Warum sich das rote China und der weissgelbe Vatikan nicht grün werden

Vor 100 Jahren weihte der Papst die ersten chinesischen Bischöfe. Für China von einer «Kulturrevolution» zu sprechen, ist eine heikle Sache. Allerdings: So viel anderes war es nicht, was Papst Benedikt XV. 1919 mit seinem Missionsschreiben «Maximum illud» einleitete.

Alexander Brüggemann

(KNA) Heute ist katholische Mission längst etwas geworden, das sich an Europa richtet: Grossstadtmission, Erwachsenentaufen, «die Menschen erreichen» als Stichwörter. Historisch gesehen aber, also als der Westen noch nicht selbst wieder ein dringendes Missionsgebiet war, sind die Missionsstrategien der Kirche immer auch im Licht von Europas aussenpolitischen Konzeptionen zu bewerten.

Weltkriegspapst Benedikt XV.

Das frühe 20. Jahrhundert war noch ganz von der Frontstellung zwischen europäischem Kolonialismus und ersten Unabhängigkeitsbestrebungen geprägt.

Zur Zeit des Ersten Weltkriegs war dabei der Ferne Osten im Fokus, vor allem China. In diesem Kontext steht das epochale Papstschreiben «Maximum illud» von 1919. Der Weltkriegspapst Benedikt XV. (1914-1922) forderte darin eine Abkehr von den Praktiken der Kolonialzeit. Missionare müssten auf kulturelle Eigenheiten der Völker eingehen – und vor allem einen einheimischen Klerus ausbilden.

Dies, so Benedikt XV., bedeute auch ein Ende des selbstgerechten europäischen Machtanspruchs und Egoismus. Dieser durchaus mutige Perspektivwechsel hatte in China einen festen Sitz im Leben: Denn 1715 hatte der Heilige Stuhl Katholiken jede Teilnahme an traditionell-staatlichen Riten verboten, etwa dem Ahnen- oder Konfuzius-Kult. Daraufhin hatten christliche Missionare dort über ein Jahrhundert nicht mehr öffentlich wirken dürfen.

Fast 200 Jahre Öffnung nach Westen

Erst 1840 begann eine neue Missionswelle, als fünf Häfen an Chinas Ostküste für die westlichen Mächte geöffnet wurden. Vier Jahre nach der Ordensgründung, 1879, sandten die Steyler Missionare ihre ersten beiden Mitglieder nach China, darunter auch den Südtiroler Joseph Freinademetz. Bis 1900 stieg die Zahl der chinesischen Katholiken auf fast 750’000.

Dann allerdings eskalierte im Boxeraufstand ein Fremdenhass, der sich durch massives und respektloses Eingreifen der Kolonialmächte dort aufgebaut hatte. Viele Gemeinden und mehrere tausend Christen fielen den Ausschreitungen zum Opfer. Die Ausrufung der Republik 1912, die Religionsfreiheit garantierte, brachte dann wieder eine starke Ausweitung der christlichen Mission.

Papst Pius XI. (1922-1939) ging den theologisch behutsameren Kurs seines Vorgängers Benedikt XV. aus «Maximum illud» weiter. 1924 übertrug das erste «Nationalkonzil» in Schanghai die kirchliche Verantwortung schrittweise an den chinesischen Klerus. Vor 100 Jahren dann, am 28. Oktober 1926, weihte Papst Pius XI. im Petersdom in Rom die ersten sechs chinesischen Bischöfe. Bald darauf folgten auch die ersten aus Japan und Vietnam.

Universale Verteidigung der Menschenrechte

In den 1930er Jahren wuchs mit Blick auf die totalitären Ideologien von Kommunismus und Faschismus das Bewusstsein der Kirchenleitung, zur wirklich universalen Verteidigung der Menschenrechte aufgerufen zu sein. Der Kampf gegen ein neues Heidentum war ein Hauptthema von Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli, später Pius XII. (1939-1958).

Nicht nur für Europa, auch für Asien und besonders für China änderten sich die Vorzeichen nun rapide. Der Vormarsch der Kommunisten, der chinesisch-japanische Krieg und der Krieg zwischen Japan und den USA brachte ausländische Missionare in neue Bedrängnis; viele wurden getötet oder interniert.

Bis 1948 war die Zahl der Katholiken in China auf knapp 3,3 Millionen gestiegen. Doch unter den Kommunisten kam die Kirche unter völlige Staatskontrolle; in Peking diktiert seither die Partei. Mit dem Dekret zur Unterdrückung «konterrevolutionärer Kräfte» setzte 1950 eine brutale Christenverfolgung ein. Missionare wurden vertrieben und bis 1960 alle Priesterseminare geschlossen.

Abbruch der diplomatischen Kontakte

1957 brach Peking die diplomatischen Kontakte zum Vatikan ab und gründete eine vom Regime kontrollierte «Chinesische Katholische Patriotische Vereinigung», die mit staatlicher Erlaubnis aktiv sein kann. Katholiken waren alle Kontakte zum Vatikan streng verboten. Und doch bildeten sich über die Jahrzehnte romtreue sogenannte Haus- und Untergrundgemeinden aus, die bis heute fortbestehen.

