Bischof löste Solidaritätsvikariat in Peru auf, doch eine Schweizer Pfarrei hilft weiter

In der Baselbieter Pfarrei Aesch unterstützte Pfarrer Bernhard Schibli (80) soziale Projekte in Peru, auch gegen die Kirche selbst. Das Pfarreifest zur finanziellen Unterstützung gibt es seit 1986 bis heute. Im kommenden Jahr wird Schibli vermutlich das letzte Mal nach Peru reisen.

Boris Burkhardt

«Er demütigt, beleidigt, beschimpft und bedroht dich ständig.» – «Er schlägt dich, um eine Fehlgeburt zu erzwingen.» – «Er sperrt dich ein, lässt dich nicht hinaus, verbietet dir, deine Familie und Freunde zu sehen.»

Viele schreckliche Dinge, die Männer ihren Frauen antun können, stehen in enger Schrift auf dem DIN-A4-Zettel. «Gewalt ist ein Verbrechen. Schweig nicht – erstatte Anzeige!» lautet die Aufforderung in grosser Schrift. Und darunter das Logo der Asociación Fe y Derechos Humanos, der Stiftung Glauben und Menschenrechte.

«Mariely hat das für uns mithilfe der KI auf Deutsch übersetzt», sagt Pfarrer im Ruhestand Bernhard Schibli (80): «In Peru wird das Flugblatt natürlich auf Spanisch verteilt.» Mariely ist Kommunikationswissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Asociación Fe y Derechos Humanos, abgekürzt FEDERH. Das «H» am Ende wird nicht gesprochen wird.

Beratungsstelle für Betroffene

Mit Sitz in der peruanischen Andenstadt Puno am Titiqaqa-See kümmert sich die Stiftung neben misshandelten Frauen um Opfer von Mobbing, sexueller Ausbeutung, Sklaverei, Organhandel und erzwungenem Betteln. Wo die staatlichen Stellen in Peru versagen, können die Opfer die vierstellige Nummer des FEDERH wählen. Beratungsstellen gibt es in Puno und Juliaca, 30 Kilometer entfernt.

Schibli konnte seine ehemalige Pfarrei Aesch südlich von Basel, heute Teil des Seelsorgeverbands Angenstein, 1986 davon überzeugen, die Arbeit in Peru zu unterstützen: «Ich wollte ein nachhaltigeres Projekt vorschlagen, als etwa nur eine Schule zu bauen und sie ihrem Schicksal zu überlassen.»

Zunächst gab es die Stiftung FEDERH aber noch nicht. Vor dem Amtsantritt in Aesch in jenem Jahr war Schibli Vikar, später Jugendseelsorger im Fricktal; für drei Monate reiste er beruflich nach Südamerika, zwei davon verbrachte er in Peru in verschiedenen Pfarreien.

Dort lernte er den Schweizer Pfarrer Franz «Francisco» Gmür kennen, dessen Erfahrungen mit der sozialen Ungerechtigkeit trotz nomineller Demokratie und den wahllosen Terror durch den linksextremistischen Leuchtenden Pfad (Sendero Luminoso) ihn tief beeindruckten. «Der damalige Bischof Jesús hatte im Bistum Puno ein Solidaritätsvikariat eingerichtet, aber kein Geld dafür», berichtet Schibli. «Meine Anfrage, wie wir helfen könnten, kam gerade zu rechten Zeit.»

Laut Kirchgemeindebeschluss verpflichtete sich die Pfarrei Aesch zu einer jährlichen Unterstützung an das Solidaritätsvikariat von 30›000 Franken, wobei festgeschrieben war, dass jeweils ein Drittel zu finanzieren sei aus den Kirchensteuern, der Kollekte sowie dem Pfarreifest, das eigens für diese Unterstützung gegründet wurde. Das Pfarreifest hat sich in Bezug auf Grösse und Programm stetig verändert, findet aber bis heute statt und ist weit über die Pfarrei hinaus im Dorf beliebt.

Bischof schaffte Solidaritätsvikariat ab

Zurück nach Peru: 1998 wurde Jorge Pedro Carrión Pavlich zum Bischof von Puno ernannt. Im Gegensatz zu dessen Amtsvorgänger Jesús Mateo Calderón Barrueto bezeichnet Schibli Bischof Jorge als «sehr rechts»: «Er kann gut Deutsch; und ich habe lange mit ihm diskutiert. Er löste aber das Solidaritätsvikariat in einer Blitzaktion auf.» Glücklicherweise war das Vikariat zwar als Bischöfliches Werk organisiert, aber finanziell vom Bischof unabhängig, wie Schibli erklärt.

