Kirchenzeitung
15/2005
LeitartikelIslam und IslamismusUrban Fink-Wagner
Lesejahr ADie Wohnungen im Haus des VatersMarie-Louise Gubler
Religion in der SchweizMoslems in der SchweizThierry Schelling
Der Islam in der Schweiz – noch kein Schweizer IslamArnold Hottinger
InterviewDifferenzierte geopolitische Sicht
Amtlicher TeilBistum Basel
DokumentPredigt von Joseph Kardinal Ratzinger bei der Totenmesse für Johannes Paul II.
HinweisDie DVD «Papst Johannes Paul II. in der Schweiz» – ein historisches Dokument mit Langzeitwert
BuchDie Stunde Kohelets
Ethik im Alltag

Die Wohnungen im Haus des Vaters   

5. Sonntag der Osterzeit: Joh 14,1–12

In unserer Zeit fast schrankenloser Mobilität ist das Nach-Hause-Kommen in den eigenen Wohnraum erholsam. Freilich kennen nicht alle dieses Glück: Obdachlose, Arme, kinderreiche Familien, unangepasste Alleinstehende haben oft Mühe, ein «Dach über dem Kopf» zu bekommen – eine in biblischen Zeiten häufige Situation. So ist das Bild von himmlischen Wohnungen in jüdischen und gnostischen Schriften recht häufig. Da ist von «ewigen Zelten», von «Ruhekammern» für die von Engeln behüteten Gerechten die Rede, vom «Ort ihrer Ruhe in der Höhe». Philo spricht vom Himmel als «Vaterhaus» für die Seelen, von der Rückkehr aus der Fremde der Welt in den Himmel, an den Ort, wo sie zuvor waren. Ein Bild, das Jesus beim Abschied vor seinem Tod aufgreift.

Der Kontext

Die Abschiedsrede Jesu folgt dem letzten Mahl mit Fusswaschung, Entlarvung des Verräters und Hinweis auf die kurze Zeit der Gegenwart Jesu und die Unmöglichkeit, ihm zu folgen («Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen» 13,33). Die Frage des Petrus («Wohin gehst du?») und seine Beteuerung, sein Leben hinzugeben (14,36.38), beantwortet Jesus mit der Ankündigung seiner dreimaligen Verleugnung und seiner späteren Nachfolge («Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen» 13,36). Darauf richtet sich die als Abschied gekennzeichnet Rede (14,25–31) an alle Jünger. Die im Altertum beliebte Gattung «Abschiedsreden» mit Mahnungen, Verfügungen, Segensworten grosser Männer dient Joh der internen Offenbarung an die Jünger und der Belehrung für die spätere Gemeinde. Die Fragen und Einreden des Thomas (14,5) und des Philippus (14,8) haben die literarische Funktion, den Gedankengang zu präzisieren (vgl.14,22: Frage des Judas).

Der Text

Wie Jesu Seele in der Ölbergstunde aufgewühlt war (12,27), so wühlt die Ankündigung seines Fortgangs und die Ansage der Verleugnung durch Petrus die Jünger auf (14,1). «Euer Herz lasse sich nicht verwirren»: Das Herz als Sitz des Willens und der Entschlusskraft soll in dieser erregten Gemütsverfassung standhaft bleiben (vgl. 16,6–22). Der feste Glaube an Gott gibt Halt (Jes 7,9: Glauben als Sichfestmachen). Durch das Sichverlassen auf Gott können die Jünger auch den Glauben an Jesus und sein Wort bewahren (ob pisteuete Indikativ ist «ihr glaubt», oder Imperativ «glaubt», bleibt offen). Der Glaube an Gott und der Glaube an Jesus gehören für Joh zusammen. Das Offenbarungswort vom Haus des Vaters mit den vielen Wohnungen mildert die Härte des Wortes vom Weggang Jesu (13,33.36) und zeigt dessen Sinn auf: Jesus geht dorthin, um seinen Jüngern und Jüngerinnen einen Platz zu bereiten. Das Haus des Vaters als Ziel Jesu ist auch das Ziel der Glaubenden. So wird die Ansage seines Wegganges zur beglückenden Verheissung (vgl. 14,28: «Ich gehe fort und komme wieder zu euch»). Die christliche Prägung des Bildes zeigt sich: Es ist das Haus «meines Vaters» (14,2). Die «vielen Wohnungen» sind im Blick auf die Jünger gesagt: Sie und alle Glaubenden finden dort «Bleibestätten» (monai) und sind wieder mit Jesus vereint (14,3). Haus und Wohnungen umschreiben den Himmel und Erde umspannenden Macht- und Liebesbereich des Vaters. Aber auch der Gedanke des Todes ist darin: Das Ziel ist erst dann erreicht, wenn die Glaubenden dort sind, wo Jesus ist. Für Joh wird diese Gemeinschaft schon nach Ostern erfahrbar, wenn Vater und Sohn in ihnen «Wohnung nehmen» (14,23; 17,24). Wie der Sohn «für immer im Haus bleibt» (8,35) und zu wahrer Freiheit führt, so bereitet er seinen Jüngern und Jüngerinnen trotz seinem Weggang eine bleibende Stätte.

