Warum Raymundo Pastrana mit Arbeitskollegen den Rosenkranz betet

Raymundo Pastrana (31) ist Mitglied beim Opus Dei. Die katholische Organisation ist für den Mexikaner, der seine Heimat 2019 verliess, zur zweiten Familie geworden. Beim «Werk Gottes» hat er Freunde gefunden, die seinen Glauben teilen. Diesen Glauben will er nicht verstecken, sondern in der Welt bezeugen.

Barbara Ludwig

Raymundo Pastrana wohnt in Kreuzlingen und arbeitet in Bussnang TG. Zum Gespräch mit der Journalistin ist er ins Studentenhaus Allenmoos in Zürich gekommen. Diesen Ort kennt Pastrana gut. Hier treffen sich jeden Sonntag junge Männer, Mitglieder der katholischen Organisation Opus Dei wie er, um in der Bibel zu lesen, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen, aber auch um Fussball zu spielen, Filme anschauen oder zusammen ein Bier zu trinken.

«Als ich 2023 in die Schweiz kam, war es, als ob ich hier schon eine Familie hätte. Das Opus Dei hat mir sehr geholfen bei der Integration», erzählt Pastrana, der in Mexiko in einer katholischen Familie aufgewachsen ist. Denn hier habe er niemanden gekannt. Der 31-Jährige hatte zuvor in Spanien gelebt und bereits dort die theologische Ausbildung begonnen, die jedes angehende Mitglied der Organisation absolvieren muss. Seit 2024 ist er offiziell Mitglied.

Die Mutter und Corona

Der Anstoss, sich dem Opus Dei anzuschliessen, sei ursprünglich von seiner Mutter gekommen, nachdem er 2019 Mexiko verlassen hatte. «Sie wissen schon, wie eine Mama ist, oder? Sie kümmert sich richtig um ihre Söhne und Töchter. Sie sagte: ‹Ray, du bist jetzt in Spanien. Suche bitte eine katholische Gruppe. Es ist nicht gut, dass du allein bist.›» Pastrana nahm sich das zu Herzen. Weil seine Grosseltern mütterlicherseits Mitglied beim «Werk Gottes» sind, entschied er sich schliesslich für das Opus Dei.

Pastrana spricht aber auch von einer «Bekehrung», die in die Zeit der Corona-Pandemie fiel. Da habe er sich, auch angesichts der von der spanischen Regierung verhängten Massnahmen, viele Fragen über Freiheit und Wahrheit gestellt. Bei diesem Prozess der Bekehrung habe ihn ein Mitglied von Opus Dei begleitet. «Mit ihm, der jetzt ein guter Freund von mir ist, habe ich interessante Diskussionen über den Glauben geführt.»

«Dass ich die Beziehung zu Gott als Erwachsener wieder aufnahm, hat meine Welt komplett verändert.»

Dank ihm habe er auch festgestellt, dass er in einer «Lüge» lebe. Er sei zwar am Sonntag in die Heilige Messe gegangen, habe aber im Übrigen keine Beziehung mehr mit Gott gehabt, auch keinen Lebensplan, erzählt Pastrana. «Die dadurch entstandene Leere habe ich versucht zu füllen – mit Partys, mit Frauen, Videospielen, einfach mit dem, was die Welt so anzubieten hat.»

Im Austausch mit dem Freund wuchs der Wunsch, die innere Spaltung zu überwinden und sich erneut Gott zuzuwenden. Die Auseinandersetzung mit Fragen wie «Warum glaube ich an Jesus? Warum glaube ich, dass es Gott gibt?» habe seinen Glauben gefestigt, sagt Pastrana. Er spricht von einem Wendepunkt in seinem Leben. «Dass ich die Beziehung zu Gott als Erwachsener wieder aufnahm, hat meine Welt komplett verändert. Ich habe mich auch von meiner damaligen Freundin getrennt. Unsere Werte waren schlicht nicht kompatibel.» Zum Beispiel beim Thema Abtreibung, die er ablehnt, sie hingegen nicht.

Über Mittag Rosenkranzgebet mit Arbeitskollegen

Unterdessen ist das Gebet ein fester Bestandteil seines Lebens. Pastrana nimmt sich morgens und abends 15 bis 20 Minuten Zeit dafür. Er arbeitet als Maschineningenieur beim Schienenfahrzeughersteller Stadler Rail in Bussnang. Über Mittag zieht es ihn für einen Moment der Stille in die nahegelegene katholische Pfarrkirche. Und auf der Heimfahrt mit dem Zug betet er den Rosenkranz. Einen Rosenkranz habe er immer dabei, sagt Pastrana und holt eine kleine Gebetskette aus der Hosentasche.

