Auf seiner Reise durch Frankreich hat Papst Leo XIV. viele öffentliche Auftritte absolviert. Er begeisterte grosse Menschenmassen, vermochte dabei aber auch durch seine moralische Stärke zu beeindrucken.
Stefan Betschon
Wo zwei oder drei Menschen zusammenkommen, um zu beten, ist Gott mitten unter ihnen. Wenn mehrere Hunderttausend Menschen zusammenkommen, um zu beten, ist Gott auch da. Es ist dann aber nicht ein anderer, besserer Gott. Trotzdem lassen wir Menschen uns von grossen Zahlen und von statistischen Hochrechnungen gerne beeindrucken.
Die Menschenmengen, die sich in Paris aus Anlass des Papstbesuchs versammelt haben, waren sehr gross, grösser als erwartet und grösser als je zuvor bei einem Auftritt eines katholischen Kirchenoberhaupts in Frankreich. Rund 800’000 Menschen füllten die Champs-Élysées und die Place de la Concorde, um am Samstag zusammen mit dem Papst Gottesdienst zu feiern.
In Frankreich, dem Land der Laizität, sei die «Papamania» ausgebrochen, schrieb die «Neue Zürcher Zeitung». Französische Christen bereiteten dem Papst, so hat der Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» beobachtet, einen «Empfang wie für einen Popstar». «Le pape en rock star» titelte die französische Tageszeitung «Libération».
Doch was die Menschen beeindruckt, ist nicht eine Pop-Star-Attitude, ein Rock-n-Roll-Charisma. Es ist moralische Stärke. Leo XIV. kritisierte das «sinnlose Gemetzel» des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, bezeichnete die europäischen Bemühungen um eine Wiederaufrüstung als illusionär. Er wandte sich gegen Abtreibung und gegen den assistierten Suizid. In Lourdes thematisierte der Papst den sexuellen Missbrauch durch Kleriker. Das sei eine «schmerzhafte Wunde».
«Da ist ein Weltpolitiker, zu dem wir aufschauen können», überschrieb das «Wall Street Journal» am Montag einen Meinungsbeitrag. Der Staatschef des kleinsten Landes auf der Welt, Papst Leo XIV., habe als «World leader» Respekt verdient.
Dass Päpste neuerdings viel in der Welt herumreisen, daran habe man sich gewöhnt, dass sich dabei viel Publikum einfinde – kein Grund für grossartige Schlussfolgerungen. Papstreisen seien halt zuallererst ein Spektakel. Doch nun in Paris anlässlich des Besuchs von Leo XIV. habe sich etwas «zutiefst Spirituelles» ereignet.
Der Journalist versucht sich in das Publikum hineinzuversetzen, das dem Papst zujubelt: «Menschen, die des Zerfalls ihrer Gesellschaften und des Verlusts ihrer Identität überdrüssig sind, die besorgt sind über den seelenlosen Vormarsch von Säkularismus und Relativismus, der die Gleichheit aller Glaubensrichtungen und des Nichtglaubens predigt; die Angst, dass die Zivilisation, die sie geerbt haben, nicht mehr existieren wird, wenn sie soweit sind, etwas an ihre Kinder weiterzugeben; Entfremdung angesichts der sich beschleunigenden technologischen Revolution, die ihre Existenzgrundlagen, ihr Leben und sogar das Wesen des Menschseins bedroht.» Für die vielen Fragen, die diese Menschen quälten, habe der Papst eine überzeugende Antwort parat.
Wenn ein Pfarrblatt so schreibt, wäre das nicht der Erwähnung wert. Doch diese Sonntagspredigt am Montag ist nachzulesen in einer traditionsreichen, einflussreichen Wirtschaftszeitung. Auch wenn der Ruf dieser grössten Zeitung der USA jüngst infolge einer dümmlichen Verehrung für Donald Trump gelitten hat, wird das «Journal» für seine gut informierten ökonomischen Analysen noch immer rund um die Welt geschätzt. Und nun sieht sich dieses Zentralorgan des Kapitalismus berufen, das Oberhaupt der katholischen Kirche gegen einen Erzkapitalisten wie Peter Thiel zu verteidigen. Thiel hatte den Papst als nützlichen Idioten im Dienst der kommunistischen Partei Chinas geschmäht.
Doch der Papst, so das «Journal», sei «der einzige Mensch auf der Welt, zu dem die meisten von uns aufschauen» könnten. «Wohin wir auch blicken, werden wir von einer Karikaturparade des Grotesken, des Unfähigen und des Unbedeutenden angeführt: politische Führer von ungeheurer Eitelkeit und geistiger Leere, eine Führungsklasse aus der Wirtschaft, die sich immer grössere Reichtümer aneignet, während sie gleichzeitig uns anderen gegenüber immer moralisierender auftritt, Influencer, Popstars und Prominente – ein galoppierendes Sammelsurium narzisstischer Niemande».
Wer sich als Christ hin und wieder fühlt, als wäre er allein «unter Heiden» (Buchtitel von Tobias Haberl), der dürfte die TV-Übertragungen aus Paris diese Woche genossen haben, der Anblick dieser riesigen Menschenmenge, die die Nähe zur katholischen Kirche sucht. Doch es zeigten sich hier in der medialen Öffentlichkeit nicht nur viele Christen, sondern auch Christen eines neuen Typs.
Die anekdotische Evidenz der Medienberichte wird durch statistische Untersuchungen erhärtet. Die neuesten Zahlen zur Schweizer Kirchenstatistik, die das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) vergangene Woche präsentiert hat, zeigen neben einer Erosion auch einen «Gestaltwandel» der Kirche. Die Statistiker sehen Hoffnung «aufkeimen», sie glauben neue Formen christlichen Lebens entdeckt zu haben: «Religion wird öffentlicher gelebt, selbstbewusster gezeigt und mit entsprechenden Inszenierungen, Symbolen und Bekenntnissen ausgedrückt.»
Als der Papst zurück in Rom anlässlich einer Generalaudienz am Mittwoch auf die vier Tage in Frankreich zurückblickte, wählte er – so berichtet «Vatican News» – das Wort «Wiedergeburt», um seine vielfältigen Eindrücke in einen Zusammenhang zu bringen. Er dachte dabei an die Kathedrale von Paris, die nach einem verheerenden Brand wieder neu aufgebaut worden ist, er dachte aber auch an die «Kirche aus Menschen», die ihm ebenfalls vorkommt, als sei sie renoviert worden. Anlässlich der Jugendvigil im Pariser Stade de France habe er aufmerksame und gerührte Gesichter» gesehen, eine «neue Generation», deren «Neu-Sein» nicht in ihrem jugendlichen Alter bestehe, sondern «in der Freiheit des Herzens und des Glaubens».
«Vatican News» hat während der Papstreise in Frankreich mit einem 24-jährigen Studenten gesprochen, der erst vor drei Jahren getauft worden ist. Er sieht sich selbst als Vertreter eines neuen Christentums. Diese neue Form von Religiosität, so erklärt er, werde geprägt durch Menschen, die ihr Christsein nicht einfach von den Eltern übernommen, sondern die sich selbst dafür entschieden haben.
Die neuen Christen – sie seien herzlich begrüsst. Hoffentlich ist ihnen das Erbe, das «alte» Christen in den vergangenen 2000 Jahren erarbeitet haben, nicht Bürde, sondern Inspiration, die sie dereinst jungen Menschen gerne weitergeben.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant