Valentine Koledoye: «Sehe im Papstbesuch tiefere Sehnsucht der Menschen nach Gott»

Der Papstbesuch hat nicht nur in Frankreich eine Euphorie ausgelöst. Wie hat Bischofsvikar Valentine Koledoye vom Bistum Basel im Interview mit kath.ch diesen Papstbesuch erlebt? Und könnte der Besuch von Papst Leo XIV. auch der Start für die Remissionierung eines säkularen Europas sein?

Wolfgang Holz

Herr Koledoye, Sie haben sicher auch die Bilder des Papstbesuchs in Frankreich und die unglaubliche Begeisterung der Menschen gesehen. Worauf führen Sie diese Masseneuphorie zurück – nur weil der Papst gekommen ist, oder weil Sie einen Wunsch der Menschen nach Spiritualität spüren, obwohl Europa im Prinzip immer säkularer wird?

Valentine Koledoye: Mich hat besonders die Beteiligung junger Menschen beeindruckt. Natürlich ist es eine besondere Gelegenheit, den Papst im eigenen Land zu erleben. Doch ich sehe darin auch eine tiefere Sehnsucht: nach Gott, nach Hoffnung und nach einer friedlicheren Welt. Volle Plätze bedeuten noch keine vollen Kirchen. Sie erinnern uns aber daran, dass die spirituellen Fragen der Menschen lebendig bleiben – auch in einer säkularen Gesellschaft.

«Ein Papstbesuch kann eine Tür öffnen.»

Wenn man diese Bilder sieht: Glauben Sie auch, dass es höchste Zeit für eine Remissionierung Europas im Sinne einer gesellschaftlichen Neuevangelisierung wäre?

Koledoye: Ja, wenn Neuevangelisierung bedeutet, das Evangelium für die Menschen von heute erfahrbar zu machen. Sie beginnt mit Zuhören – einer Grundhaltung der Synodalität. Was bewegt die Menschen, und was trägt sie? Ein Papstbesuch kann eine Tür öffnen. Danach braucht es vor Ort Menschen, die diese Offenheit weitertragen: durch glaubwürdigen Glauben, persönliche Begegnungen und gelebte Nächstenliebe.

«Mein Grundgedanke blieb: Als Priester bin ich zum Dienen berufen.»

Sie kommen aus Nigeria, einem afrikanischen Land mit Millionen von Christen. Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie als Priester nach Europa gekommen sind?

Koledoye: Ich kam mit dem Wunsch zu dienen und die Botschaft Christi von Liebe, Frieden und Solidarität mit den Menschen zu leben. Vieles musste ich zunächst kennenlernen: die Kultur, die Zusammenarbeit von Seelsorgerinnen und Seelsorgern und das duale System mit seinen unterschiedlichen Verantwortlichkeiten. Das war anfangs herausfordernd und wurde mit der Zeit bereichernd. Mein Grundgedanke blieb: Als Priester bin ich zum Dienen berufen. Dazu gehört, die Menschen und ihre Lebenswelt verstehen zu lernen.

«Meine Herkunft prägt mich; die Menschen in der Schweiz haben mich ebenso geprägt und bereichert.»

Wie fühlen Sie sich jetzt?

Koledoye: Ich fühle mich hier zu Hause und als Teil der kirchlichen Familie. Ihre Freuden und Herausforderungen sind auch meine. Begegnungen entstehen für mich ebenso in der Pfarrei wie in Vereinen und bei Gemeindeanlässen. Dort komme ich auch mit Menschen ins Gespräch, die wenig Verbindung zur Kirche haben. Meine Herkunft prägt mich; die Menschen in der Schweiz haben mich ebenso geprägt und bereichert.

Warum wird Europa aus Ihrer Sicht immer säkularer: Trotz materiellen Wohlstands brauchen doch alle Menschen auch eine Verankerung in einer spirituellen Hoffnung wie einer Religion etwa?

Koledoye: Religiöse Bindungen werden weniger selbstverständlich. Die Frage nach dem Sinn des Lebens bleibt. Wohlstand kann vieles erleichtern, aber er beantwortet nicht jede Frage nach Leid, Hoffnung und Geborgenheit. Gerade in Gesprächen vor der Firmung erlebe ich Jugendliche, die tief nach Gott und Gerechtigkeit fragen. Das macht mir Hoffnung. Unsere Aufgabe ist, ihnen zuzuhören und ihnen Raum zu geben, ihren Glauben zu entdecken.

«Unser Dienst soll die Berufungen vor Ort stärken.»

Es gibt viele ausländische Priester aus aller Welt in der Schweiz – weil es in der Schweiz und in Europa immer weniger Priester gibt. Empfinden Sie diese Situation des Mangels nicht auch als einen positiven Akt der Remissionierung aus der Sicht afrikanischer und asiatischer Priester?

Koledoye: Ich spreche lieber von Solidarität der Weltkirche. Europäische Missionare haben in Afrika und Asien vielerorts am Aufbau von Ausbildungsstätten mitgewirkt. Dass heute dort ausgebildete Priester in Europa dienen, ist auch eine Frucht dieser Arbeit. Unser Dienst soll die Berufungen vor Ort stärken und die Zusammenarbeit mit allen fördern, die hier Verantwortung tragen. Die Weltkirche lebt vom gegenseitigen Geben und Empfangen – im Dienst der Botschaft Christi von Liebe und Frieden.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/valentin-koledoye-sehe-im-papstbesuch-tiefere-sehnsucht-nach-gott-und-nach-hoffnung-auf-eine-friedlichere-welt/