Wenn eine Welle die Vatikanbibliothek verschlingt

Für Bücher ist Wasser vor allem eins: eine Gefahr. Die Vatikanbibliothek macht diese Angst nun zum Ausgangspunkt einer neuen Ausstellung. «Aqva» verbindet ihr päpstliches Erbe mit bislang unveröffentlichten Kunstwerken.

Severina Bartonitschek

(CIC) Eine riesige Welle verschluckt die Bibliothek der Päpste im Vatikan. 30 Meter hoch, 70 Meter breit, erstreckt sich die monumentale Installation des französischen Street-Art-Künstlers JR über die gesamte Gebäudefassade.

«Wasser bedeutet für einen Bibliothekar absolute Panik. Denn man kann es nicht kontrollieren und nicht aufhalten.»

Sie gibt einen ersten Eindruck von dem, was sich im Innern der Vatikanbibliothek fortsetzt: Die Ausstellung «Aqva» verbindet jahrhundertealte Bücher der Sammlung mit zeitgenössischer Kunst und widmet sich dem zerstörerischen wie lebenswichtigen Element Wasser. Jüngst eröffnete der Papst die Schau, die bis Mai 2027 geöffnet bleibt.

Die Bibliothek habe beschlossen, sich ihren Ängsten zu stellen, begründet Kurator Giacomo Cardinali die Wahl des Themas. «Wasser bedeutet für einen Bibliothekar absolute Panik. Denn man kann es nicht kontrollieren und nicht aufhalten», sagt der Vize-Leiter der päpstlichen Bibliothek. Gemeinsam mit Künstlern habe man sich mit dieser Angst auseinandergesetzt, denn «wenn man zulässt, dass sie zu viel Raum einnimmt, nimmt sie einem am Ende alles Interessante weg».

Bunte Buchstabenfische und verheerende Fluten

So entstand eine Ausstellung, die sich vor allem mit den positiven Auswirkungen des Wassers und den darin lebenden Organismen auseinandersetzt – inklusive Rezeptbüchern für Fischgerichte. Der US-amerikanische Typograph Bill Moran entwarf eigens für die Schau seine «Letterfishes» (Buchstabenfische).

Inspiriert von einer der bedeutendsten Enzyklopädien über Fische aus dem Jahr 1557, baute er15 Meerestiere mithilfe von Buchstaben im Jugendstil nach. Seine mitunter farbenfrohen Werke werden nach der Ausstellung in die ständige Sammlung des Vatikans aufgenommen.

Als Arno Hochwasser hatte…

Welche Auswirkungen Wasser auf den zerbrechlichen Wissensschatz der Menschheit haben kann, zeigt ein Ausstellungsteil über die grosse Flut in Florenz im Jahr 1966. Als der Arno über die Ufer trat, überschwemmte er auch die Säle und Lagerräume der Nationalbibliothek.

Doch obwohl das Element einerseits zerstörerisch für Papier ist, gibt es auch einen positiven Zusammenhang zwischen Büchern und Wasser, erzählt Kurator Cardinali. Denn Wasser werde auch bei ihrer Restaurierung eingesetzt. Den Vorgang zeigen Videos in der Schau.

Brückenschlag zu KI und Klimawandel

Die Ausstellung, die über ein Jahr lang vorbereitet wurde, endet, wie sie beginnt: mit einer Installation des Künstlers JR. Auf der Suche nach der perfekten Welle zeichnete der Franzose die Bewegungen des Meeres über viele Stunden auf. Das Ergebnis ist ein 60-minütiges Wellenvideo, das die dunkle Bibliothek erhellt. Der Künstler und Fotograf, der für seine Porträts im öffentlichen Raum bekannt ist, widmet sich im Vatikan ausschliesslich dem Wasser.

Zwar drehe sich seine gesamte Arbeit um Menschen, aber nicht immer im wörtlichen Sinn, erklärt er. Manchmal wolle er Menschen mit seiner Kunst dazu bringen, andere Menschen zu hinterfragen und miteinander in Interaktion zu treten.

«Wir erkennen, dass dies mit dem Klimawandel zusammenhängt, mit der Welle der Künstlichen Intelligenz, die die Welt erobert.»

Mit seinem enormen Werk an der Fassade wolle er zum Nachdenken anregen – etwa darüber, dass eine solche riesige Welle manchmal realer sein könne, als wir denken. «Wir erkennen, dass dies mit dem Klimawandel zusammenhängt, mit der Welle der Künstlichen Intelligenz, die die Welt erobert», so JR. Es gebe so viele Wellen, die die völlig unvorhersehbare Zukunft der Menschheit zeigten.

Ein Großteil seiner Arbeit bestehe darin, Brücken zu bauen. Dazu gebe es unendlich viele Möglichkeiten: zwischen Institutionen, zwischen Angst und Hoffnung, zwischen alter Architektur und einer vergänglichen Welle. Im Vatikan sei dies Teil der DNA. Der Papsttitel «Pontifex» bedeutet «Brückenbauer».


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