Pastrana sagt auch, er wolle seinen Glauben nicht verstecken, sondern seine Meinung zu bestimmten Dingen aus christlicher Sicht darlegen, oder anderen Menschen erklären, warum er an Gott glaube.

Am Arbeitsplatz in Bussnang habe er zum Beispiel einige Katholiken kennengelernt. Die Gruppe von vier Männern trifft sich jede zweite Woche zum Mittagessen und geht anschliessend zur Kirche hinüber, um dort gemeinsam den Rosenkranz zu beten. Angefangen hat das vor über einem Jahr. «Vor fünf Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, das so etwas möglich ist», sagt Pastrana.

Im Job «ein Diener für andere» sein

Der Gründer des Opus Dei, Josefmaria Escriva, hielt es für wichtig, dass die Menschen «ihre Arbeit heiligen». Was heisst das konkret? Pastrana erklärt: Einerseits versuche er, seine Arbeit gut zu machen, richtig und pünktlich. «Perfekt muss sie nicht sein, das kriege ich aufgrund des knappen Zeitbudgets nicht hin. Aber ich gebe mein Bestes mit dem Ziel, die Arbeit der anderen zu erleichtern. Ich bin also ein Diener für andere.»

Andererseits gehe es darum, für seine Arbeitskollegen da zu sein, offen zu sein, wenn sie über ihre Sorgen sprechen möchten. Dazu gehöre auch, freundlich zu sein gerade mit «komplizierten Menschen». Indem man das Gespräch mit den schwierigen Menschen suche, wenn man für sie bete und sie mit Liebe betrachte, heilige man sich selbst, sagt Pastrana.

«Kalt duschen ist immer hart.»

Opus-Dei-Mitglieder sollen sich auch mittels Askese heiligen. Wie hält es Pastrana damit? Vom Bussgürtel, den ein Teil der Mitglieder trägt, spricht der junge Mann nicht. Doch für ihn gehört Askese zum Glauben dazu, wie es auch die katholische Kirche lehre. Zum Beispiel morgens kalt duschen. «Am Anfang war das sehr hart. Jetzt versuche ich es jeden Tag. Aber ich schaffe es nicht immer. Kalt duschen ist immer hart.»

Morgens sofort aufstehen, wenn der Wecker klingelt, gehört ebenso zur asketischen Praxis. «Also kein Snooze, sofort raus aus dem Bett», sagt Pastrana und schmunzelt. Oder der Verzicht auf «dieses Ding». Der junge Mann und hält sein Handy in die Höhe. Er sei handysüchtig, es sei besser für ihn, das Gerät weniger zu nutzen.

Der Sinn der Askese sei es, die damit verbundenen Schmerzen «Gott im Gebet zu opfern» und ihn zu bitten, anderen Menschen zu helfen, die Schmerzen erleiden müssten, ohne sich dagegen wehren zu können. Etwa Menschen im Krankenhaus.

Begleitung auf dem Glaubensweg

Pastrana sagt, das Opus Dei habe ihm viel gegeben und tue dies noch immer. Besonders schätzt er die «spirituelle Klarheit», die einem die Priester der Organisation vermitteln «Sie vermitteln einem einfach das, was die Kirche lehrt.» Die Unterstützung auf dem Weg der Heiligkeit nehme das Opus Dei sehr ernst. Eine solch intensive Begleitung auf dem Glaubensweg könne eine Pfarrei nicht leisten, ist Pastrana überzeugt.

Dem Opus Dei gehören Priester sowie Laiinnen und Laien an. Pastrana gehört zur Kategorie der Supernumerarier. Das sind Mitglieder, die grösstenteils heiraten, eine Familie gründen und einen Beruf in der Welt ausüben. Verlobt ist er bereits, mit einer Katholikin, der der Glaube ebenfalls wichtig ist. Sie besucht Vorträge beim Opus Dei, ist aber nicht Mitglied. Pastrana möchte dies nicht forcieren. «Das ist etwas zwischen ihr und Gott. Die Berufung zur Mitgliedschaft ist etwas ganz Persönliches. Das Einzige, was ich will, ist, dass sie in den Himmel kommt und glücklich ist.»


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