Einen Rosenkranz für den Rock-n-Roll-Star

Papst Leo XIV. hat im Apostolischen Palast den amerikanischen Singer-Songwriter Bob Dylan empfangen. Dylan, der 2016 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat, ist auf Konzerttournee in Italien. Vom Papst ist bekannt, dass er amerikanische Pop-Musik mag. In einem Buch hat er einen Dylan-Song zitiert.

Stefan Betschon

Wer ist der Mann in Schwarz? Er sieht aus wie ein Priester oder ein Mönch. Es heisst, er habe sich in der Vorstadt in der Nähe von Tanzlokalen herumgetrieben. Sein langer schwarzer Mantel ist staubig, sein Gesicht ähnelt einer Maske. Er zitiere gerne aus der Bibel, erzählt man sich von ihm. Wer ist dieser schwarze Mann? Ein falscher Priester, ein Teufel, der Tod? Man weiss es nicht. Bob Dylan lässt die Zuhörenden im Dunkeln.

Schwarz gekleidet hat der grosse amerikanische Musiker am Mittwochnachmittag in Rom den Papst getroffen. Auf den Fotos, die «Vatican Media» veröffentlicht hat, und die sich rasch in vielen Kopien rund um die Welt verbreiteten, zeigt sich das Kirchenoberhaupt ganz in Weiss, Bob Dylan ist zu sehen mit schwarzen Stiefeln, schwarzen Hosen, einem schwarzen Kapuzenpulli, schwarzen Handschuhen und einem schwarzen Schirm. Die Kapuze hochgezogen, bleich und schlecht rasiert, ähnelt der 85-jährige Singer-Songwriter, dem 2016 der Nobelpreis für Literatur verliehen worden war, einem Mönch.

Von Leo XIV. weiss man, dass er Pop-Musik gerne mag. Dass er Bob Dylan kennt, lässt sich dem Vorwort zu seinem ersten Buch entnehmen, das auf Deutsch den Titel «Frieden» trägt. Hier zitiert der Papst im Vorwort einen kaum bekannten Dylan-Song: «Go Away you Bomb / I hate you cause yer man-made and man-owned an’ man-handled / …  / You might be miss-made an’ miss-owned an’ miss-handled an’ miss-used / An’ I hate you cause you could drop on me by accident an’ kill me».

Dylan hat diesen Text zu Beginn der 1960er Jahren mit der Schreibmaschine zu Papier gebracht und schenkte das handschriftlich überarbeitete Typoskript einem New Yorker Musikalienhändler. Dieser liess es 2013 in London versteigern, und so wurde der Song publik, der zuvor nicht eingespielt worden war.

«Roh und wild»

Die Geschichte von diesem Mann mit dem maskenhaften Gesicht und dem staubigen Mantel, ein Mann, der gerne Bibelverse zitiert und vor dem Tanzlokal eine junge Frau abfängt, die danach nie wiedergesehen wird: «Man in the Long Black Coat» – dieser Song wurde von Bob Dylan 1989 als fünfter Beitrag für das Album «Oh Mercy»  zusammen mit zwei Mitmusikern – Klavier und Resonatorgitarre – eingespielt.

Diesen eindrücklichen Song – geht es um den Tod oder um das rechte Leben? – hat Dylan jüngst wieder in sein Live-Repertoire aufgenommen. Er ist auf der Setlist seiner «Rough and Rowdy Ways World Wide Tour», die vor fünf Jahren begonnen hatte und die ihn nun nach Rom führte. In der ewigen Stadt hat Dylan am Donnerstagabend im Palazzo Dello Sport wohl neben dem «Man in the Long Black Coat» auch «I Contain Multitudes» und «False Prophet» gespielt, zwei Songs, die beide 2020 als Single-Auskopplung des Albums «Rough and Rowdy Ways» Verbreitung fanden.

