Am 23. September 1968 starb Pio von Pietrelcina in San Giovanni Rotondo. Kaum ein Heiliger des 20. Jahrhunderts löste schon zu Lebzeiten derart gegensätzliche Reaktionen aus wie er: Während ihn Gläubige verehrten und in Scharen zu ihm pilgerten, begegneten ihm die Kirchenoberen über Jahrzehnte mit Misstrauen.
Francesco Forgione kam am 25. Mai 1887 im süditalienischen Pietrelcina zur Welt. Er wuchs als Sohn einer Bauernfamilie in der Provinz Benevento auf. Er war das achte Kind von Grazio Forgione und Maria Giuseppa di Nunzio. Eine seiner drei jüngeren Schwestern wurde Birgittin. Schon als Jugendlicher fühlte sich Francesco zum Ordensleben berufen.
Im Alter von etwa 14 Jahren fasste er den Entschluss, Kapuziner zu werden. Im Juli 1902 bewarb er sich bei dem Orden in San Giovanni. Nach Abschluss seiner Schulzeit trat er am 6. Januar 1903 mit 15 Jahren als Postulant in das Kapuzinerkloster von Morcone ein. Wenige Wochen später, am 22. Januar, erhielt er bei seiner Einkleidung den Ordensnamen Pio («der Fromme»).
Zum Wendepunkt wurde der 20. September 1918. Nach eigener Schilderung zeigten sich nach einer Vision Wunden an seinen Händen, Füssen und an der Seite. Sie wurden als Stigmata gedeutet – als Wundmale Christi, wie sie in der katholischen Tradition auch mit Franz von Assisi verbunden werden. Padre Pio trug später häufig fingerlose Handschuhe. Die Wunden sollen bis kurz vor seinem Tod sichtbar gewesen und danach verschwunden sein.
Die kirchlichen Behörden begegneten dem Phänomen zunächst mit grosser Skepsis. Mehrere Ärzte und kirchliche Beauftragte untersuchten Padre Pio. Der Pathologe Amico Bignami hielt 1919 auch eine Entstehung der Wunden durch chemische Substanzen für möglich. Der Franziskaner und Mediziner Agostino Gemelli äusserte sich ebenfalls kritisch und kam zum Urteil, dass Forgione ein Mann sei von «eingeschränktem Wissensbereich, niedriger psychischer Energie, monotonen Ideen und wenig Willen».
Auch eine apostolische Visitation brachte keine eindeutige Klärung. 1923 erklärte das Heilige Offizium, es gebe keine ausreichenden Belege für einen übernatürlichen Ursprung der Padre Pio zugeschriebenen Phänomene. Zeitweise durfte er nicht öffentlich die Messe feiern. 1931 wurde ihm auch das Beichthören untersagt. Die Einschränkungen wurden später schrittweise wieder aufgehoben.
Die Zweifel verschwanden damit nicht. Auch Papst Johannes XXIII. äusserte sich in privaten Aufzeichnungen ausgesprochen kritisch über den Kapuziner. Jahrzehnte später griff der italienische Historiker Sergio Luzzatto die Kontroversen erneut auf und verwies unter anderem auf Dokumente über die Beschaffung von Karbolsäure. Ob die Stigmata übernatürlichen Ursprungs waren, blieb umstritten.
Während Rom skeptisch blieb, wuchs die Verehrung Padre Pios. Menschen aus ganz Italien und später aus aller Welt kamen nach San Giovanni Rotondo. Viele wollten bei ihm beichten, andere erhofften sich Heilung. Zahlreiche Wunder und unerklärliche Genesungen wurden mit ihm in Verbindung gebracht.
Padre Pios dauerhaftestes Werk entstand jedoch nicht im Beichtstuhl. 1940 stiess er den Bau eines Krankenhauses an. Die «Casa Sollievo della Sofferenza» – das «Haus zur Linderung des Leidens» – wurde 1956 eröffnet und entwickelte sich zu einem bedeutenden medizinischen Zentrum in Süditalien.
Padre Pio starb am 23. September 1968 im Alter von 81 Jahren. Seine letzten Worte sollen «Gesù, Maria» – «Jesus, Maria» – gewesen sein. Zehntausende Menschen kamen zu seiner Beerdigung.
1983 begann sein Selig- und Heiligsprechungsverfahren. Papst Johannes Paul II. sprach Padre Pio am 2. Mai 1999 selig. Drei Jahre später, am 16. Juni 2002, folgte die Heiligsprechung auf dem Petersplatz. Rund 200.000 Menschen nahmen daran teil. Sein Gedenktag ist der 23. September.
Die Verehrung Padre Pios ist bis heute ungebrochen. 2008 wurde sein Leichnam für die öffentliche Verehrung exhumiert. 2016 liess Papst Franziskus seine Reliquien während des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit nach Rom bringen.
Die Heiligsprechung hat die historischen Kontroversen allerdings nicht beendet. Forscher beschäftigen sich weiterhin mit der Frage nach der Entstehung seiner Wundmale, mit dem Umgang kirchlicher Behörden mit Padre Pio und mit Vorgängen rund um den Aufbau seines Krankenhauses. Auch die starke Kommerzialisierung der Wallfahrt nach San Giovanni Rotondo wurde innerhalb der Kirche immer wieder kritisiert.
So steht Padre Pio bis heute für zwei sehr unterschiedliche Geschichten: Für Millionen Katholikinnen und Katholiken ist er ein Heiliger, Fürsprecher und Seelsorger, dessen Verehrung weit über Italien hinausreicht. Zugleich bleibt er eine der ungewöhnlichsten und kontroversesten Gestalten der katholischen Kirche des 20. Jahrhunderts.
Text teilweise mit KI erstellt
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant