Führungsfragen – Gespräch im Frauen-Tandem war «offen und ehrlich»

«Wunderbar» sei ihr erstes Gespräch in Augsburg gelaufen, sagen Esther Rüthemann und Natalie De Lisa. Die beiden Kirchenfrauen bilden eines von vier Mentoring-Tandems der Bistümer St. Gallen und Basel. Sie beteiligen sich damit am deutschen Förderprogramm «Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf».

Regula Pfeifer

Die Bistümer St. Gallen und Basel beteiligen sich mit vier Tandems – also Zweierteams –am deutschen Mentoring-Programm «Kirche im Mentoring – Frauen steigen auf». Dieses führen der Hildegardis-Verein und die Deutsche Bischofskonferenz seit 2015 durch, heisst es in deren Mitteilung. Insgesamt 260 Frauen haben das einjährige deutsche Förderprogramm für Frauen in der Kirche bisher durchlaufen.

Acht Schweizerinnen in deutschem Förderprogramm

Erstmals beteiligen sich daran auch acht Frauen aus der Schweiz. Zwei davon sind bereit, kath.ch darüber zu berichten. Es ist das Tandem Esther Rüthemann (54), Pfarreibeauftragte Maria Himmelfahrt in Jona SG, und Natalie De Lisa (38), Fachverantwortliche für die Offene Kirchliche Jugendarbeit (OKJ) bei der Deutschschweizer Fachstelle OKJ in Luzern.

Sie besuchten vom 6. bis 8. Oktober das Auftakt-Seminar des Mentoring-Programms in Augsburg – als eines von insgesamt 30 Tandems aus zwölf mehrheitlich deutschen Bistümern oder Erzbistümern und weiteren katholischen Institutionen. Dort sprach die Ordensfrau Katharina Ganz über ihre Leitungserfahrungen. Ganz ist langjährige Generaloberin im Franziskanerinnenkloster Oberzell in Bayern und designierte Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes. «Führen heisst Gestalten», sagte sie gemäss Mitteilung. «Das bedeutet für mich, an einflussreicher Stelle Entscheidendes bewirken zu können – was den Menschen dient und die Organisation voranbringt.»

Esther Rüthemann war beeindruckt. «Diese Top-Frau konnte unverblümt reden über Sachen, die ihr passiert sind.» Und trotz unangenehmer Erlebnisse habe sie ihre Freude nicht verloren. «Das hat mich motiviert», sagt Rüthemann, die in Leitungsposition ebenfalls schwierige Situationen erlebt hat. Über Augsburg sagt sie: «Es hatte so viel Kraft, da waren so viele tolle Frauen.»

Vertrauliches Gespräch

Vor Ort führten die Tandems ihr erstes Zweiergespräch von insgesamt zwölf im ganzen Jahr. Ein Tandem besteht jeweils auf einer Mentorin und einer Mentee. Die Mentorin hat dabei die Aufgabe, ihr Mentee bei Fragen zu Führungsaufgaben zu beraten – dies im vertraulichen Gespräch. Beim aussagebereiten Duo aus der Schweiz ist Rüthemann die Mentorin, De Lisa die Mentee.

Ihr Tandemgespräch in Augsburg dauerte rund eine Stunde. «Es ist super gelaufen», sagt Rüthemann gegenüber kath.ch. «Es war offen und ehrlich, so wie wir es abgemacht hatten.» Und De Lisa sagt: «Das Gespräch war wunderbar, genauso wie ich es mir erhofft hatte. Es ist uns sehr schnell gelungen, einen guten Zugang zueinander zu finden und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen.»

Leitung im Kleinen und Grossen

Die beiden sprachen über Leitungsstile und ihre Erfahrungen damit – etwa mit autoritärem, kollegialem oder gar fehlendem Führungsstil. Führung gebe es vielerorts, in grösserem und kleinerem Umfang, sagt Rüthemann. Etwa im Verhältnis zu einzelnen Pfarreimitarbeitenden, in Bezug zu Freiwilligengruppen, in der Aufgabe im Pastoralraum und im Verhältnis zur Bistumsleitung. Beim Austausch kam demnach Positives wie Negatives zur Sprache.

De Lisa nimmt aus dem Gespräch die Themen Führungsstil und gesunde Abgrenzung als wichtigste «Learnings» mit. Diese hat sie in ihr Lerntagebuch notiert, das alle Mentees in Augsburg erhalten haben. «Mein Tagebuch ist bereits voll mit Stichworten und Gedanken», sagt De Lisa. «Es wird uns also an Themen nicht fehlen.» Sie als Mentee hat die Aufgabe, aufkommende Themen zu ihrer Tätigkeit und Person zu reflektieren und in die Tandemgespräche einzubringen und diese dann nachzubearbeiten.