Neu ist der Ausdruck vom «Wiederkommen» (14,3), der sonst nirgends im NT für die Parusie gebraucht wird. Die johanneische Eschatologie deutet die urchristliche Parusieerwartung auf die Gegenwart des Auferstandenen um: Das «Wiederkommen» entspricht dem «Herabkommen vom Himmel» (1 Thess 4,16 f.), das zur Begegnung mit dem Herrn und zum Bleiben beim Herrn führt (1 Thess 4,17: «wir werden immer beim Herrn sein»; 14,3: «damit auch ihr seid wo ich bin»). Nur kurze Zeit liegt zwischen Weggang und Wiederkommen: Die Vereinigung mit Jesus beginnt nach Ostern und vollendet sich im Tod. Das «Zu-mir-Holen» (paralambanein) ist kein ausgesprochener Parusiebegriff und bedeutet auch «in ein Haus aufnehmen» (1,11).

Vom Ziel lenkt Jesus den Blick auf den Weg: Trotz der Trennung ist die Verbundenheit mit Jesus, dem einzigen Heilsmittler, im Glauben entscheidend (vgl. 10,7.9: Bildwort von der Tür). Thomas, der wie Petrus nicht versteht (13,36) und schwer von Begriff ist (11,16), erhebt Einspruch. Jesus antwortet mit dem Offenbarungswort: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» (14,6). Der hoheitliche Klang wird durch die Dreizahl der Prädikate verstärkt. Der Nachdruck liegt auf dem Weg. Die ungewöhnliche Übertragung von «Weg» auf eine Person wird verdeutlicht durch das, was Jesus verkörpert: Wahrheit und Leben. Er wird zum Weg für jene, die zum Ziel beim Vater gelangen wollen. Die Verbindung von Weg und Ziel könnte neben gnostischen Texten auch von der Exodustypologie bestimmt sein (Dtn 1,29–33). Das absolute «niemand kommt zum Vater ausser durch mich» (14,6) bildet den Höhepunkt der johanneischen Heilslehre.Wer Jesus als alleinigen Zugang zum Vater erkennt, kommt zum Vater. «Erkennen» aber heisst Gemeinschaft finden (10,14 f.). So erfüllt sich die Verheissung: Wer den irdischen Jesus im Glauben «sieht» (6,40), «sieht» den Vater und erlangt ewiges Leben (12,45). Wie der Einwand des Thomas führt auch jener des Philippus («Herr, zeige uns den Vater, das genügt uns!») zur Präzisierung. Die Bitte um eine direkte Offenbarung zeigt den noch mangelhaften Glauben des sonst glaubensbereiten Philippus (1,43–47; 12,21f.). «Zeigen» gehört zum Wortfeld der Offenbarung: Dem Seher wird gezeigt, was in der Zukunft geschehen soll (Offb 4,1 u .ö.). Jesus erinnert Philippus an die lange Zeit des Zusammenseins, an seine Worte und Werke, durch die der Vater sichtbar wurde und mahnt ihn eindringlich zum Glauben (14,10 f.). Wie Jesu Worte nicht von ihm stammen, so sind auch seine grossen «Zeichen» die vom Vater vollbrachten «Werke», welche die Einheit von Vater und Sohn erkennen lassen.

Mit der Beteuerungsformel verheisst Jesus der Jüngergemeinde nach der Zeit seines Wegganges «noch grössere Werke» zu vollbringen (14,12). Da die Heilung des Blindgeborenen und die Auferweckung des Lazarus den absoluten Höhepunkt der «Zeichen» bedeutete, die Jesus als Licht und Leben der Welt erwiesen, ist mit den «grösseren Werken» an die grössere Wirkung in der Mission gedacht: Erst nach Jesu Verherrlichung wird die volle Frucht des Lebens und Sterbens Jesu sichtbar: «Von der Erde erhöht, werde ich alle zu mir ziehen» (12,32).

Die Autorin: Dr. Marie-Louise Gubler unterrichtete am Lehrerinnenseminar Menzingen Religion und am Katechetischen Institut Luzern Einführung und Exegese des Neuen Testaments.
«Alle, die auf seinen Wegen wandeln, – denn Gerechtigkeit verlässt ihn nie mehr – haben bei ihm ihre Wohnstätte und ihr Erbteil und sie trennen sich in alle Ewigkeit nicht mehr von ihm. Und so wird langes Leben bei jenem Menschensohn zu finden sein und die Gerechten geniessen den Frieden und wandeln den geraden Weg im Namen des Herrn der Geister für immer.» (1 Hen 71,16–17)

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