Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag ist ein Anlass, der von staatlicher, nicht von kirchlicher Seite initiiert worden ist. Heute ist er etabliert, zumindest bei den Landeskirchen. Aber wie kommt der Staat dazu, einen solchen Tag zu verordnen? Dies wollte eine Diskussion in Zürich herausfinden, an der sich Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften und Regierungsrätin Jacqueline Fehr trafen.
Francesco Papagni
Der Bettag hat eine lange Vorgeschichte. In Zürich herrschte Hungersnot: Lange, kalte Winter und kurze, nasse Sommer hatten zu Missernten geführt. 1571 tritt Bullinger, der Nachfolger Zwinglis, vor dem «kleinen Rat», der Regierung des Stadtstaates Zürich auf. Er redet den Herren ins Gewissen.
Die Not deutet er theologisch als Verfehlung der Menschen, die sich der «Völlerei und Trinkerei» hingegeben hätten. Moralische und Ökonomische Dekadenz gingen nach Bullinger Hand in Hand. Unter anderem verlangte er ein «gemeines Gebet», das jeweils am Dienstagmorgen in den Kirchen gehalten werden sollte. Dieses war obligatorisch, bei Nichterscheinen drohten Geldstraften. Vor allem auf dem Land gab es Widerstand. Doch das gemeine Gebet verstetigte sich und breitete sich aus. Im 19. Jahrhundert ist es auch in Schaffhausen belegt.
Ist der Bettag ein alter Zopf, fragte Felix Reich, Redakteur bei Reformiert und Moderator der Runde, Frau Regierungsrätin Fehr. Politikerinnen und Politiker würden an diesem Tag oft predigen, antwortete sie. Implizit schien sie damit eine Art Beförderung des Gemeinwohls zu verbinden. Später sagte sie dann explizit, dass es an diesem Tag für alle darum gehe, sich in ein grösseres Ganzes hineinzustellen – das gelte auch für sie als Atheistin. «Diese Übertragungen müssen wir als Staat und Religion leisten.»
Shoshana Jakobovits von der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich hatte vor der Einladung zum Podium noch nie von diesem Tag gehört. Das hänge auch damit zusammen, dass sie in Genf aufgewachsen sei, wo der «Jeûne genevois» anstelle des Bettags gefeiert werde. Die Idee des Bettags sei ihr aber sympathisch: Im Talmud gebe es einen ganzen Traktat zur Frage, wann, wo und wie ein spezieller Buss- und Bettag ausgerufen werde. An Jom Kippur würden die Juden für die Stadt, für das Land und für die ganze Welt beten.
Raphael Meyer, Zürcher Synodalratspräsident und Vorsitzender des Runden Tisches der Religionen IRT, plädierte dafür, den Tag «breiter zu denken»: Es gehe um den Dialog der verschiedenen Religionen. Man halte den IRT manchmal für eine Art Plauderrunde, das sei er aber überhaupt nicht. Vielmehr gebe er Gelegenheit, auch heikle Fragen offen und ehrlich zu diskutieren.
Der Bettag ist auch eine Reaktion auf den Kulturkampf und den Sonderbundskrieg. An einem Tag zusammenkommen, über alle Verschiedenheit hinweg. Die Religionen hätten eben zwei Seiten, meinte Regierungsrätin Fehr, sie könnten zusammenhalten oder auch spalten. Deswegen seien sie aus staatlicher Perspektive «Chance und Risiko zugleich».
Darauf reagierte der Vertreter der muslimischen Gemeinschaft, Amir Dziri, Professor für islamische Studien an der Uni Fribourg: Es gebe heute «Techmogule» und Radikale verschiedener Couleur, die sich aus religiösen Versatzstücken eine Ideologie zusammenbastelten. Er wünsche sich «mehr Widerstand von der etablierten Theologie» dagegen.
