 13 312 Mitglieder auf, was knapp zwei Promille der Landesbevölkerung entspricht.

Solche Zahlenverhältnisse wurden von der breiten Bevölkerung bis zu den terroristischen Attacken vom 11. September 2001 kaum wahrgenommen. Publikationen zum Thema Schweiz und Islam mehren sich erst seit 2002,1 auch wenn die grossen Kirchen bereits seit 1981 Informationsbroschüren veröffentlicht haben.2 Die Anschläge auf New York und Washington haben die Welt verändert. Mit Beginn des neuen Jahrtausends wird der Weltfrieden längst nicht mehr durch das Wettrüsten der Supermächte bedroht, sondern die grösste Gefahr für den Frieden lauert heute wohl im Terrorismus. In diesem Zusammenhang tauchen nun Gegensätze auf, die vorder- oder hintergründig auch die Religion( en) betreffen bis zur Frage, ob der von den Vereinigten Staaten von Amerika ausgerufene «Krieg gegen den Terror» der Auftakt einer neuen Ära ist, die vom Gegensatz zwischen der westlichen und der muslimischen Welt bestimmt ist.

Die Gefahr von Schwarz-Weiss-Malerei ist gross («Zusammenprall der Kulturen»), eine realistische Einschätzung nicht einfach. Trotzdem müssen wir uns als Staatsbürgerinnen und Staatsbürger wie auch als Christinnen und Christen der Herausforderung stellen, dass ein Zwanzigstel unserer Bevölkerung aus ganz anderen, fremden Kulturen kommt und wie alle anderen ein Anrecht auf ein menschenwürdiges Leben hat. Als Einwohner dieses Landes haben Muslime das Recht auf eine würdige Annahme und Integration – was auch mit Pflichten verbunden ist und eine Reziprozität beinhaltet –, aber auch ein Recht, ihren Glauben im Rahmen und in Anerkennung unserer öffentlichen Ordnung zu leben, wie dies das Recht der Religionsfreiheit in unserem Land gewährleistet.

Mit diesen grundsätzlichen Bemerkungen sind aber konkret anstehende Fragen noch nicht gelöst. Fragen stellen sich sicher im Bereich der korporativen Religionsfreiheit. Die Meinungen gehen hier auseinander: Soll der Islam öffentlichrechtlich anerkannt werden, soll der islamische Religionsunterricht auch an unseren Schulen seinen Platz haben? Wolfgang Rüfner, der Leiter des Instituts für Staatskirchenrecht der Diözesen Deutschlands in Bonn, sieht hier für das mit der Schweiz vergleichbare Deutschland jedenfalls etliche Schwierigkeiten. So sei ein islamischer Religionsunterricht bisher daran gescheitert, dass es im Islam keine Organisation gebe, die dafür verbindliche Grundsätze formulieren könnte. Der Islam könne mangels Organisation auch keine Körperschaft des öffentlichen Rechts in Deutschland werden wie die beiden grossen Kirchen, sagt der Experte. Die kulturelle Diskrepanz zwischen dem Islam und dem Westen sei erheblich.3 Diese kulturelle Diskrepanz zeigt sich nicht zuletzt in der Frage des Kopftuchs, wo der Grenchner Nationalrat Boris Banga im letzten Herbst kurzerhand ein Kopftuchverbot verlangt hat.4 Es ist Boris Banga zuzustimmen, dass einzelne Ethnien und Glaubensrichtungen sicher nicht das Recht haben sollten, sich beliebig von Pflichten und Gewohnheiten, die in unseren Schulen und anderswo in der Gesellschaft gelten, dispensieren zu können. Die Schweiz aber ist kein laizistischer Staat wie Frankreich, wo alles, was irgendwie im öffentlichen Leben nach Religion aussieht, verboten werden sollte. Wir müssen im Gegenteil ein Interesse daran haben, dass Dinge sichtbar sind. Würde das Kopftuch in der Schweiz verboten, müsste konsequenterweise auch das christliche Kreuz aus der Öffentlichkeit verbannt werden, was für uns ein unseliges Eigentor wäre. Wollen wir das? Wohl kaum! Muslime würden durch ein Kopftuchverbot nur in die Defensive, ja in den Untergrund getrieben, wir Christen in einer Gesellschaft, die sich rasant säkularisiert, zumindest mittelfristig auch.

