In Bolivien auf den Spuren von Martin Schmid, Schweizer Jesuit und Missionar

Wie eigenartig, hier in einer 300 Jahre alten Kirche in San Rafael zu stehen: Man folgt den Spuren eines Mannes, der 1726 seine Heimat verliess, um in die bolivianische Chiquitania im Amazonasgebiet zu gelangen: des Schweizer Jesuiten, Musikers, Architekten und Orgelbauers Martin Schmid. Ein persönlicher Eindruck.

Chiara Gerosa / catt.ch

Im Inneren der Kirche betrachte ich die gedrehten Holzsäulen, die bemalten Wände und die prächtigen Verzierungen. Ich bin mit Missio anlässlich des Monats der Weltmission hierhergekommen, in dessen Mittelpunkt in diesem Jahr Bolivien steht, und für die Sendung Strada Regina. Die Idee ist, Martin Schmid anhand seiner zahlreichen Werke neu zu entdecken.

Doch nach einigen Tagen verändert sich meine Fragestellung. Mich interessiert nicht mehr nur, was Schmid geschaffen hat, sondern auch, was davon geblieben ist. Die Kirchen natürlich und die Notenblätter. Aber auch etwas, das weniger sichtbar ist.

Schmid baute mit dem, was er vor Ort vorfand: Holz, Lehm und andere lokale Materialien. Für die grossen Bauwerke waren jedoch Tausende von Menschen nötig. Seine Geschichte ist deshalb nicht die eines Europäers, der all dies allein geschaffen hätte.

Eine Geschichte der Begegnungen

Von Anfang an ist es eine Geschichte von Begegnungen, vom Lernen und von Händen, die gemeinsam arbeiten. Dabei liessen die Missionare den Glauben, den sie mitbrachten, auch Raum für die überlieferten Bräuche der Bevölkerung. Ein Beispiel dafür ist der Tanz der Yarituses, ein festlicher und religiöser Brauch aus der bolivianischen Region Chiquitania, genauer aus der Stadt San Javier.

Dieses alte indigene Fest mit Tänzen, Musik und Ritualen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Es bestand bereits vor der Ankunft der Jesuiten und wird bis heute gefeiert. Wenn von Tradition die Rede ist, geht es nicht darum, einen Brauch wie in einer Vitrine zu bewahren. Es geht um Verantwortung, Respekt und ein Versprechen.

3’000 Partituren gefunden, mehr als 5’000 Werke

Zu den Entdeckungen, die mich am meisten überrascht haben, gehört die Musik. Im Archiv der Kleinstadt Concepción wurden fast 3’000 Partituren gefunden, die mehr als 5’000 Werke umfassen. Einige stammen aus Europa. Viele sind anonym und wurden von Menschen aus der Region geschrieben.

Die von den Missionaren mitgebrachte Musik blieb nicht einfach unverändert. Sie wurde erlernt, angepasst und weiterentwickelt. Heute gibt es in den Dörfern Musikschulen, in denen bereits wenige Jahre alte Kinder lernen, Noten zu lesen und Instrumente zu spielen, die auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblicken.

* «Strada Regina» ist eine religiöse Fernsehsendung der Radiotelevisione svizzera (RSI), die in Zusammenarbeit mit dem Bistum Lugano produziert wird.


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