Shoshana Jakobovits erwähnte die K.I.-Enzyklika «Magnifica Humanitas» lobend und nannte diese mutig. Das Problem bestehe, dass wir Menschen und Maschinen durcheinanderbrächten. Wir sollten «Menschen wie Menschen und Maschinen wie Maschinen behandeln».
Das Gespräch hätte so weitergehen können, wenn Jacqueline Fehr diesem nicht eine politische Wendung gegeben hätte. Die Religionsgemeinschaften seien manchmal irritierend für die Politik, sie dürften sich jedoch nicht zurückhalten, um etwa die Staatsbeiträge nicht zu gefährden.
Raphael Meyer, der einzige Vertreter einer Landeskirche am Tisch, musste darauf antworten: Die römisch-katholische Körperschaft des Kantons Zürich hätte sich mit der Unterstützung der orthodoxen und der muslimischen Gemeinden der Kritik ausgesetzt, auch der innerkirchlichen. Ohne Rücksicht auf die Staatsbeiträge.
Beim Thema Politik kam der Amir Dziri auf das im Kanton Zürich geplante Kopftuchverbot zu sprechen. Dies sei eine schwere Einschränkung der Religionsfreiheit, eine «Repression». Aus liberaler Sicht würde sich eine «beklemmende Situation» abzeichnen.
Dank der umsichtigen Moderation fand die Diskussion zum Hauptthema zurück. Wozu genau ist Busse da? Gibt es kollektive Busse? Shoshana Jakobovits sah auch Grenzen: «Wenn ich im HM eine Bluse kaufe, kann ich nicht für alles Leid in der Produktionskette verantwortlich sein».
Jacqueline Fehr antwortete darauf, die kollektiven Probleme müssten politisch, nicht individualistisch angegangen werden. In der Politik seien Entschuldigung und Wiedergutmachung die Pendants der Busse.
Amir Dziri konnte mit den Begriffen Sünde und Busse wenig anfangen, weil es «die Dialektik von Sünde und Busse» im Islam nicht gebe: «Frommes Handeln macht die Welt nicht besser. Unrecht hört auf, wenn wir aufhören, Unrecht zu tun.» Raphael Meyer schickte voraus, dass er kein Theologe sei. Für ihn sei Engagement für das Gemeinwohl auch eine Form der Busse.
Die Runde war sich einig, dass die Religionen gemeinschaftsbildend fungieren würden – nicht wenig in einer Zeit radikaler Individualisierung. Und sie war sich auch einig, dass das Zusammenleben in der Schweiz besonders gut funktioniere. Shoshana Jakobovits drückte dies in einem Wort aus, Dankbarkeit. Dafür erntete sie Applaus.
Die Diskussion fokussierte zu sehr auf die Beziehung Staat-Religionsgemeinschaften anstatt die Titelfrage zu vertiefen: Was heisst es, wenn der Staat selber als Akteur in der religiösen Sphäre auftritt und die Kirchen ihm zuarbeiten? Die reformierte Kirche hat eine Tradition der Staatsnähe, die katholische hat dagegen immer auf Eigenständigkeit gepocht. Mit der Einbindung der Katholiken in den Bundesstaat wurde auch sie mit der Zeit staatsnah. Am Eidgenössischen Dank-, Buss-, und Bettag hangt eine Landesfahne in vielen katholischen Kirchen – in anderen Ländern undenkbar.
Man könnte auch die Rituale des 1. August mit den Höhenfeuern und Reden religiös deuten. Das wäre dann eine Art Religion ohne Gott, die dem Zusammenhalt des Landes dient. Dieses Konglomerat an Überzeugungen, Mythen, Selbstbildern, die bei solchen Anlässen zum Ausdruck kommen, wird Zivilreligion genannt. Und diese Zivilreligion verkünden Politikerinnen, wenn sie am Bettag auf die Kanzel steigen. Nach der Diskussion gab es ein von der bulgarisch-orthodoxen Gemeinde gestiftetes Buffet mit vorzüglichem bulgarischem Wein.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wenn-der-staat-das-beten-befiehlt-nachtrag-zum-buss-und-bettag/