Jugendkrawalle in Mailand: Hinter der Gewalt verbirgt sich ein Schrei

An den letzten beiden Wochenenden kam es in Mailand und anderen norditalienischen Städten zu Demonstrationen und gewalttägigen Ausschreitungen – nach dem Vorbild von Paris. Der Mailänder Pädagoge und Erzieher Davide Manzo kennt diese Jugendlichen und ordnet die Situation ein.

Cristina Vonzun, catt.ch

Bei den Protesten auf den Plätzen von Paris und Mailand trafen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite Studenten, Jugendliche, Lehrkräfte und Eltern, die friedlich auf die Strasse gingen, um gegen die hohen Lebenshaltungskosten, die Schwierigkeiten in der Schule und eine prekäre Lage zu protestieren, unter der ein wachsender Teil der Bevölkerung leidet. Auf der anderen Seite waren gewalttätige Gruppen, die den Protest in Verwüstungen und Plünderungen verwandelten. Besonders auffällig waren die zahlreichen Minderjährigen unter den Hauptakteuren der schwerwiegendsten Vorfälle.

Wer sind diese Jugendlichen? Woher rührt ihre Wut und was versuchen sie durch solch extremes Verhalten auszudrücken? Darüber sprechen wir mit dem Pädagogen und Erzieher Davide Manzo. Er hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Jugendlichen und Kindern in der Lombardei, die in schwierigen Lebenssituationen stecken.

Er koordiniert verschiedene Jugendprojekte in Mailand, Lecco und der Region Brianza, sowohl in kirchlichen Jugendzentren als auch in anderen Bildungseinrichtungen. Im Gespräch ruft Manzo dazu auf, sich nicht nur auf die – zwar notwendige – Verurteilung der Gewalt zu beschränken, sondern auch die Umstände und Motive zu hinterfragen, die sie schüren.

Davide Manzo, fangen wir bei den vielen Minderjährigen an, die in diesen Tagen am meisten Eindruck hinterlassen haben, also bei denen, die in Mailand Plünderungen begangen haben. Was denken sie und wonach suchen sie?

Davide Manzo: Es handelt sich um Jugendliche, die sich die Ideen ihrer Altersgenossen aus den Pariser Vororten zu eigen machen. Es sind junge Menschen, die grosse Schwierigkeiten mit ihrer Identität haben und Mühe einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Einige sind Ausländer, andere gehören zur zweiten Einwanderergeneration, wieder andere sind Italiener, die fast ausschliesslich aus den Vororten stammen.

«Sie hören ständig eine Sprechart, die sich auf das Recht des Stärkeren und auf Aggression bezieht.»

Woher kommt ihre Gewalt?

Manzo: Sie sehen eine Welt, die von einer stolz zur Schau gestellten Gewalt geprägt ist, dies auch in der politischen Kommunikation auf nationaler und internationaler Ebene. Sie hören ständig eine Sprechart, die sich auf das Recht des Stärkeren und auf Aggression bezieht. Sie sind das Produkt einer gewalttätigen und räuberischen Kultur. In der Welt der Erwachsenen haben sie nur wenige Bezugspunkte, und diese sind zudem wenig glaubwürdig. Ich will die unbestreitbare persönliche Verantwortung dieser Jugendlichen nicht ausser Acht lassen. Aber es muss gesagt werden, dass es sich um Jugendliche handelt, die im Vergleich zu anderen weniger Wahlmöglichkeiten hatten und haben.

Was sollte ein Erwachsener tun, um in ihren Augen glaubwürdig zu sein?

Manzo: Ihnen zuhören, aber nicht nur in Bezug auf die Bedürfnisse, die sie äussern, sondern ausgehend von dem, was sie empfinden. Zum Beispiel entspringen die Unruhen dieser Tage nicht dem Willen zur Zerstörung, sondern aus Wut und Verlangen. Die Proteste am Samstag unterschieden sich – im Grossen und Ganzen – von den Vorfällen, die wir am Sonntag gesehen haben. Ich hoffe, dass die Handlungen einiger weniger nicht darüber hinwegtäuschen, was diese Jugendlichen antreibt und bewegt. Sie wollen nicht in Bezug auf ihre Bedürfnisse gehört werden, sondern in Bezug auf das, was sie antreibt und bewegt. Das, was sie begeistert, konstruktiv zu nutzen und zu begleiten – das ist es, was sie von der Erwachsenenwelt verlangen.

Wie unterscheiden sich die Menschen, die am Samstag protestierten, von denen, die am Sonntag die Stadt verwüsteten?

Manz: Generell waren die Themen, für die sie eintraten, zutiefst unterschiedlich. Die erste Gruppe ist eher traditionell. Im Mittelpunkt ihres Protests steht das Schulsystem, das nicht funktioniert und Veränderungen benötigt. Demgegenüber brachten die anderen Jugendlichen eine für Italien neuartige Situation zum Ausdruck, ähnlich jener in den Pariser Vororten.

«Die Nachrichten zu Beginn der Woche konnten auf Fake-News zurückgeführt werden.»

Es gab und gibt immer wieder beunruhigende Vorfälle: Nachrichten mit Drohungen von Gruppengewalt, die in den letzten Tagen in den Chats von Klassen, Eltern und Lehrkräften in vielen Städten Norditaliens eingegangen sind…

Manzo: Die Nachrichten zu Beginn der Woche konnten auf Fake-News zurückgeführt werden, da sie in allen Städten denselben, identischen Text enthielten. Letztendlich ist nichts passiert, abgesehen davon, dass viele Jugendliche aus Angst nicht zur Schule gingen, Geschäfte geschlossen blieben und es ein Grossaufgebot an Sicherheitskräften gab.

Die selbsternannte «Bewegung 17. Oktober» hat ein Manifest mit einer Aufforderung zur Demonstration verbreitet. Sie distanzieren sich nicht von Gewalt. Glauben Sie, dass die Jugendlichen, die in Mailand auf die Strasse gingen – vor allem die Gruppe der gewalttätigen Minderjährigen –, wirklich hinter einem solchen Aufruf stehen könnten?

Manzo: Der Text formuliert einige allgemeine Forderungen, doch ich sehe darin keine Botschaft, die wirklich als Sprachrohr dieser Jugendlichen dienen könnte. Wahrscheinlich stecken Erwachsene dahinter, zumindest in der Art, wie es geschrieben steht.

«Die eigentliche Dringlichkeit besteht darin, Licht in die Absichten dieser Jugendlichen zu bringen.»

Wie versuchen die Kirche, die kirchlichen Jugendtreffs und die Caritas diese Jugendlichen zu erreichen, insbesondere die vielen Minderjährigen, die derzeit im Rampenlicht stehen?

Manzo: Der Erzbischof von Mailand hat die Jugendlichen der Kirchenjugendtreffs dazu aufgerufen, auf diejenigen zuzugehen, die nicht zum Jugendtreff kommen, sich in irgendeiner Weise um sie zu kümmern und für sie da zu sein. Auf der anderen Seite fordern die Caritas und die Ambrosianische Katholische Aktion, nicht nur auf diese Taten zu schauen – die, wie ich wiederhole, schrecklich und zu verurteilen sind –, sondern auf die Absichten zu achten. Die Absicht wird immer von der Tat überschattet, doch die eigentliche Dringlichkeit besteht darin, Licht in die Absichten dieser Jugendlichen zu bringen. (Übersetzung und Adaption: Regula Pfeifer)


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