Fortan werden sich die beiden Frauen alle vier bis sechs Wochen austauschen. Dies bei einem Treffen irgendwo zwischen Rapperswil-Jona und Luzern oder in einem Online-Chat. Zum Programm gehören auch zwei weitere dreitägige Seminare wie jenes in Augsburg, an denen Führungskompetenzen und Fachwissen vermittelt werden.

Eigene Fähigkeiten reflektieren

Mentee De Lisa sieht das Mentoring-Programm als «wunderbare Chance, sich mit dem Thema Kirche und weibliche Führungspositionen auseinanderzusetzen und insbesondere im Rahmen der Tandem-Gespräche die eigenen Fähigkeiten zu reflektieren und weiterzuentwickeln.» Sie sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, sagt sie. Seit Frühling 2025 besucht sie den CAS «Leadership and Purpose» an der Theologischen Fakultät Luzern.

Mentorin Rüthemann hofft, dass sie De Lisa mit ihren Erfahrungen den Rücken stärken kann. Sie sieht ihre menschlichen und intellektuellen Fähigkeiten und sagt: «Natalie De Lisa hat Potential». Gleichzeitig erhofft sich Rüthemann vom Projekt auch eigene Lernchancen. «Ich möchte männliche Strategien erkennen und allenfalls etwas daraus lernen.»

Am meisten Führungserfahrung hat Rüthemann mit Freiwilligen. Seit Jahrzehnten begleite, führe und fördere sie Freiwillige, sagt sie, «damit sie die Hauptverantwortung übernehmen für einen Verein, einen Gottesdienst, die Liturgie, eine Gruppe». So baute sie etwa einen Caritasmarkt auf. Diese Art Leitungsaufgabe fällt ihr leicht.

Kirchliches Umfeld schwierig

Schwieriger empfindet sie Leitung im kirchlichen Umfeld. Da werde sie als Frau von Männern teilweise belächelt oder mit einem Spruch aufs Äussere reduziert. «Früher fühlte ich mich geschmeichelt. Heute akzeptiere ich das nicht mehr», sagt sie und findet: «Junge Frauen sollten so etwas gleich abstellen.» Rüthemann ist seit längerem in der Pfarrei in Jona tätig, erst als Seelsorgerin, seit zwei Jahren als Pfarreiverantwortliche.

Die acht Frauen aus der Schweiz wurden für die Mentoring-Teilnahme angefragt von den Personalverantwortlichen ihres Bistums. Infrage kamen Mentorinnen mit langjähriger, vielfältiger Führungs- und Teamleitungserfahrung. Und Mentees mit mindestens fünf Jahren Pastoral- und allenfalls erster Leitungserfahrung.

Frauenquote in Führungspositionen steigern

Die direkte Anfrage habe fürs Pilotjahr gegolten, schreibt Damian Kaeser-Casutt vom Bistum St. Gallen. «Für weitere Kurse werden wir den Lehrgang zur Bewerbung ausschreiben.» Der Leiter Personalamt schätzt die neue Frauenförderung, die den Gemeindeleitungskurs ergänzt. Nun müsse das Bistum prüfen, wie Leitungsaufgaben gestaltet werden könnten, damit sie «vermehrt auch für Frauen möglich werden».

Die Personalverantwortliche des Bistums Basel, Donata Tassone-Mantellini, erhofft sich vom Pilotprojekt: «Wir können auf einen Pool qualifizierter zukünftiger Führungspersonen zählen und damit auch die Frauenquote in Führungspositionen steigern.» Auch Mentorin Rüthemann ist vom Projekt überzeugt und sagt: «Die Kirche braucht Frauen.»

Speed-Dating für Tandembildung

Vorbereitende Treffen mit den acht Schweizer Mentoring-Teilnehmerinnen fanden laut Tassone-Mantellini am vergangenen 9. Februar und am 7. September statt. Beim ersten Mal sei ein Speed-Dating zwischen Mentorinnen und Mentees organisiert worden, erzählt Rüthemann. Die Beteiligten beschlossen, die Tandems bistumsübergreifend zu bilden, um allfällige Nähe oder Abhängigkeit zu vermeiden, was sie auch taten. Beim zweiten Treffen wurden sie unter anderem über das oben erwähnte Auftaktseminar in Augsburg informiert.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/fuehrungsfragen-gespraech-im-frauen-tandem-war-offen-und-ehrlich/