Muslimische Seelsorge: Die Nachfrage steigt – die Qualitätsansprüche auch

Frauen und Männer aus acht Kantonen haben eine universitäre Weiterbildung in muslimischer Seelsorge abgeschlossen. Die Nachfrage ist hoch. Doch auch nach dem Abschluss bleibt viel zu tun.

Sabine Zgraggen

21 Zertifikate, rund 60 Gäste und eine persönliche Würdigung für jeden einzelnen Absolvierenden: Am 22. Oktober feierte der dritte deutschsprachige Weiterbildungsstudiengang «CAS – Muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen» in der Paulus Akademie Zürich seinen feierlichen Abschluss. Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik und muslimischen Dachorganisationen waren eingeladen.

Kursleiterin Esma Isis-Arnautovic* stellte die Absolventinnen und Absolventen mit ihren unterschiedlichen Facetten und persönlichen Stärken vor. So entstand eine Atmosphäre der Wertschätzung, die für viele positive Feedbacks sorgte.

Hohe Anforderungen

Elf Frauen und zehn Männer absolvierten in diesem Jahr die Weiterbildung der Universität Freiburg. Dazu gehören unter anderem Imame, muslimische Fachleute aus dem Migrationsbereich sowie bereits tätige Seelsorgende.

Wie vielfältig die Teilnehmenden und ihre Zugänge zur Seelsorge sind, zeigte sich bereits in einem der ersten Module, als die Teilnehmenden den Auftrag erhielten, einen Gegenstand mitzubringen, der ihre Seelsorgearbeit symbolisiert. Neben klassischen Gegenständen wie Koran oder Gebetsteppich wurden beispielsweise auch eine Lego-Brücke, ein Olivenzweig, eine Laterne, ein Spiegel, ein Kinderbuch mit einer persönlichen Bedeutung und eine Ney-Flöte mitgebracht.

Steigende Nachfrage

Auch die Abschlussarbeiten zeigen ein breites thematisches Spektrum: Von seelsorglicher Begleitung für Kranke, Sterbende und ihren Angehörigen über Sucht, psychische Mehrfachbelastungen bei Geflüchteten und Suizidalität bis hin zu familiären Konflikten und Krisen.

Die Nachfrage nach muslimischer Seelsorge wächst, doch Sprachkenntnisse und fachliche Eignung werden vor Aufnahme in den Weiterbildungsstudiengang streng geprüft. Nach einer mehrstufigen Evaluation wird das Programm jährlich aktualisiert, die Lehrinhalte den gegenwärtigen Entwicklungen und Bedürfnissen angepasst und bei Bedarf neue Referentinnen und Referenten hinzugezogen. «Ich möchte das CAS stetig weiterentwickeln und die Qualität steigern» sagt Isis-Arnautovic bestimmt.

Spiritualität gehört zum Menschen

Rund sechs Prozent der Schweizer Bevölkerung gehören islamischen Glaubensgemeinschaften an – einer vielfältigen Minderheit. Muslimische Seelsorgende sehen sich sehr unterschiedlichen Bedürfnisse gegenüber: Sie hören zu, tragen Krisen mit und geben Sinnfragen Raum.

Dabei teilen sie einige Herausforderungen mit ihren katholischen und reformierten Kolleginnen und Kollegen: Religiöse Bedürfnisse werden in der Gesellschaft als Privatsache betrachtet. Doch Krankheiten werfen Sinnfragen auf, Schuldgefühle verschwinden nicht einfach. Spirituelle Begleitung kann die Krankheitsbewältigung unterstützen und ist ergänzend zum medizinischen Angebot kaum mehr wegzudenken.

Praktikumsplätze gesucht

«Die Suche nach Praktikumsplätzen ist dabei nicht immer ganz einfach», gibt Isis-Arnautovic zu, «manche Institutionen sind offen, andere zurückhaltend oder abweisend». Oft seien die Zuständigkeiten unklar. «Wo Praktika aber möglich wurden, waren die Rückmeldungen ausgesprochen positiv», berichtet sie. Kritische Reaktionen auf kopftuchtragende Teilnehmende seien ihr dabei nicht bekannt. Auch unterhalb der Studierendengruppe gab es hier keinen Klärungsbedarf.

Der Weiterbildungsstudiengang mit seinen 22 Dozierenden in acht Modulen, darunter auch christliche Fachpersonen, unterrichtet interdisziplinär und praxisbezogen. 4900 Franken Kurskosten sind für einige Studieninteressierte eine Hürde; doch das persönliche Engagement, die Gelder zusammen zu bringen, ist gemäss der Verantwortlichen sehr gross.

Die Universität gab dabei keine Quersubventionierung. Isis-Arnautovic wünscht sich längerfristige Strukturen, weiterführende Qualifikationen und politische Sensibilität. «Ausgebildete möchten sich auch längerfristig engagieren können», sagt sie. Im Januar 2027 beginnt der dritte französischsprachige Durchgang; ein vierter deutschsprachiger CAS wird voraussichtlich Ende 2027 oder Anfang 2028 folgen.

Gerade in einer Zeit polarisierender Debatten über den Islam zeigt diese Entwicklung eine andere Wirklichkeit: Musliminnen und Muslime qualifizieren sich für die Begleitung verletzlicher Menschen – und leisten damit einen konkreten Beitrag zu einem respektvollen Zusammenleben und zum Religionsfrieden.

Weitere Informationen zum CAS muslimische Seelsorge in öffentlichen Institutionen

*Esma Isis-Arnautovic studierte Islamwissenschaft an der Universität Bern und Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg i.Ü. Ihre Dissertation zur Begründbarkeit einer theologischen Anthropologie ist 2024 erschienen. Sie arbeitet seit 2015 am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft an der Universität Freiburg in verschiedenen Funktionen und Projekten.


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