Julia Knop: «Am Ende entscheidet nicht Qualifikation, sondern das Geschlecht»

Wer predigen darf, wer vorne sitzt, wer welche Segensformel spricht: In der katholischen Kirche ist vieles an den klerikalen Stand gebunden. Für die Dogmatikerin Julia Knop zeigt sich darin ein grundlegendes Macht- und Geschlechterproblem. Sie fordert einen Paradigmenwechsel.

Jacqueline Straub

Wer über die katholische Kirche spricht, redet schnell über Macht und Klerikalismus. Wie sind diese beiden zu unterscheiden?

Julia Knop*: In der katholischen Kirche spricht man immer noch ungern von «Macht». Macht wird verschleiert und fromm «Dienst» genannt. Aber Macht ist nichts Schlechtes, sondern die Voraussetzung dafür, etwas zu gestalten. Wichtig ist, dass Macht nicht willkürlich ausgeübt wird, sondern geregelt ist: dass die institutionellen und persönlichen Voraussetzungen stimmen, und Kontrolle und Rechenschaftspflichten gegeben sind.

«Theologische Begründung ist nicht vom Himmel gefallen.»

Macht in der Kirche ist also nicht per se problematisch. Klerikalismus aber schon. Warum?

Knop: Klerikalismus bedeutet, dass der Unterschied zwischen Klerikern und Laiinnen und Laien alles bestimmt: die Strukturen, die Symbolik, das Miteinander. Nicht, weil ein einzelner Kleriker überheblich oder selbstgerecht ist, sondern weil das Kirchenrecht das so vorsieht. Leitungspositionen im kirchlichen Lehramt, in der Pastoral und der Liturgie sind in der Regel Klerikern vorbehalten.

In einem Beitrag in der Publikation «Gottesdienst und Macht» schreiben Sie, dass Theologie und Liturgie nicht unschuldig seien. Ist das nicht eine ziemlich provokante Aussage?

Knop: Es ist zunächst eine selbstkritische Beschreibung. Ich möchte bewusst machen, dass kirchliche Vollzüge und ihre theologische Begründung nicht vom Himmel gefallen sind. Sie sind geschichtlich gewachsen und veränderbar. Sie werden von Menschen gestaltet und erdacht.

Die liturgischen Traditionen der Kirchen sind ein grosser Schatz. Sie bringen Menschen mit Gott in Kontakt. Sie sind voller Symbolik und Tiefe. Aber natürlich bilden sie auch kirchliches Selbstverständnis ab. Es wäre naiv, das nicht zu sehen. Die katholische Kirche ist eine Meisterin der Symbolik. Für sie ist ihre hierarchische Gliederung sehr wichtig: die Vor- und Überordnung der Kleriker über die Laiinnen und Laien. Das schlägt sich in den liturgischen Vorgaben nieder.

Wird Liturgie zu stark vom Weiheamt her gedacht?

Knop: Es gibt ja sehr unterschiedliche Gottesdienstformen, nicht alle «brauchen» einen Priester. Aber je wichtiger eine Liturgie für die Kirche ist, desto stärker bindet sie deren Leitung an das ordinierte Amt. Das ist in allen Konfessionen so: Den Gottesdienst leiten und öffentlich predigen soll, wer dazu befähigt und beauftragt ist. Die Befähigung kommt normalerweise durch ein Theologiestudium und eine pastorale Ausbildung. Die Beauftragung erfolgt durch den Bischof – bei Priestern als Weihe, bei Nichtpriestern als Missio. Das Problem ist nicht, dass Leitung an Qualifikation und Auftrag gebunden wird. Das Problem ist, dass Leitung an die Weihe gebunden wird und diese nicht allen zugänglich ist.

«Es fällt schwer, das nicht ‘Diskriminierung’ zu nennen.»

Kürzlich hat der Vatikan ein Predigtverbot in Eucharistiefeiern für Laiinnen und Laien verkündet. Viele sehen darin einen Rückschlag, insbesondere für Frauen in der Kirche. Würden Sie sagen, dass sich am Predigtverbot exemplarisch zeigt, wie eng Liturgie, Macht und Geschlechterfrage miteinander verwoben sind?

