Ludovic Nobel: «In Europa muss der Glaube oft erst neu entdeckt werden»

Die Mis­si­ons­ge­sell­schaft Beth­le­hem, kurz SMB, ist seit über 100 Jahren auf vier Kon­ti­nen­ten mit Missionaren im Einsatz. Was denkt der Generalobere Ludovic Nobel im Interview mit kath.ch über den jüngsten Papstbesuch und über die Frage nach einer Remissionierung eines immer säkulareren Europas? Seine Antworten sind klar.

Wolfgang Holz

Herr Nobel, Sie haben sicher auch die Bilder des Papstbesuchs in Frankreich und die unglaubliche Begeisterung der Menschen gesehen. Worauf führen Sie diese Massenbegeisterung zurück – nur weil der Papst gekommen ist oder weil Sie einen Wunsch der Menschen nach Spiritualität spüren, obwohl Europa im Prinzip immer säkularer wird?

Ludovic Nobel: André Malraux wird der folgende Ausspruch zugeschrieben: «Das 21. Jahrhundert wird spirituell sein – oder es wird nicht sein.» Möglicherweise ist es, was wir derzeit erleben. Während wir einerseits feststellen, dass die Nachfrage nach Sakramenten wie Taufe oder Trauung weiter zurückgeht, beobachten wir andererseits – und zwar fast überall in Europa – ein wiedererwachendes Interesse junger Menschen am Glauben und an der katholischen Kirche. Bestimmte Werte oder religiöse Praktiken, wie etwa die Fastenzeit oder das Rosenkranzgebet, scheinen immer mehr junge Menschen anzusprechen – oft dank der sozialen Medien. Schon die Wahl von Papst Leo hat grosses Interesse geweckt, und nach Jahren, die von Missbrauchsfällen geprägt waren, erscheint das Bild der katholischen Kirche nun in einem positiveren Licht.

«Europa ist im eigentlichen Sinne kein christlicher Kontinent mehr.»

Wenn man diese Bilder von Frankreich sieht: Glauben Sie auch, dass es höchste Zeit für eine Remissionierung Europas im Sinne einer gesellschaftlichen Neuevangelisierung wäre? Sprich: Müsste man künftig nicht mehr Missionare quer durch Europa schicken anstelle nach Afrika oder nach Asien?

Nobel: Die Kongregation für die Evangelisierung der Völker in Rom umfasst zwei Abteilungen: eine für die «erste Evangelisierung» und eine zweite, jüngere für die Neuevangelisierung. Die Situation in den sogenannten Ländern mit alter christlicher Tradition hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Einerseits gibt es die Säkularisierung, andererseits eine grössere religiöse Vielfalt. Europa ist im eigentlichen Sinne kein christlicher Kontinent mehr. Auch wenn Europa noch von christlichen Traditionen geprägt ist, muss der Glaube oft erst neu entdeckt werden. Die jungen Kirchen in Afrika oder Asien benötigen jedoch weiterhin unsere Unterstützung und Solidarität. Ein Austausch zwischen «Nord und Süd» ist als eine Bereicherung zu sehen.

«Es muss sich dabei jedoch um einen echten Austausch handeln und nicht um eine Einbahnstrasse – wie sie in der Vergangenheit vom Norden in den Süden verlief und heute vom Süden in den Norden führen würde.»

Es gibt viele ausländische Priester aus aller Welt in der Schweiz – weil es in der Schweiz und in Europa immer weniger Priester gibt. Empfinden Sie diese Situation des Mangels nicht auch als einen positiven Akt der Remissionierung aus der Sicht afrikanischer und asiatischer Priester beispielsweise?

Nobel: Wie ich bereits sagte, ist ein Austausch zwischen den jungen Kirchen Asiens oder Afrikas und den sogenannten Kirchen der alten Christenheit zweifellos eine Bereicherung für beide Seiten. Es muss sich dabei jedoch um einen echten Austausch handeln und nicht um eine Einbahnstrasse – wie sie in der Vergangenheit vom Norden in den Süden verlief und heute vom Süden in den Norden führen würde. Die Missionsgesellschaft von Bethlehem untersteht ihrerseits der Abteilung für die Erstevangelisierung bei der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Wenn wir heute in Afrika Priester ausbilden, geschieht dies nicht, damit sie alle nach Europa oder in die Schweiz kommen, um dort zu arbeiten. Unser Engagement gilt nach wie vor vorrangig den jungen Kirchen und den am stärksten Benachteiligten in Asien, Afrika und Lateinamerika.

*Der 48-jährige Ludovic Nobel hat als jüngstes Mitglied der Missionsgesellschaft Bethlehem Immensee am 1. Oktober 2023 die Leitung der SMB übernommen.


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