Das Geld sei nie an das Bistum ausgezahlt worden, fährt Schibli fort, sondern auf ein Schweizer Konto überwiesen, das ein befreundeter Schweizer Pfarrer verwaltet habe, der noch immer in Peru lebe.

Pfarrer Luis Zambrano, genannt Padre Lucho, war Schiblis peruanischer Ansprechpartner. Er hatte mit der Einstellung des neuen Bischofs gerechnet und vorsichtshalber eine öffentlich-rechtliche Stiftung vorbereitet, eben die Asociación Fe y Derechos Humanos, die sofort die Arbeit des Solidaritätsvikariates übernahm. Schibli ist Mitglied im Stiftungsrat, muss aber an keiner Sitzung teilnehmen: «Aber ich musste meinen Fingerabdruck zur Identifizierung abgeben», lacht er.

Nicht zum Lachen ist laut Schibli das Leben in Peru: «Es ist noch immer eine furchtbare Situation; die politische Lage bleibt labil.» Auch die harte Haltung der Kirche sei bestimmt von vielen Rechtsradikalen in den Ämtern. Die Peruaner begegneten den Widrigkeiten aber mit der Mentalität eines Stehaufmännchens: «Sie wursteln sich irgendwie durch.»

Auch Vorurteile in Aesch

Auch die FEDERH mache unverdrossen ihre Arbeit: «Die Mitarbeiter haben trotz der staatlichen Gewalt keine Angst um ihr Leben», versichert Schibli. Die FEDERH sei auch in staatlichen Kommissionen vertreten, leide aber unter dem Stigma, dass unter der rechtskonservativen Regierung Perus alle Proteste gegen den Staat als Terrorismus gälten. Selbst in Aesch sei er bei anderen Peruanern diesem Vorurteil begegnet, erzählt Schibli.

Fünf bis sechs Mitarbeiter sind für die FEDERH aktiv, darunter zwei Anwälte. Sie kommunizieren präventiv, beraten juristisch und klären Lehrer und Schüler als Multiplikatoren auf. Die Gewalt in Familien sei noch immer unglaublich hoch, sagt Schibli: «Hauptsächlich von Männern, aber auch von Müttern gegen ihre Kinder.» Die wenigsten Väter und Mütter seien verheiratet; durch Krieg und Terrorismus gebe es einen deutlichen Frauenüberschuss.

Letzte Reise

Alle zwei bis drei Jahre besucht Schibli den Altiplano um den Titiqaqa-See. Im September 2027 ist eine dreiwöchige Reise geplant. «Der persönliche Kontakt ist sehr wichtig; Peru ist mir zur zweiten Heimat geworden», sagt der Achtzigjährige: «Aber das wird wohl meine letzte Reise werden.» Die Anreise nach Puno sei sehr lang; und es strenge ihn immer mehr an, Spanisch zu sprechen. Und schliesslich bereiteten ihm die Höhen von bis zu 3900 Metern zunehmend Probleme. Angst um sein Leben habe er in Peru aber nie gehabt.

Das Aescher Pfarrfest bringt laut Schibli seit Jahren konstant rund 30›000 Franken ein. Inzwischen geht deshalb nur die Hälfte des Geldes nach Peru, der Rest an nationale und lokale karitative Institutionen. Dennoch hat Schibli schon bei seiner Pensionierung 2013 vorgesorgt und sein Vermächtnis durch die Gründung des Solidaritätsverein Peru gesichert.

Der Verein hat mittlerweile 130 Mitglieder aus Aesch und Umgebung und ein Budget von jährlich bis zu 50›000 Franken, mit denen er zehn Projekte in den Regionen Puno, Cusco, Arequipa und Puerto Maldonado im Süden des Landes unterstützt. Unter den Projekten sei auch die FEDERH, erklärt Schibli. «Dank der Unterstützung der Pfarrei mussten wir sie noch nicht subventionieren; aber wir könnten es jederzeit tun, wenn die Kirchgemeindeversammlung beschlösse, die FEDERH nicht mehr zu unterstützen.»


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