Knop: Ja, hier wird ganz deutlich, wie eng Macht- und Geschlechterfragen in der katholischen Kirche verknüpft sind: Machtpositionen sind in aller Regel an die Zugehörigkeit zum Klerus gekoppelt. Kleriker sind Priester. Priester sind Männer. Am Ende entscheiden nicht Qualifikation und Auftrag, sondern das Geschlecht. Die Macht des Wortes, die Kraft der Verkündigung, wird so halbiert. Frauen haben offiziell nichts zu sagen. Es fällt schwer, das nicht «Diskriminierung» zu nennen.

Rom sagt: Die Homilie gehört zum sakramentalen Amt. Sie sagen, dass genau diese enge Verknüpfung klerikale Differenz produziert. Wer müsste sich bewegen – die Liturgietheologie oder das Amtsverständnis?

Knop: Beides, denn beides hängt eng zusammen. Ein anderes Amtsverständnis würde sich in einer anderen Gottesdienstpraxis niederschlagen. Eine veränderte Praxis bricht jetzt schon das überkommene Amtsverständnis auf. Die aktuellen Konflikte zeigen, dass es Veränderungsbedarf gibt.

Die geltenden liturgischen Vorgaben reproduzieren ja ein ganz bestimmtes Amtsverständnis. Etwa, wenn bestimmte Plätze Klerikern vorbehalten sind. Nicht die Rolle, sondern der Stand entscheidet, wo man in der Kirche sitzt. Kleriker sollen immer im Chorraum sitzen, nicht in den Bänken. Wenn eine Frau den Gottesdienst leitet – einen Wortgottesdienst, eine Taufe, eine Segensfeier –, darf sie auf keinen Fall auf dem «Priestersitz» Platz nehmen. Laiinnen und Laien dürfen in Deutschland sonntags nicht (mehr) predigen. Sie müssen auch eine andere Segensformel sprechen als Kleriker. Wer welches Gebet mitsprechen darf, ist streng reguliert. Es gilt als schwerer «Missbrauch der Liturgie», wenn dieses Rollengefüge missachtet und praktisch ein anderes Rollenverständnis als das offizielle gelebt wird.

«Klerikalismus ist tief in Normen und Verhalten eingeschrieben.»

Kann die katholische Kirche Klerikalismus überhaupt jemals überwinden?

Knop: Klerikalismus ist kein individuelles Problem, sondern so etwas wie ein Strukturprinzip der jetzigen Kirchengestalt. Er ist tief in Normen und Verhalten eingeschrieben – nicht nur bei Kirchenmännern, auch bei Gläubigen. Das macht es so schwer, ihn zu überwinden. Ein echter Paradigmenwechsel wäre nötig.

Und wie kann dieser Paradigmenwechsel geschehen?

Knop: Dass sich die römisch-katholische Kirche immer noch als Ständegesellschaft organisiert, ist gesellschaftstheoretisch völlig anachronistisch. Es ist übrigens auch ganz unbiblisch. Nach Galater 3,28 sollen Hierarchien, die in der Gesellschaft herrschen – zwischen Juden und Griechen, Sklaven und Freien, Männern und Frauen, und man könnte ergänzen: zwischen Klerikern und Laiinnen und Laien – unter Christgläubigen keine Bedeutung mehr haben. Denn alle sind einer in Christus.

Hier liegt zugleich die Chance, Klerikalismus in der Kirche zu überwinden: durch Rückbesinnung auf das eigene biblische Fundament, das die heutige Praxis kritisch infrage stellt. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte bereits wichtige Schritte in diese Richtung unternommen, vor allem durch die Würdigung des gemeinsamen Priestertums aller Getauften und ein verändertes Amtsverständnis. Dieser Paradigmenwechsel ist aber nach dem Konzil nicht wirklich aufgegriffen und gelebt worden. Die alten Muster wirkten weiter.

*Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Theologischen Fakultät und derzeit Vizepräsidentin für Studienangelegenheiten der Universität Erfurt. Sie war Mitglied der Vollversammlung und des Synodalforums 1 beim Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland. Knop hat einen Beitrag zu dem Interviewthema im Buch «Gottesdienst und Macht: Klerikalismus in der Liturgie», erschienen im Verlag Friedrich Pustet, geschrieben.


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