So ist der chinesische Katholizismus faktisch in zwei Gruppierungen geteilt: eine regierungsnahe und eine romtreue. Gegen die Mitglieder der Untergrundkirche gab es immer wieder staatliche Sanktionen. Priester und Bischöfe wurden verhaftet oder verhört. Auch erhalten die Untergrundkatholiken keine Erlaubnis zum Bau von Kirchen oder für Jugendarbeit.

Besonders hart waren die Jahre der Kulturrevolution (1966-1976): Jede öffentliche Glaubensbezeugung war verboten; religiöse Gebäude wurden zerstört oder zweckentfremdet. Im Westen gab es damals kaum mehr Informationen zur Lage der Christen. Erst nach dem Tod Mao Zedongs 1976 und dem «Tauwetter» unter Deng Xiaoping begann das kirchliche Leben langsam wiederzuerstehen.

Die zentrale Frage der Bischofsernennungen

Seither sucht der Vatikan eine einheitliche offizielle Linie, die sowohl regimenahe Vertreter des einen als auch eigenmächtige Vertreter des anderen Kirchenflügels einschließen kann. Seit den 90er Jahren erkannte Rom vermehrt auch «patriotische» Bischöfe an. Dennoch blieb die Frage der Bischofsernennungen zentral.

Was überall sonst auf der Welt weitgehend Normalität ist, kann Peking nicht akzeptieren: dass eine fremde Macht, nämlich der Papst, Funktionsträger für China ernennt. Denn das, so der Anspruch, kann nur die Partei. Eine weitere zentrale Frage für die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen ist die chinesische Forderung, Rom müsse zuerst seine Kontakte zur Republik Taiwan abbrechen – das Peking als abtrünnigen Teil Chinas ansieht.

Rund zehn Millionen Katholiken

Nach Schätzungen von Experten sind heute rund zehn Millionen der knapp 1,4 Milliarden Einwohner der Volksrepublik China Katholiken. Die Behörden verzeichnen jedoch offiziell lediglich gut sechs Millionen; das US-Forschungsinstitut Pew geht von neun Millionen aus. Als kleine Minderheit haben die Katholiken mit rund 100 Diözesen dennoch landesweit funktionierende Kirchenstrukturen.

Geheimabkommen seit 2018

Unter Papst Benedikt XVI. (2005-2013) und noch mehr unter dem Jesuiten Franziskus (2023-2025) intensivierte der Heilige Stuhl seine Bemühungen um eine Normalisierung der Beziehungen. Anfang 2018 erkannte der Vatikan mehrere regimetreue, ohne Einverständnis Roms eingesetzte Bischöfe an. Zudem soll er zwei Untergrundbischöfe gebeten haben, zurückzutreten und so Platz für Peking genehme Kandidaten zu machen.

Im Herbst 2018 schliesslich teilte der Vatikan den Abschluss eines «vorläufigen Abkommens» über die Frage der Bischofsernennungen mit. Papst Franziskus erkannte damals alle ohne Zustimmung Roms geweihten Bischöfe an. Trotz der fast einhelligen Einschätzung, die Lage der Untergrundkatholiken habe sich zuletzt eher verschlechtert als verbessert, verlängert der Vatikan das Abkommen seither alle zwei Jahre.

Die Vereinbarung sei ein wichtiger Schritt eines langfristig angelegten Dialogs, heisst es offiziell. Das Verfahren: Ein der Partei genehmer Kandidat wird benannt, aber erst nach Zustimmung des Papstes zum Bischof geweiht. Auf diese Weise ist für Peking gewährleistet, dass alle Bischöfe auf Parteilinie fahren.

Untergrundkirche wird ausgeschlichen

Derzeit liegt das Verhältnis von «patriotischen» und Untergrundbischöfen noch bei etwa drei zu eins, bei denen im Amt schon bei etwa fünf zu eins. Der Untergrund wird aber durch das Abkommen und qua Alter quasi ausgeschlichen. Immer mehr Untergrundkatholiken sehen sich gezwungen, zur «Patriotischen Vereinigung» überzutreten.

Der wohl schärfste Kritiker dieser Annäherung an Chinas Regime kam und kommt aus dem Beratergremium des Papstes selbst. Kardinal Joseph Zen Ze-kiun, von 2002 bis 2009 Bischof von Hongkong, sprach von Naivität, später gar von einem Ausverkauf und Verrat. In China sei «alles Fake»; es herrsche eine Kultur der Lüge. Der Vatikan lasse sich von Peking über den Tisch ziehen, so Zen – und die papsttreuen Untergrundkatholiken dafür im Regen stehen.

Der Kardinal wörtlich: «Nach all diesen Jahren, in denen sie so viel gelitten haben. Rom hat ihnen immer gesagt: Haltet durch. Und jetzt soll es plötzlich heissen: Ergebt euch. Das ist eine Tragödie.» Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin forderte Zen sogar zum Rücktritt auf – wegen «Verrats des katholischen Glaubens». Die vatikanische Nummer zwei liefere seine Herde «den Wölfen zum Frass».


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/warum-sich-das-rote-china-und-der-weissgelbe-vatikan-nicht-gruen-werden/