Dylanologen unter sich

Als der schwarz gekleidete Amerikaner dem weiss gekleideten gegenübertrat und ihm zur Begrüssung die Hand gab, zog er zuvor die schwarzen Handschuhe aus. Das lässt sich auf den Fotos erkennen. Was die beiden wohl miteinander geredet haben? Hat Leo XIV. sich vielleicht erklären lassen, wer mit dem «Man in the Long Black Coat» gemeint ist? Viele Songs von Dylan sind vielschichtig und schwer zu verstehen; hätten sich die beiden Amerikaner auf Dylan-Exegese eingelassen, hätten sie wohl für ihr Treffen sehr viel mehr Zeit einplanen müssen.

Laut «Vatican News» haben sie auch noch Geschenke ausgetauscht: Leo XIV. erhielt von dem 85-jährigen Singer-Songwriter die «Chronicles I», den ersten Band der Autobiografie mit einer eigenhändigen Unterschrift. Hat der Beschenkte bei dieser Gelegenheit nachgefragt, wann Band II erscheinen wird? Diese Frage beschäftigt die Fans seit der Veröffentlichung des ersten Bandes vor gut zwanzig Jahren.

Der Papst überreichte seinem Besucher einen Rosenkranz. Einen Rosenkranz? Was soll ein Rock-n-Roll-Star mit einem Rosenkranz? Ist es wenigsten ein evangelischer Rosenkranz?

Die Sprache der Volksmusik

Dylan ist in einer jüdischen Familie aufgewachsen und wurde jüdisch erzogen. Seit er als 19-Jähriger die Schule ohne Abschluss verlassen musste, ist er als Singer-Songwriter unterwegs. Die erste Station war New York, wo der in einer Nervenheilanstalt internierte Folk-Sänger Woody Guthrie sein Lehrer wurde. Ein anderer Lehrer, dem er in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobel-Preises mehrere Sätze widmete, war Buddy Holly.

In New York spielte Dylan als Strassenmusiker amerikanische Folk-Musik nach: Ragtime, Blues, Country Songs aus allen Gegenden der USA. Nur wenn man solche Songs selbst singe, könne man die einheimische Mundart erlernen, sagte Dylan später in einer Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2016. Dylan hat diese Mundart zu seiner Sprache gemacht und er hat sie – das haben ihm einige Country-Fans nie verziehen – bereichert.

1962 erschien die erste Bob-Dylan-Platte. Das jüngste Bob-Dylan-Studio-Album – «Rough and Rowdy Ways» – erschien 2020. Beim Hören dieser neuen Musik kommt es einem so vor, als würden die Songs immer länger, drängender, dringender, dichter. «My Own Version of You», ein Song aus dem jüngsten Studio-Album, der wohl auch im Palazzo Dello Sport zu hören war, umfasst 81 Zeilen, von dem alten Man vorgetragen mit einem atemlosen Staccato, als wäre er ein Rapper. Die Musikkritiker vernahmen damals eine «Zeitdiagnose», sie entdeckten 2020 in Dylan den «Mahner der Stunde». Das sei «his most timely album ever», schrieb der «Rolling Stone». Doch es ist nicht Zeitgeist, es ist Zeitlosigkeit.

Es ist ein langer Text – 81 Zeilen –, doch kein Wort ist zu viel. Es ist ein Parforce-Ritt durch 3000 Jahre Kulturgeschichte. Es geht es um uralte Schöpfungsmythen: Adam und Eva, Gilgamesch, Galatea und der ganze Rest. Es häufen sich Bibelzitate und Verweise auf Klassiker. Shakespeare beispielsweise. Er wolle alte Sprachen – Arabisch, Sanskrit – lernen, berichtet der Sänger, er wolle die Zeit zurückdrehen. «I can see the history of the whole human race / It’s all right there, it’s carved into your face». Die Musik folgt einem Grundmuster – einer sogenannten Chaconne –, das schon seit Jahrhunderten verwendet wird. Nein, das ist kein Zeitkommentar, das ist Zeitlosigkeit. Es geht hier nicht um 2020, sondern um die Menschheitsgeschichte insgesamt.

«I’ll bring someone to life, spare no expense / Do it with decency and common sense», singt Dylan. Einige glauben, der Sänger habe sich von Mary Shelly’s Frankenstein beeindrucken lassen und berichte, wie ein alter Mann sich eine Lebensgefährtin zusammenbastle. Doch interessanter ist die Deutung, dass das Wesen, dessen Entstehung hier umständlich geschildert wird, nicht ein Mensch ist, sondern ein Song.