Die Furcht vor islamischer Kultur, Geburtenfreudigkeit und Glaubensstärke ist eine grosse Anfrage an unsere Kultur, an unsere familien- und kinderunfreundliche Gesellschaft, an ein Europa, das sich kaum noch auf seine Wurzeln besinnt, an ein Christentum, das in der Praxis nicht selten grundlegende Prinzipien vorschnell beiseite legt. Weder Verbieten, noch Nichtwahrhabenwollen oder Weggucken sind gute Lösungen, sondern das Finden einer guten Mitte zwischen Verteufelung und blinder Sympathie.

Fragen stehen dabei einige im Raum, auch in der Schweiz. Dabei können und müssen sicher viele diffuse Ängste abgebaut werden, wozu mehr und bessere Information eine Hilfe sein kann.5 Darüber hinaus soll man den Problemen, die sich stellen, gerade weil man vielleicht Realitäten in der Vergangenheit zuwenig wahrgenommen hat oder nicht wahrnehmen wollte, in die Augen schauen: Auch unter Muslimen in der Schweiz gibt es Menschen, die andere ausgrenzen, unter Druck setzen und diskriminieren. Es gibt zumindest im Einzelfall Zwangsbeschneidungen und Zwangsheiraten, Steinigung wird von einigen befürwortet.6 Der deutsche Verfassungsschutz geht von zirka 31 000 gewaltbereiten Islamisten in Deutschland aus. Für die Schweiz liegen – erstaunlicherweise – keine Zahlen vor. Aber auch bei uns gibt es gewaltbereite Islamisten, wie kürzlich erfolgte Festnahmen belegen.7 Gründe für die Verhaftung von fünf Islamisten waren gemäss der Bundespolizei der Verdacht auf öffentliche Aufforderung zu Verbrechen und Gewalttätigkeit und der Verdacht auf Unterstützung terroristisch tätiger Krimineller.8 Fachleute betonen, dass Europa die Gefahr des Zustroms von jungen Islamisten unterschätzt, obwohl alle Länder Europas bedroht sind.9 Was tun? Ein erster Schritt ist die bewusste und unvoreingenommene Beschäftigung mit dem Thema, und zwar durchaus auch mit Empathie, denn viele Muslime stammen aus einem völlig anderen Kontext, der die Integration in der Schweiz nicht einfach macht.10 Dies soll auch mit Nüchternheit geschehen und man soll Fiktion nicht zu Fakten erklären, wie das im Fall der Vereinigten Staaten bei der «Erarbeitung» der Begründung für den Irak-Krieg geschehen ist.11 Die vorliegende und die nächste SKZ wollen dazu einen Informationsbeitrag leisten, ausserdem veröffentlicht die SKZ die «Seelsorgehilfen» der AG Islam der Schweizer Bischofskonferenz.

Religionslandschaft Schweiz

Im Rahmen der Eidgenössischen Volkszählung 2000 führte das Bundesamt für Statistik (BFS) eine Reihe von wissenschaftlichen Analysen durch, unter anderem auch eine mit Fragen zur Religionslandschaft in der Schweiz.

Diese Analyse wurde im Dezember 2004 veröffentlicht. Sie vermittelt detaillierte Informationen zur Religionszugehörigkeit der Bevölkerung und wertet relevante Merkmale aus den Daten der Volkszählung auf. So werden die Glaubensgruppierungen und ihre Entwicklung und soziale Zusammensetzung für den Zeitraum 1970 bis 2000 untersucht. Ein spezielles Kapitel ist der Gruppe «keine Zugehörigkeit » gewidmet. Ein weiteres Kapitel beschäfigt sich mit der religiösen Zusammensetzung der Haushalte und die Weitergabe der Zugehörigkeit an die Kinder. Schlussfolgerungen, Glossar, Literaturnachweis und Übersichtstabellen runden das sehr lesenswerte Werk ab.

Claude Bovay, in Zusammenarbeit mit Raphaël Broquet: Religionslandschaft in der Schweiz. Eidgenössiche Volkszählung 2000. BFS, Neuchâtel 2004, 129 Seiten, Fr. 30.– (exkl. MwSt). Die Publikation ist im PDF-Format einsehbar in: www.kath.ch/pdf/religionslandschaft_2000.pdf

www.konzilsblog.ch