Die Stunde der Entscheidung

Hat Dylan vielleicht dem Papst ein Konzert-Ticket gebracht? Das Kirchenoberhaupt in seinen weissen Nike-Turnschuhen, einem unauffälligen Kapuzenpulli in der vordersten Reihe. Seit Dylan das Elternhaus verlassen hat, ist er ständig unterwegs. Neben den 39 Studio-Alben hat er auch noch 21 Live-Alben veröffentlicht. Von allen wichtigen Songs gibt es Dutzendende, wenn nicht Hunderte von Live-Versionen.

Einmal, im November 1978 in San Diego, als er müde und abgespannt vor grossem Publikum seine Songs zum Besten gab, warf jemand ein silbernes Kreuz auf die Bühne. Es sei nicht seine Art, Gegenstände, die auf die Bühne geworfen werden, aufzuheben, erzählte er später. Doch diesmal hob er den Gegenstand auf, und steckte ihn die Tasche. Zurück im Hotel fühlte er sich völlig ausgebrannt. Dann kam ihm das Kreuz in die Hände, und es war, als wäre er neu geboren worden. Christus sei ihm erschienen, berichtete er später. Er schloss sich einer Gruppe evangelikaler Christen an.

Die nächsten Studio-Alben, die er veröffentlichte, werden seiner «Gospel-Phase» zugerechnet. Doch es ist keine christliche Rock-Musik, die hier zu hören ist. Diese mitreissenden, Hitparaden-tauglichen Lieder bewerben nicht christliche Glaubensinhalte, sie vertonen nicht den Katechismus, sie wollen nichts vorschreiben, sie wollen nicht missionieren.

Du musst dich entscheiden, für das Gute oder für das Böse, du hast die Wahl, aber du musst dich entscheiden, heisst es in «Gotta Serve Somebody» (1979): «You’re gonna have to serve somebody / yes indeed, you’re gonna have to serve somebody / Well, it may be the Devil or it may be the Lord / But you’re gonna have to serve somebody». In «Slow Train Coming» (1979) beschreibt er den Zerfall seines Landes: «Sometimes I feel so low-down and disgusted / Can’t help but wonder what’s happenin’ to my companions / … Man’s ego is inflated, his laws are outdated / they don’t apply no more / You can’t rely no more to be standin’ around waitin’ / In the home of the brave …». Dieser Text klingt, als ginge es um die USA unter Trump.

Der Refrain verweist auf eine bevorstehende Umwälzung: «There’s a slow, slow train comin’ up around the bend». Was ist das für eine Lokomotive, was ist das für eine Wucht, die da kommt: Eine politische Erhebung, ein technischer Durchbruch, das Jüngste Gericht?

Es ist zu vermuten, dass die beiden Amerikaner auch über Politik geredet haben, sie sind beide nicht dafür bekannt, für Trumpismus anfällig zu sein.

Die Sorgen der Kardinäle

Es ist nicht das erste Mal, dass Dylan einem Papst gegenübertritt. 1997 wurde Dylan eingeladen, gemeinsam mit anderen Künstlern beim 23. Nationalen Eucharistischen Kongress in Bologna vor dem Papst – damals Johannes Paul II. – und einer Menschenmenge von etwa 300’000 jungen Menschen aufzutreten.

Ein anderer Papst hatte an diesem Konzert keine Freude. Papst Benedikt XVI. schrieb 2005 in einem Buch über Johannes Paul II., dass er als Kardinal versucht habe, den Auftritt Dylans zu verhindern. Es sei skeptisch gewesen und er habe noch immer seine Zweifel, ob es richtig gewesen sei, falsche Propheten einzuladen.

Immer wieder sieht sich Dylan mit der Forderung oder mit dem Vorwurf konfrontiert, als Prophet aufzutreten. Er hat sich immer wieder dagegen gewehrt, in diese Rolle gedrängt zu werden. Diese Haltung ist der Hintergrund zum Song «False Prophet» (2020), eine Blues-Rock-Nummer, die er nun auch in Rom vorgetragen hat: «I ain’t no false prophet / I just know what I know».


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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